Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Adel der Wörter – Tadel der Wörter

26. August 2010

Sprachliches  innerhalb und bisweilen auch außerhalb des Sommerlochs beschäftigt in manchmal erstaunlichem Ausmaß die Medien. So finden sich zahllose Zeitungsmeldungen zu dem Umstand, dass das Wort Vuvuzela dadurch geadelt werde, dass es in das neu erscheinende Oxford Dictionary for English aufgenommen wird (das berichteten britische Medien).

Focus online spricht von einem Ritterschlag und konstatiert: “Es gibt kaum eine höhere Ehre für Wörter.”  Unter dem Aspekt der Wörterbuchkultur eine sehr aufschlussreich Behauptung, attribuiert sie doch einem Wörterbuch eine Wichtigkeit, die in der gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung von Lexikografie und Wörterbüchern nicht immer gegeben scheint.

Die Sache hat auch etwas Pikantes: Die Vuvuzela müsste demnach  ein mindestens doppelt geadeltes Stichwort, ein “Stichwort von und zu” sein – oder sagen wir: ein Stichwort von PONS und zu unserer Freude: Hatten wir doch “Vuvuzela” bereits in PONS Die deutsche Rechtschreibung aufgenommen, als das “nervigste Musikinstrument der Welt” (NZZ) noch beim kollektiven Hineinblasen zu seligen WM-Zeiten “sehr laute Geräusche” (Teil der britisch-aristokratischen Wörterbuchdefinition) machen durfte. Die Vuvuzela ist somit ganz alter Wort-Adel und wir sind stolz auf die Bekanntschaft mit ihr.

Die NZZ berichtet weiter: “Weitere englische Neuschöpfungen entstammen der Sphäre des Internets, zum Beispiel diese: «tweetup» – ein Treffen auf Einladung über Twitter, «paywall» – eine Sperre gegen Gratisnutzung von Websites, «microblogging» – Austausch über Kurzeinträge in einem Blog,«defriend» – Streichen eines Freundes aus Facebook.

Wir halten inne – “microblogging” … da war doch was! Wir entsinnen uns: “Mikroblogging” steht seit längerem in unserer Rechtschreibung, “Mikroblogging” kann stolz sein. Es ist geadelt. Von uns.  Das wollen wir in unserem Makroblogging hier mal gesagt haben.

Die NZZ fährt fort:

“Aus der Finanzwelt kommen die Neologismen «toxic debt», «deleveraging», «overleveraged», «quantitative easing», die aus Managermund prägnant und kompetent tönen, auch wenn man sie nicht versteht.”  Nun, es kann doch ganz praktisch sein, wenn nicht alle immer alles verstehen.

“Der [sic; wir würden "das Dictionary" sagen]  «Oxford Dictionary for English», das massgebliche Wörterbuch für zeitgenössisches Englisch, erscheint am Donnerstag in dritter Auflage. Insgesamt wurden 2000 neue Begriffe aufgenommen. Einige der neuen englischen Wortkreationen werden wohl auch ins Deutsche einsickern oder haben das schon getan. Damit muss man sich abfinden, auch wenn man es nicht cool findet.”

Das klingt jetzt aber ein bisschen  traurig, … “sich abfinden” – da schwingt ein Bedauern mit, eine abwehrende Haltung. Was sie zu implizieren scheint, ist, dass die “ehrliche”, “geradlinige” und “eigentliche” sprachliche Bezeichnung für deutsche Sprecher /Schreiber bitteschön ein deutsche zu sein habe. Und dass die Wahl “undeutscher” Bezeichnungen eine irgendwie sekundäre, nicht zu sagen fast unlautere Motivation hat oder haben könnte, z.B.  das kommunikative Gegenüber mir “Coolness” zu blenden.   Ist diese Sicht eine moderne?

Lesen wir, was ein gewisser Kaspar Stieler 1691 schreibt:

“Kein Ungar/Böme/Moskowit/wird seiner Rede solche bunte und närrische Flicklappen ankleistern/als die schandkützliche Stiefteutsche zuthun pflegen. Die Römer/ ob sie gleich den halben teil ihrer Sprache denen Griechen/ die andere Helfte aber uns Teutschen zu danken haben/ hätten dennoch sich eher in einen Finger gebissen/ als in einer offendlichen Kunstrede oder bey ansehnlicher versammlung ein griegisch Wort eingelappet […] Der Franzos nimmet wol teutsche Soldaten an/ und besoldet sie/ er nimmet aber keine teutsche Wörter mehr an/ ist auch denenselben dergestalt spinnenfeind/dass er die in seiner Sprache von Alters her gebrauchte Teutsche und Zeltische Wörter/immer nach und nach ausgemustert/ und davor andere einschaltet/so/entweder aus dem zerbrochenen Latein entlehnet/oder aufs neue von ihnen erdacht worden. Man hat schon eine geraume Zeit her wieder solche Neugierigkeit der Teutschen gesungen und gesagt;  Aber/da hilft weder warnen noch weisen/da muß employiren/engagiren/incaminiren/charge, parole &c. mit unterpartiret werden/es gerate oder verderbe. Ja es scheinet/ als wann man wißens  und willens barbarisch werden/und durch die Schande/so man der herrlichen und allerreichsten Teutschen Sprache antuht/eine Gloire (denn Ruhm/Preis und Ehre ist viel zu schlecht) erbetteln wolle.”

Man sieht also: Nil novi sub sole. Doch ein Problem bleibt, wollte man dem Deutschen “Ruhm , Preis und Ehre” erweisen, und z.B. “toxic debt” auf Deutsch ausdrücken.  Der “banks and finance”-Teil des britischen Telegraph klärt uns auf:

“What are “toxic” debts? “Toxic” debt has become shorthand for the various asset classes hard hit by the financial crisis, such as sub-prime mortgages – the original “toxic” asset.”

Und was wäre das nun?  “Giftschulden?” “Giftige Schulden?” “Toxische Schulden?”  Man sieht:  ” in offendlicher Kunstrede ein  Wort eingelappet” kann vor manchem Trouble bewahren – oder wollte ich sagen: Unbill?

Liebe Leser, wie halten Sie es mit dem Englischen und Denglischen? Bleiben Sie “cool” – oder reden Sie Klartext?  Wir freuen uns auf Ihre Kommentare. Sagen Sie uns mal die Meinung!

  

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES


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