Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Deutsch im Grundgesetz

19. November 2010

Es gibt sprachliche Themen, die die Gemüter ganz anders in Wallung  bringen als  der Tod des Genitivs oder das Aussterben des Konjunktivs. Das sind vergleichsweise marginale  Problemchen, wenn die echten Schwergewichte den Ring betreten. Nach einer Dekade des Diskurses um die Rechtschreibreform haben sich die Aufregungen um “Stängel” und “belämmert” gelegt – oder sagen wir: Es ist zumindest ruhiger geworden.   Für die Schwergewichtsklasse der Aufreger qualifizieren  sich weiterhin Themen, die lange schon kontrovers diskutiert werden, z.B. die immer noch beliebte Anglizismendebatte. Die spiegelt sich auch immer wieder in sprachbezogenen Blogs und die Liste der Kommentare kann es an Länge mit jedem deutschen Kompositumsungetüm locker aufnehmen. Da wird sprachwissenschaftlich mehr oder weniger fundiert argumentiert und leidenschaftlich gestritten. Der Schlagabtausch findet statt in einem Ring, dessen Ecken stichwortartig mit “Sprachpurismus” (ein in diesem Themenausschnitt der Blogosphäre bekannter Blogger spricht bevorzugt von “Sprachnörglern”)  und “Sprachentwicklung” beschrieben werden können.  Die puristische Fraktion hat sich dabei vor allem auf jene als Denglisch bezeichnete Vermischung von Deutsch und Englisch eingeschossen, die manche Ausschnitte von Gesellschaft , Wirtschaft und Arbeitswelt mehr und mehr zu beherrschen scheint. Die Steine des Anstoßes  – Wörter wie Public Viewing – generieren dabei einen erstaunlichen Vortrieb. Führen zu Kreativleistungen auf der Suche nach deutschen Alternativausdrücken (im Falle des Public Viewing zum Beispiel Rudelgucken – allen Ernstes).  Oder outen sich als Scheinanglizismen, da es etwa  ein “Handy” im Englischen nicht gibt, weil man dafür “mobile phone” sagt.         

 Bisweilen braucht es allerdings keine Puristen, bisweilen eliminieren sich in der Werbesprache Anglizismen bzw. aus englischen Wörtern gebastelte Botschaften sogar selbst, da es sich schlecht werben lässt, wenn der Kunde nur railway station versteht. Nach einer Studie der Kölner Markenberatung Endmark versteht etwa nur einer von vier Deutschen englische Werbeebotschaften richtig.  Und wer  „Come in and find out“ der Parfümeriekette Douglas seinerzeit als  „Tritt ein und finde wieder aus dem Laden“  deutete,  wird kaum den richtigen Duft gefunden haben und dies bestätigen können. Das gegnerische Lager kontert den Sprachpessimismus der Puristen mit dem Hinweis auf die sprachhistorisch gut belegte Tatsache, dass “Sprache lebt” oder mit Goethes Diktum “Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, sondern dass sie es verschlingt.” 

Nun gut, nicht alles, was man verschlingt, bekommt einem gut, vielleicht und sogar  wahrscheinlich ist alles eine Frage des rechten Maßes. 

A ls maßlos erschien vielen Kommentatoren eine vom Verein Deutsche Sprache (VDS) zusammen mit der BILD-Zeitung kürzlich durchgeführte Aktion, bei der die Leser durch Ausfüllen und Unterschreiben eines Formulars das Anliegen einer Erweiterung des Artikel 22 des Grundgesetzes unterstützen sollen.  Dessen Wortlaut: 

 ”(1) Die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland ist Berlin. Die Repräsentation des Gesamtstaates in der Hauptstadt ist Aufgabe des Bundes. Das Nähere wird durch Bundesgesetz geregelt. 

(2) Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold.” 

 soll ergänzt werden durch: 

„Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch“. 

 Mit über 40.000 Unterschriften soll der Bundestag dazu gebracht werden, über eine Verankerung der deutschen Sprache im Grundgesetz zu beraten. Vertreter des Vereins für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland (VDA) und des Vereins Deutsche Sprache (VDS) übergaben im Bundestag vier Pakete mit Unterschriften an Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU).Die CDU hatte bereits auf ihrem Bundesparteitag 2008 in Stuttgart entschieden, dass ein Bekenntnis zur deutschen Sprache ins Grundgesetz aufgenommen werden sollte. Die CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin Angela Merkel stimmte damals jedoch gegen den Vorstoß, auch führende CSU-Politiker halten eine solche Verfassungsänderung für unnötig. Für eine Änderung des Grundgesetzes ist in Deutschland eine Zwei-Drittel-Mehrheit in Bundestag und Bundesrat nötig.    

