Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Über Fehler: Mit dem Bodymaßindex zum Wohlfüllgewicht

22. Oktober 2010

 

 

Kann man sich eigentlich mit Rechtschreibung beschäftigen und die Wörter “Fehler” und “Korrektur” aus dieser Beschäftigung ausschließen?  Es geht nicht – glaube ich zumindest.

“Korrektur” und “korrigieren”  gehen zurück auf das lateinische  corrigere (“gerade richten” ), von dem ich eine schöne Etymologie gefunden habe:

Bildung mit dem lateinischen Präfix con- (“zusammen”)
abgeleitet aus dem lateinischen Präfix  com-
abgeleitet vom lateinischen Wort  cum (“mit”)
abgeleitet von der  proto-indo-europäischen Wurzel  *kom (“nahe, mit, zusammen”)
PLUS Ableitung vom lateinischen Verb regere (“herrschen, führen, lenken, leiten”)
aus dem proto-indo-europäischen Präfix reg- (“in gerader Linie bewegen”)
Wer korrigiert, lenkt also. Er erkennt die Abweichung von einem wünschenswerten Sollzustand (die Verletzung einer Schreibregel) und nimmt eine Richtigstellung  vor, bringt den Ist- und den Sollzustand zur Deckung.
 
 Wie könnte es sein, dass die antike Welt, die so viele “moderne” Phänomene schon kannte und bedachte, nichts über das Irren, das Machen von Fehlern zu sagen gehabt hätte?  Natürlich hat sie – und “Errare humanum est” (“Irren ist menschlich.”) ist eine sehr bekannte Sentenz, wobei weniger bekannt ist (warum?), dass der Spruch eine Art Anhängsel hat: “in errore perseverare stultum” (“Im Irrtum zu verharren ist dumm.”)
Ganz ausgezeichnet aber passt gerade Teil 2 des Spruches zu einem Aufsatz von  Hajo Diekmannshenke, der mir neulich untergekommen ist.  Hier geht es um das Machen von Fehlern und insbesondere das Machen von Fehlern auf orthografischem Gebiet.

Noch immer herrsche, argumentiert der Autor, weitgehend die Meinung, daß Fehler etwas Negatives seien.  Das (unerklärte) Ziel des Deutsch- und besonders des Rechtschreibunterrichts sei die (tendenziell absolute) Fehlervermeidung. Im Vergleich zum Prozess des primären Spracherwerbs mute dies in seiner  Absolutheit außerordentlich seltsam an. Allein wissenschaftsgeschichtlich betrachtet spielten Fehler im Rahmen dieses Prozesses eine bedeutende Rolle.  “Als Noam Chomsky (1959) Ende der 50er Jahre das Erklärungsparadigma des Behaviorismus zum Spracherwerb so nachhaltig erschütterte, dass dieser sich davon bis heute kaum erholen konnte, spielten auch Fehler, die Kinder quasi systematisch im Verlauf des Spracherwerbs begehen, eine wichtige Rolle. So verwenden Kinder in einer bestimmten Phase z.B. die Flexionsmorpheme des Präteritums der schwachen Konjugation zeitweise auch für die Flexion der starken Verben. Dass solche Fehler nicht auf Nachahmung oder einem simplen Reiz-Reaktions-Schema als Grundlage des Lernprozesses beruhen können, ist offensichtlich. Die moderne Spracherwerbsforschung  erkennt seit langem einerseits den diagnostischen Wert solcher Fehler und erklärt sie andererseits als notwendiges Stadium …” Wir halten fest: Fehler als Erkenntnisinstrument.

Mit dem Gebiet der Literatur lenkt Diekmannshenke den Blick dann auf literarisches Gebiet: In der Literatur  können orthographische Normen in nicht unerheblichem Umfang kreativ aufgehoben werden. Der Autor zitiert aus  Arno Schmidts KAFF auch MARE CRISIUM:

Sie faßte inzwischen – d. h. während ich weenich=nutzich <dachte> – die Torfschtücke an; mit 1 Papier; (Tempo=Taschen=Tuch ? – Schon mööklich). Warf sie ungeschickt in den prottestierenden Ofen. Und schloß das Eiserne Thor. (Woraufhin das Feuer natürlich, und reeletief prommt, ausgink. Sie zuckte nur die Axeln.) /”

Wir halten fest: Fehler als benutzte Normverletzung werden zu einer impliziten Auseinandersetzung mit der Norm.

Diekmannshenke kontrastiert den eigenwilligen Schriftsteller dann effektreich mit dem Elaborat eines Schülers  mit Rechtschreibschwäche:

… und bemerkt: “Würde es sich um den Text einer Schülerin oder eines Schülers handeln, so würde das allgemeine (und auch das spezielle DeutschlehrerIn-) Urteil hinsichtlich der Rechtschreibkenntnisse sicher vernichtend ausfallen.”

