Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

FUNDBÜRO: Senfkristall

05. November 2010

Es gibt verlegene Worte – und  es gibt entlegene Wörter.  Wörter, die im sprachlichen Abseits liegen, die weit entfernt vom “Mainstream ” des täglich Gehörten und Gelesenen ihr bescheidenes Dasein fristen.  Wie so manchem bescheidenen Dasein eignet aber auch den entlegenen Wörtern eine besondere Aura: des Seltenen oder auch Seltsamen, des Mysteriösen oder auch nur Skurillen.  Vergleichbar vielleicht mit jener Aura, die auch abgelegene Burgruinen, verlassene Gehöfte, nicht mehr genutze Industrieanlagen umgibt. So patinieren diese Wörter vor sich hin, weil das mit Ihnen Bezeichnete vielleicht aus dem Fokus gerückt ist, von der technischen oder gesellschaftlichen Entwicklung überholt worden ist. Manche entlegenen Wörter gehören aber durchaus zu Ihrem oder meinem Wortschatz. Vielleicht nicht zu dessen aktivem Teil, aber zu passiven. Wir gebrauchen sie nicht häufig, verstehen sie aber. Manche verstehen wir auch nicht mehr oder nicht mehr auf Anhieb.

Solchen Wörtern wollen wir uns zukünftig -wie beim REIGEN DER HÄMMER – ebenfalls in loser Folge widmen. Erkennen Sie in einem entlegenen Wort Ihren Sprachgebrauch wieder  (ist das Wort für Sie also gar nicht entlegen), so genießen Sie die Wiedersehensfreude. Haben Sie Zweifel an dem Wort oder wissen gar Interessantes im Zusammenhang mit diesem Wort – nutzen Sie die Kommentarfunktion! Wir freuen uns über jede Zuschrift!

Im heutigen ersten FUNDBÜRO hat sich das Wort “Senfkristall” eingefunden. Bilden sich in Senf Kristalle? Nein. Es handelt sich um eine humorvoll-ironische Beschreibung  jener Glasgefäße, in denen Senf verkauft wird, deren Gestaltung aber bewusst eine spätere Nutzung des Glases als Trinkglas nahelegt. Das “Senfkristall” ist dann eine Kollektion solcher Gläser, die man in vielen Küchen finden dürfte.

Wer hat’s erfunden? In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde es erstmals von dem Berliner Carl Kühne zum „Deutschen Reichs-Gebrauchsmuster“ angemeldet: ein kleines Pressglas mit Henkel, das sich, wenn der Senf verbraucht  war, als Trinkglas weiterverwenden ließ. Kühne rief  zahlreiche einfallsreiche Nachahmer auf den Plan. Die bekannteste Verpackung dieser Art dürfte der allgegenwärtige Glasbecher der 50er/60er Jahre sein, den es aber in Abweichungen auch früher schon gab.

Daher findet sich als Variante zum “Senfkristall” auch das “Kühnekristall”.

“Dorothee Hermann schrieb:
Ist doch so ein Glaubenskrieg wie Senf: Tube oder Glas? ;-)

Glas natürlich, das gibt nachher Senfkristall.
Grüßle Karin”
 
 “Hallo allerseits,
hochwertige Gläser mögen die Spülmaschine nicht, das ist leider so. Meine Riedels spüle ich daher per Hand, und mein Kühnekristall ist eh robust… das mit der Einrübung liegt, wenn ich mich recht erinnere, tatsächlich an der \”Glasmischung\”, passiert also auch bei korrekter Befüllung mit Klarspüler, Salz etc. “
Gruß, Tin
 
   
 Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FUNDBÜRO


Kommentare

  • Herr Bauer |  08.11.2010

    Interessantes Thema! Ich habe erst letztens darüber einen Artikel gelesen (also über fast-ausgestorbene Wörter), mal sehen ob ich das noch wiederfinde.


Seite auf
Feedback