Nun sind  40.000 Unterschriften vergleichsweise wenig, wenn man bedenkt, dass das jetzt in Deutschland gestartete Google Street View 250.000 Gegner und Verpixelungsbeantrager auf den Plan gerufen hat. Allerdings kann man sprachliche Erscheinungen ja nicht verpixeln lassen. Obwohl? Wenn alle Imbissbudenapostrophe  zwischen  Leberkä’ssemmel und Kaffee Togo jetzt hinter blickdichten Scheiben verschwinden würden … 

 Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, GELESEN, KONTROVERSES, WISSENSWERTES

Kommentare

  • Markus |  21.11.2010

    Ui, diese Zahlen sind wirklich interessant. Da sieht man mal, was den Deutschen wirklich am Herzen liegt. Ihre Muttersprache scheint es ja weniger zu sein.

  • Tom |  12.12.2010

    Ich finde das ja sehr schade. Es wird viel zu wenig auf die eigene Sprache, auf die Kultur eines ganzen Volkes geachtet. Irgendwann sprechen alle die selbe Sprache, das ist dann zwar praktisch, aber hatl Einheitsbrei.

    Und wegen der Verpixelungsgeschichte: Das versteht ich nunmal gar nicht. Haben denn so viele Leute etwas zu verbergen?

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Erinnerungen an Sara

16. November 2010

Diesen  Monat berichtete die FAZ über eine neue amerikanische “Dichterschule” – die Flarf-Poeten. Das sagt Ihnen trotz Ihres Amerikanistikstudiums nichts und das Wort “flarf” haben Sie auch nicht in PONS.eu gefunden? Das liegt daran, dass es so neu ist ( wir werden sehen, dass es so neu auch wieder nicht ist) und dass “flarf” als Wort der englischen Sprache gar nicht existiert.

Während in Deutschland kaum von  Flarf geredet wird, gibt es in den US of A ein Flarf-Kollektiv, das zum Dichten die Suchmaschine Google heranzieht. Flarf-Erfinder Gary Sullivan definiert: „Flarf besitzt die Eigenschaft des Flarfigen.“  Aha, aha, aha, da, da, da muss der Sinn liegen!

Flarf -Poeten googeln zum Beispiel zwei disparate Suchbegriffe wie  ,Latex’ und ,Michael Jackson’“, kopieren einige Textstücke aus der Ergebnisliste von Google in ein Word-Dokument und bearbeiten sie. Das Gedicht schicken sie andere Dichter, die es mit erneuten Google-Prozeduren weiterschreiben.

Letztes Jahr im Sommer widmete das amerikanische „Poetry Magazine“ dem Kollektiv ein „all flarf issue“. Über Flarf wird sogar promoviert.

Gewissermaßen einen Flarfisten hat auch Deutschland   – Dirk Schroeder. Ein Nichtwerk Schroeders beschäftigt sich mit der Fußball WM 2006, gesucht hatte er nach „Fußballgedicht“ und „Schlachtenmaler“:

„Jede Woche Turnstunde der großen Elf / und es sind Mädel im Spiel aus Stahl / die halten den Ruhm, den Ball im Arm / jagen die Jungs in Schlachten hinein / und Deutschlands Mannschaft stürmt / zum Sport das Wort: Tor, Tora Bora.“

All das erinnert an – vieles: Zum Beispiel an das in der anglophonen Literaturszene existierende Konzept der Found poetry ,  die  in allen möglichen Texten und Weltausschnitten Rohmaterial findet . Eine Weiterentwicklung  davon , die Slatepoets,  kennt ein berühmtes Beispiel von  Hart Seely, der in  einem News Briefing von Donald Rumsfeld vom  12. Februar 2002 – nun, Poetisches Material entdeckte:

As we know,

There are known knowns.

There are things we know we know.

We also know

There are known unknowns.

That is to say

We know there are some things

We do not know.

But there are also unknown unknowns,

The ones we don’t know

We don’t know.

Das ist nun alles so ultramodern, so avantgardistisch, das hat es noch nie gegeben. Noch gar nie? Am 18. Oktober 1922 wird in Wintherthur Ulrich Gaudenz Müller geboren. Der Schweizer Pionier der Computerlinguistik entwickelte gemeinsam mit dem Germanisten und Computerlinguisten Raimund Drewek bereits ab 1981 ein System zur Textgenerierung  genannt SARA(Satz-Random-Generator).