“Warum aber werden an Schriftlichkeit im Alltag soviel strengere Maßstäbe als an Mündlichkeit (und als an literarische Produkte) gelegt? Und ist diese Strenge gerechtfertigt? Ginge es allein um das Gelingen des kommunikativen Austausches, dann wäre dieses Insistieren auf einer absoluten Norm wohl kaum zu rechtfertigen. Schließlich existierten in der Geschichte der deutschen Sprache bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts immer unterschiedliche Schreibweisen (im Sinne unterschiedlich empfundener Orthographien) nebeneinander, ohne daß der kommunikative Austausch verhindert oder nachhaltig gestört worden wäre. So finden sich selbst in (originalen) Goethe-Texten unterschiedliche Schreibweisen eines Wortes in ein und demselben Text. Erst das 19. Jahrhundert forderte nicht nur das schöne, flüssige und lesbare, sondern auch erstmals das ‚richtige‘ Schreiben. Und selbst nach der Normierung der deutschen Orthographie durch die 2. Orthographiekonferenz 1901 und deren gelegentlichen Reformierungen existieren heute verschiedene Schreibweisen nebeneinander (Friseur, Frisör; Delphin, Delfin), bei denen sich der Status der korrekten Schreibung im Laufe der Jahre verändert hat, in den genannten Beispielen zur Toleranz gegenüber der 2. Schreibweise, die im Falle von Frisör nur die Akzeptanz eines bereits erfolgten Usus darstellt, im Falle von Delfin dagegen sogar die Einführung einer im allgemeinen nicht existierenden Schreibweise, die bislang als eindeutig fehlerhaft eingestuft worden wäre, beinhaltet.”

Wir halten fest: Fehler sind Verletzungen von Regeln, die nicht wie Gesetzestafeln vom Himmel gefallen sind, sondern sich historisch entwickelt haben.

Er ist schon irgendwie faszinierend, der sprachliche Fehler. Es wurden Bücher über ihn geschrieben, etwa Reden ist Schweigen, Silber ist Gold. Gesammelte Versprecher der Frankfurter Linguistin Helen Leuninger. Er ist namensgebender Bestandteil der Fehlerlinguistik. Er verleiht den Äußerungen von Politikern bisweilen Kultstatus, etwa im Falle von Edmund Stoibers syntaktischem Schiffbruch  in der berühmt gewordenen Transrapid-Rede.

Wir halten fest: Da Irren menschlich ist, machen Fehler bisweilen ihre Macher menschlicher, vor allem wenn diese exponiert (berühmt, prominent) sind.

So viele Aspekte haben Fehler, doch: Was aber macht ein Blogger mit Fehlern: (a) Er macht welche. Bleiben Sie ihm bitte dennoch gewogen – und lesen Sie trotzdem weiter. (b) Er sammelt Fehler. Glauben Sie nun bitte nicht, dies geschehe in anderer als verständnisvoller und freundlicher, also in gänzlich unhämischer Absicht.  Ein Blogger beißt doch nicht – wie unsere englischen Freunde sagen – die Hand, die ihn füttert , würde also nie um eines vordergründigen Spaßeffektes willen sich auf Kosten anderer lustig machen, da er um die inspirierende Kraft der “Fehler” weiß: Zwischen dem Sollzustand und der Abweichung blitzt oft genug der Funke, die Idee.  In dieser – und nur dieser  -  Absicht laden wir Sie gelegentlich zur wohlwollenden Freude an schönen Funden ein. Unsere neuesten:

“Der Kampf um sein Image, das Mark Zuckerberg nun mit Verspätung aufnimmt, verspricht interessant zu werden.”

“Zwitscherer und Blocker sind (sozial) arme Geschöpfe.”

“der einfache Weg zum Wohlfüllgewicht”

Der Hauptpreis aber geht an den Bodymaßindex” und die Deutschblog-Jury begründet: Im “Bodymaßindex” gelingt es in nahezu poetischer Verdichtung, die kausale Verbindung zwischen der regelmäßig genossenen Mass und dem Maß des Bodys in einem einzigen ikonischen Wort sichtbar werden zu lassen.”

 Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, GELESEN, KONTROVERSES, LEXI, QUERPONS


Kommentare

  • Georg |  25.10.2010

    “Wer korrigiert, lenkt also.” – Vielleicht sollte ich versuchen das meinen Kindern so zu verkaufen …

  • luli |  26.10.2010

    wenn du das deinem kind verkaufen willst bist du echt gestört denn kinder interessieren sich daföür keinen gfunken es gibt leider auch keine hoffnung für soeinen wie dich….

  • Georg |  28.10.2010

    @luli: schon schade wenn man keine Ironie versteht…


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