Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Die Kunst der Wörter

23. August 2010

 

Wörterbücher sind nur Gebrauchsgegenstände; kaum interessant genug, sie nach dem Finden des darin Gesuchten eines weiteren Blickes zu würdigen, ihre Macher eher gelehrt als interessant.

 Wir glauben, liebe Leser, dass Sie das nicht glauben.

 Sie lesen den Deutschblog und wissen mehr.

Dennoch schwingen obige Fehlurteile über Wörterbücher irgendwo in der Wahrnehmung des Phänomens mit. In seiner „Ode an das Wörterbuch“ spielt der Dichter Pablo Neruda damit, wenn er das lyrische Ich das Wörterbuch als das dicke Buch mit dem Rücken eines Ochsen apostrophiert, das Lasttier.  Das Wörterbuch wehrt sich nicht gegen Fehlmeinungen. Im Gedicht erblüht es als Baum mit unzähligen Ästen.

Während des Gangs durch das Alphabet explodieren Wörter im Licht, das Wörterbuch ist das von verborgenem Feuer erfüllte Reich der Sprache selbst, ein dichter Dschungel, über den der Dichter sagen kann:

Ich bin Teil der Erde, aber mit Wörtern singe ich.

 Mit Wörtern singe ich. In der Tat finden sich nicht wenige Beispiele dafür, dass Wörterbücher und ihre Macher sich zum Objekt literarischen Schaffens eignen.

 Ein Großer liefert dieser Tage das Buch, das die Idee zu diesem Artikel gab. Günter Grass mit seinem neuen Roman Grimms Wörter.

 Die Brüder Grimm erhielten im Jahre 1838 den Auftrag ein Wörterbuch der deutschen Sprache zu schaffen.  Doch im Laufe des Unternehmens erst stellt sich die Größe der Aufgabe heraus. Sie stehen vor einem Berg, dessen Gipfel erst von ihren Nachfolgern im Januar 1961 mit dem 32. und letzten Band des Wörterbuches erreicht werden sollte. In der Einleitung zum “Deutschen Wörterbuch”  heißt es:  “Deutsche geliebte Landsleute, welches reichs, welches glaubens ihr seiet, tretet ein in die euch allen aufgethane halle eurer angestammten, uralten sprache.” (Wir von PONS würden heute unser OpenDict als Erweiterungsbau zur “aufgethanen Halle” ergänzen).

 Ein ganz anderer Roman, der mit  dem Thema Wörterbuch zu tun hat, heißt auch so: Das Wörterbuch von Jenny Erpenbeck. Während Grimms Wörter Geschichtliches und Sprachliches um die Figuren von Wörterbuchschöpfern gruppiert, greift Das Wörterbuch den formalen Aspekt eines Wörterbuchs auf, das Gebundensein von Inhalten an einzelne Wörter.

Der Roman, dessen Handlung in einem nicht benannten, südamerikanischen Land um ca. 1980 spielt, hat als Thema die Verarbeitung von traumatischen Erlebnissen der Erzählerin und die Suche nach deren Vergangenheit.  Es sind einzelne  Wörter, die helfen, verdrängte Erlebnisse freizulegen und die Erzählerin letzendlich  ihre Freiheit zurückgewinnen lassen.

Ein Roman als Lexikon: Auch  im Titel des Romans  Kleines Wörterbuch für Liebende  der chinesischen Autorin Xiaolu Guo findet sich das magische W-Wort, genauer gesagt in der deutschen Ausgabe, die Anne Rademacher aus dem Englischen übersetzt hat.

Der Roman erzählt auf ungewöhnliche Weise die Geschichte der 23-jährigen Chinesin Zhuang, die von ihren Eltern zum Englischlernen nach London geschickt wird und sich dort verliebt. In Anlehnung an ihren Spracherwerb ist das Buch wie ein Wörterbuch angeordnet. Die Texte, die zu Einträgen wie “Isolieren”, “Held”, “Streit”, “Prostituierte” oder “Identität” sich im Roman reihen, handeln von der Verarbeitung von Fremdheit und der Aneignung einer anderen Kultur.

Einen richtigen Wörterbuch-Thriller gibt es schließlich von  Simon Winchester.  Der Mann, der die Wörter liebte handelt von der Entstehung des berühmten Oxford English Dictionary.

Im Jahre 1857 wurde ein ungewöhnliches Projekt in London initiiert. Die englische Sprache sollte in ihrer ganzen Vielfalt in einem Wörterbuch festgeschrieben werden. Erst 70 Jahre später war das vollendet, was wir heute als The New Oxford Dictionary of English kennen. Eine gewisse Ähnlichkeit zum Grimmschen Unternehmen ist unübersehbar.

Der Mann, der die Wörter liebte erzählt die wahre Geschichte der Begegnung zweier Männer. Dr. W.C. Minor ist der eine, weitgereister Amerikaner, Teilnehmer am Bürgerkrieg, später in London Mörder und Insasse einer englischen Straf- und Irrenanstalt, der sich über viele Jahre als fleißiger und akkurat arbeitender freiwilliger Mitarbeiter am Oxford English Dictionary hervorgetan hat. Der andere ist James Murray, der Herausgeber des bekannten Wörterbuchs, der seinen inzwischen unentbehrlichen Mitarbeiter einmal kennenlernen möchte. Ihm war lange Zeit nicht bekannt, wer dieser Dr. Minor war.

Vier Autoren, vier Romane, ein einleitendes Gedicht, ein abschließender Gedanke: Das Wörterbuch ist den zweiten Blick wert. Machen Sie daher nicht nach dem zweiten Klick kehrt. Mit Information und Inspiration will unser Sprachenportal dazu beitragen, dass noch mehr Männer und Frauen die Wörter lieben.

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FREUT UNS, GELESEN, LEXI, WISSENSWERTES


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