Müller, der auch Arzt und promovierter Ägyptologe war, und Drewek ließen SARA verstehbare Texte erzeugen auf der Basis eines Zufallsgenerators und unter Verwendung von Selektionsregeln.  Sara sollte die menschliche Textproduktion imitieren; anstelle der Phantasie des Schriftstellers tritt der Zufallsgenerator. Die Macht des Zufalls prägt diese Texte. Randomisierte Geschichten verfügen über eine erstaunlich hohe Akzeptanz. Der stochastische Textgenerator ermöglicht Stilimitationen, die kaum mehr als Artefakte erkannt werden können. Die Celan-Variationen “erstrahlen” durch die Magie des Zufalls; sie zeigen zudem die Dominanz der syntaktischen Struktur. Werden die syntaktischen Nischen eines Celangedichtes nicht mit Zufallsworten aus dem Celanlexikon, sondern mit Zufallsworten aus dem Nietzschelexikon gefüllt, so bleibt das Gedicht ein “Celan-Gedicht”; die syntaktische Struktur dominiert.

DIE ZEIT bewunderte 1997 “Sara, das Computerprogramm, das dichten kann”.  Seit 1984 programmierte Müller  die  ”Poetikmaschine”, die im Rechenzentrum der Universität Zürich auf einem IBM-Großrechner lief. 

“Sara ist hübsch”, attestierte Müller der digitalen Dichterin, sie sei poetisch, interaktiv und trage menschenähnliche Züge.

Der  ”Sprachkörper-Konstrukteur”  – diesen Ausdruck bevorzugte Müller für sein Tun -  dissertierte über das Thema “Computerlinguistische Studie an 315 altägyptischen Göttersprüchen”. Dass er die Texte, die er auf Sarkophagen fand, nicht bloß mit dem Computer entschlüsselte, sondern darüber hinaus mit dem Zufallsgenerator auf zauberhafte Weise vermehrte, gefiel seinem Professor gar nicht. “Für ihn war das schon fast Leichenschändung.”

Germanisten brach  der Schweiß aus, wenn Müller ihnen Saras literarische Kreationen vorlegte und sie aufforderte, aus einem Dutzend Gedichten frei nach Celan das Original herauszusuchen. Worin liegt bloß der Unterschied?

“Schriftsteller sind biologische Rührwerke für den Bilderschlamm des Menschen”, behauptet Müller mit Inbrunst, “und Sara ist ein synthetisches, interaktives Rührwerk. Schriftsteller produzieren biologisch-geistige Drogen. Sara produziert synthetisch-geistige Drogen. Am Schluß kommt es auf das gleiche heraus. Gegenwärtig speichert Sara die Sprachwolken und Texttopographien von 31 Autorinnen und Autoren, von Bernhard, Brecht, Celan, Goethe bis zu Jandl, Joyce, und Kafka. Insgesamt sind bloß ein paar tausend Wörter zusammengekommen, doch die Kombinationsmöglichkeiten sind fast unendlich. Denn Sara vermengt gnadenlos Goethe mit Jandl, Joyce mit Brecht – aber auch jeden mit sich selbst. ”

Die ZEIT resümierte 1997: “Wo immer Sara öffentlich auftritt, sei es bei Literaturtagen, Ausstellungen oder Kolloquien, löst sie heftige Emotionen aus. Denn was hat uns der Computer nicht schon alles geraubt? Er spielt besser Schach als die Großmeister, übersetzt Texte in alle Sprachen, und selbst die neue deutsche Rechtschreibung haben wir ihm anvertraut.”

Die deutsche Rechtschreibung? Hmmm …. ich glaube, mir gefällt SARA; die “Rechtschreibung ” war 1997  auch wirklich in gewissem Sinne “neuer” als heute, 2010. Aber vertrauen würde ich rechtschreiblich einem guten Nachchlagewerk, gerne auch per Computer präsentiert.

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FUNDSTÜCKE, GELESEN, POESIE, WISSENSWERTES

Kommentare

  • Brigitte |  17.11.2010

    Mich erinnert das ganze ‘flarfen’ irgendwie an Oulipo: http://de.wikipedia.org/wiki/Oulipo
    Auch eine sehr interessante Art, um Texte zu entwicklen.

