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Weil richtig schreiben wichtig ist

Nomen est Omen?

08. Oktober 2010

Julia Kube, Lehramtsabsolventin, hat in einer  Master-Arbeit  2000 Lehrer online zu ihren Namensvorlieben und den zugehörigen Assoziationen befragt. ” Welche Vornamen würden Sie Ihrem Kind auf keinen Fall geben? Nennen Sie Namen, die bei Ihnen Assoziationen zu “Verhaltensauffälligkeit” hervorrufen! ” In einem zweiten Schritt sollten die  Lehrer dann vorgegebene Namen bewerten.

Die Studie behauptet,  dass Grundschulpädagogen Vorurteile gegenüber bestimmten Vornamen haben  und deren Träger daher potenziell benachteiligen.  

Unabhängig davon, ob sie Angelina Jolie mögen oder nicht, trauten Grundschullehrern kleinen Angelinas (oder auch Chantals, Mandys …) einfach weniger zu als etwa Mädchen, die Hannah, Sophie oder Charlotte heißen.

Kinder mit bestimmten Namen würden von den Lehrern eher als aus der Unterschicht stammend angesehen, als weniger leistungsstark und verhaltensauffällig. Kinder, die dagegen  Maximilian oder Marie heißen, kämen in den Genuss einer positiveren Einschätzung. Als Junge heiße man besser  Alexander, Maximilian, Simon, Lukas oder Jakob, als Mädchen  Charlotte, Nele, Marie, Emma oder Katharina.

Schlecht bewerteten die Lehrer die Namen Chantal, Justin, Dennis, Marvin und Jaquelin – und ganz besonders den Namen Kevin.  Eine befragte Lehrerin: “Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose.”

Auf seinem Blog setzt sich Anatol Stefanowitsch in gewohnt scharfsinniger Manier in dem Artikel Die mit den Prolls tanzt mit Kubes Thesen auseinander.

Er zeigt, dass sich keine echte Beziehung zwischen den Namen und den Lehrerurteilen nachweisen lässt.

Stefanowitsch resümiert: “Mit  großer Wahrscheinlichkeit gibt es keinen Zusammenhang. Sie können Ihre Kinder also beruhigt weiterhin Kevin, Mandy, Justin und Chantal nennen (Macht das überhaupt noch jemand? Diese Namen sind alle so Neunziger).”

Blickwechsel: Unternehmen feuert Praktikanten wegen seines Vornamens. Eine Meldung ging dieser Tage durch die Medien, die der Frage nach dem Einfluss von Namen einen ganz anderen Aspekt  abgewinnt. So hat jetzt ein französisches Unternehmen einen Praktikanten gefeuert, weil er sich am Firmentelefon mit seinem arabischen Namen melden wollte.”Mohamed ist nicht gängig. Du wirst Dich Alexandre nennen, das kommt besser an”, soll ein Vorgesetzter den 19-Jährigen angewiesen haben. Als der junge Mann sich weigerte, habe er unverzüglich seine Sachen packen müssen, berichtete die Tageszeitung “Libération”. Der Gymnasiast erstattete Anzeige wegen Diskriminierung. “Ich bin Franzose, ich will wie jeder andere auch mit meinem richtigen Vornamen leben”, erklärte er. Mohamed gilt mit seinen verschiedenen Schreibweisen als einer der weltweit häufigsten Vornamen.

