Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Wer bloggt hier – und wenn ja, wie viele?

14. Oktober 2010

Ich schreibe wie ...

Seien wir ehrlich: Welcher bloggende Mensch hätte nicht gern die Genialität eines Richard David Precht – und einen Titel wie “Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?” erfunden? Ohne Plagiatsintention darf ich heute dennoch die in der Überschrift gestellte Frage stellen – denn ich schreibe wie Ingo Schulze und wie Sigmund Freud!  Dieses Prädikat habe ich mir nun nicht unbescheidenerweise selbst verliehen, sondern gewissermaßen verliehen bekommen von der FAZ nämlich, genauer: von Dmitry Chestnykh. Was, Sie kennen Dmitry Chestnykh nicht? Macht nichts, ich kannte ihn bislang auch nicht.  Lässt man den Blick aber derzeit durch die Blogs schweifen, stellt man fest, dass viele Blogger von dem Thema wohl fasziniert sind – kein Wunder!

Die FAZ bietet einen Stiltest an, eine  Messmethode, die  ein siebenundzwanzigjähriger Russe aus Montenegro namens Dmitry Chestnykh entwickelt hat,  Softwareentwickler und Autor der  Internetseite „I write like“.  ”Chestnykh hat  einen Algorithmus entwickelt, der so ähnlich wie ein Spam-Filter funktioniert: Man musste bloß ein paar englischsprachige Sätze in ein Textfeld kopieren, auf „Analysieren“ klicken. Innerhalb weniger Sekunden übermittelte das Programm einem dann das Ergebnis. Im besten Fall: „Sie schreiben wie William Shakespeare.“

Chestnykh will laut Webseite  Menschen zu einem besseren Stil verhelfen und wollte  mit seiner Idee zunächst nur eine bestimmte Software bewerben. Dann überraschte ihn jedoch der Erfolg, der sich in explodierenden Seitenaufrufzahlen äußerte. Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood twitterte: „Ta da! Ich schreibe wie Stephen King!“

Auf dem von der FAZ angebotenen Ich schreibe wie … kann man auch für deutsche Texte herausfinden, welchem Schriftsteller oder Philosophen der eigene Stil ähnelt. Die Messmethode sei laut eigener Angabe absolut sicher und unbestechlich, je länger der analysierte Text ist, desto zuverlässiger sei das Ergebnis.  Ich kopierte aus dem Deutschblog also flugs den Artikel “ High on Emotion -die großen Gefühle des rechten Schreibens” in das Fenster auf der FAZ-Seite und diese urteilte in Sekundenschnelle: Ich schreibe wie Ingo Schulze.

Mit Ingo Schulze verbindet mich ja auch der Abiturjahrgang (1981)!  Auch, dass wir beide einen Grundwehrdienst absolviert haben, ich in der Bundeswehr, er in der NVA. Schulze studierte  Klassische Philologie, ich wollte das mal studieren. Schulze erhielt 2007 den  Thüringer Literaturpreis,  ich wusste 2007 noch nicht, was Bloggen bedeutet!

Durfte ich mich nun vom Chestnykhschen Algorithmus autorisiert mit Ingo Schulze vergleichen?  Eine B-Probe sollte nagende Zweifel ausräumen. Ich fischte aus dem Blogarchiv den Artikel  “UNBOXING UND BALCONING – EIN VERGLEICH”, eine grundlegende tiefenpsychologische Exploration der Frage, warum Männer gern Dinge auspacken und von Balkonen springen. Und der russische Algo-Rhythmus (Shakespeare , Schulze, Stephen King …) beschied mir:  “Ich schreibe wie Sigmund Freud.” Sie verstehen sicher, dass ich nicht mehr den Mut hatte, eine dritte Probe meines literarischen Schaffens in die elektronische Pythia einzugeben.

Ist der Trieb zum Bloggen Teil meines ES? War ich durch den Schulze-Vergleich neurotisiert worden? Würde ich dereinst mit Simple Blogs zu literarischem Ruhm kommen? Alles nur ein Scherz, liebe Leser. Ich bleibe Ihnen erhalten!

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FREUT UNS, FUNDSTÜCKE, GELESEN, QUERPONS, WISSENSWERTES


Kommentare

  • Lydia |  14.10.2010

    Oha, ich habe mal den Text eingegeben, den ich meiner besten Freundin gestern geschickt habe, in dem es um die Planung des nächsten Mädels-Abend geht. Heraus kam: Ich schreibe wie Melinda Nadj Abonji! Die immerhin gerade erst den deutschen Buchpreis bekommen hat.
    Bleibt die Frage, ob ich wirklich so gut schreibe, oder ob die Maschine so schlecht analysiert.

  • Frank Wehrmann |  14.10.2010

    Die Schreibstilanalyse macht Spaß, bietet Kurzweil, ist aber alles andere als ernsthaft.
    Vier Kolumnentexte ausprobiert – vier Ergebnisse: Rilke, Goethe, Kafka, Nitzsche. Über soviel Klassiker war ich im Grübeln: Soll ich mich zurücklehnen und in Schreibpension gehen oder weitermachen? Habe ich mich für eine Kolumne über die Schreibstilanalyse und das Wirken im Kleinen entschieden: http://www.frankwehrmann.de/?p=6962.


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