Es will sich also kein so klares Bild einstellen. Kann es sein, dass unabhängig von statistischen Feinheiten und Fragen der richtigen wissenschaftlichen Argumentation Namen eben DOCH entscheidend sind? Nun , vielleicht  besteht wirklich keine wissenschaftlich-rational nachweisbare Korrelation zwischen Vornamen und schulischem Erfolg.  Eine eher irrationale ist aber wohl nicht auszuschließen: Nomen est omen. Die heute bekannte Redensart wurde vom vom römischen Komödiendichter Plautus (um 250–184 v. Chr.) in seinem Stück “Persa”  “erfunden”; dort heißt es allerdings nomen atque omen ( „Name und zugleich auch Vorbedeutung“).  Während non scholae, sed vitae discimus heute entlarvt ist als Verdrehung des tatsächlichen Seneca-Zitates non vitae, sed scholae discimus, könnte man vielleicht hinzufügen: non scholae, sed vitae infantes denominamus. Namen zeitigen ein Leben lang  Effekte, auch wenn diese Effekte nicht “objektiv” oder “wissenschaftlich” belegbar sind.

So fragte in einem Interview die Stuttgarter Zeitung den Soziologen und Elitenforscher Michael Hartmann über Karl-Theodor zu Guttenberg: “Am Anfang haben sich einige Medien ja lustig gemacht über seinen langen Namen: Karl-Theodor Maria Nikolaus Freiherr von und zu… Wenn ich Sie recht verstehe, ist gerade das sein Startkapital.”

Hartmann:  “So merkwürdig das klingt, ja. Das Verhältnis der Menschen zum Adel ist ja schillernd. Einerseits belächelt man die Adligen, andererseits ist man aber auch interessiert an ihrem Glamour, nimmt sie weiterhin als etwas Besonderes wahr. Die hohen Sympathiewerte für zu Guttenberg sind im Grunde Vorschuss. Die Leute glauben, weil der Adel weiter Distanz hat zum Gewöhnlichen, sei auch ein adliger Politiker irgendwie anders als der gewöhnliche.”

Ein Artikel in Die Welt  erweitert den Namensdiskurs  schließlich um die internationale Perspektive und schreibt: “Kein malaysisches Baby, das da hilflos in seiner Wiege strampelt, soll künftig mehr Stinkender Hund oder Hitler genannt werden dürfen. Die Behörden in Kuala Lumpur greifen durch: Um Babys spätere Peinlichkeiten zu ersparen, hat das Nationale Standesamt eine schwarze Liste unerwünschter Vornamen entwickelt.

Sie haben dazu in sämtlichen Volksgruppen des südostasiatischen Landes recherchiert und sich ausgiebig mit den verschiedenen religiösen Gruppen beraten. So wurde für Chinesen, Malaysier und Inder eine stattliche Zahl unliebsamer Vornamen zusammengestellt. Zaniah (Ehebrecherin) wird ebenso wenig als Name für den hoffnungsvollen Sprössling empfohlen wie Woti (Geschlechtsverkehr). Außerdem setzte das Amt Namen wie Ah Gong (Gestörter Geist), Chai Too (Schwein) und Karruppan (Schwarzer Kerl) auf die Liste. Insekten, Farben sowie Obst- und Gemüsesorten sind ebenfalls tabu. Auslöser war die steigende Zahl unglücklicher Erwachsener, die ihre Vornamen bei der Behörde ändern lassen wollen. Viele sind nach Naturkatastrophen, Haushaltsgegenständen oder japanischen Autos benannt und wurden ständig gehänselt. Die Liste ist allerdings nicht bindend. Das letzte Wort haben die Eltern. Wenn die darauf bestehen, ihr Kind 007 oder Müffelkopf zu nennen, dürfen sie einen Antrag stellen. Bleibt die Frage, warum junge Väter und Mütter ihr Neugeborenes Stinkender Fisch nennen wollen? Eine Erklärung liegt in der chinesischen Tradition: Negativ klingende Namen sollen von alters her böse Geister abschrecken. “

Andreas Cyffka  


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, GELESEN, KONTROVERSES, QUERPONS, WISSENSWERTES


Kommentare

  • Markus |  12.10.2010

    Insekten, Obst- und Gemüsenamen auszuschließen verstehe ich ja noch einigermaßen. Aber Farben? Wobei: Ist ein Schmetterling nicht auch ein Insekt?


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