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Friedrich Rückert (1788–1866): Die Sprache und ihre Lehrer

15. November 2010

Die Sprache ging durch Busch und Gehege,
Sie bahnte sich ihre eigenen Wege.
Und wenn sie einmal verirrt im Wald,
Doch fand sie zurecht sich wieder bald.
Sie ging einmal den gebahnten Steg,
Da trat ein Mann ihr in den Weg.
Die Sprache sprach: Wer bist du, Dreister?
Er sprach: Dein Lehrer und dein Meister.
Die Sprache dacht’ in ihrem Sinn:
Bin ich nicht selber die Meisterin?
Aber sie ließ es sich gefallen,
Ein Streckchen mit ihrem Meister zu wallen.
Der Meister sprach in einem fort,
Er ließ die Sprache nicht kommen zum Wort.
Er hatt’ an ihr gar manches zu tadeln,
Sie sollte doch ihren Ausdruck adeln.
Die Sprache lächelte lang’ in Huld,
Endlich kam ihr die Ungeduld.
Da fing sie an, daß es ihn erschreckte,
Zu sprechen in einem Volksdialekte.
Und endlich sprach sie gar in Zungen,
Wie sie vor tausend Jahren gesungen.
Sie konnt’ es ihm am Maul ansehn,
Daß er nicht mocht’ ein Wort verstehn.
Sie sprach: Wie du mich siehst vor dir,
Gehört’ das alles doch auch zu mir;
Das solltest du doch erst lernen fein,
Eh’ du wolltest mein Lehrer sein.

Drauf gingen sie noch ein Weilchen fort,
Und der Meister führte wieder das Wort.
Da kamen sie, wo sich die Wege teilten,
Nach jeder Seit’ auseinander eilten.
Die Sprache sprach: Was rätst nun du?
Der Meister sprach: Nur gerade zu!
Nicht rechts, und links nicht ausgeschritten;
Immer so fort in der rechten Mitten!
Die Sprache wollt’ einen Haken schlagen,
Der Meister packte sie beim Kragen:
Du rennst mein ganz System übern Haufen.
Wenn du so willst in die Irre laufen.
Die Sprache sprach: Mein guter Mann,
Was geht denn dein System mich an?
Du deutest den Weg mir mit der Hand,
Ich richte mich nach der Sonne Stand;
Und wenn die Stern’ am Himmel stehn,
So lassen auch die mich nicht irre gehn.
Macht ihr nur keinen Dunst mir vor,
Daß ich sehn kann den ewigen Chor.
Doch daß ich jetzo mich links will schlagen,
Davon kann ich den Grund dir sagen:
Ich war heut’ früh rechts ausgewichen,
Und so wird’s wieder ausgeglichen.


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, POESIE

Kommentare

  • Markus |  15.11.2010

    Sehr schönes Gedicht!

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Psychologie des Bloggens

11. November 2010

 

Jede Tätigkeit muss wohl zwangsläufig früher oder später zu einer Reflexion ihrer selbst führen, so auch die des Bloggers. Man fragt sich – bloggend  – nach der Psychologie des Bloggers. Nach der Psychologie des Bloggers fragen auch einige andere interessante Beiträge. So zitiert  die Welt im Oktober den BBC-Moderator Andrew Marr: “Viele Blogger scheinen sozial unzulängliche, verpickelte, alleinstehende, etwas schäbige, kahlköpfige, knubbelnasige junge Männer zu sein, die in Mamas Keller sitzen und herumzetern.”

Man lasse  dies auf sich  wirken. Was empfinde ich? Freude! Ich entdecke, dass sich verpickelt und knubbelnasig noch nicht in PONS Die deutsche Rechtschreibung befanden. Das wird jetzt nachgeholt. Auch als Blogger bleibt man Lexikograf.  Einen anderen interessanten Diskurs über das Bloggen als solches entdeckte ich wenig später:

 ”Um in Deutschland als Blogger erfolgreich zu sein, muss man entweder ein Trüffelschwein sein – also interessante Dinge als einer der Ersten ausgraben – oder unterhaltsam schreiben können. Das Beherrschen der Schriftsprache spielt dabei kaum eine Rolle: Es gibt erfolgreiche Blogs, die von Menschen betrieben werden, die keine drei Sätze unfallfrei formulieren können. Wichtig: Fehler dürfen gemacht und eingeräumt werden. Angesichts einer Leserschar, die sehr wahrscheinlich über mehr Wissen verfügt als man selbst, wird man schnell zu Staub und hat sich in eben diesen zu werfen, sobald man sich irrt. ”

 Gehaltvolle Sätze.  Wie fühle ich mich? Bestätigt! Als Lexikograf war ich doch schon immer Trüffelschwein. Wir Lexikografen wühlen leidenschaftlich in Sprache und quieken vor Vergnügen über ein gefundenes neues Wort. Unterhaltsam schreiben? Das muss ich Ihrem Urteil überlassen. Das Beherrschen der Schriftsprache? EINSPRUCH! Siehe dazu das Motto unseres Blogs. Und dass Sie als Leserschar uns zu Staub machen wollten, habe ich eh nie geglaubt. Dafür haben Sie uns schon zu viele schöne Wörter aus Ihrem Sprachschatz überlassen. Hierfür wieder einmal ein Dankeschön.

 Mit großer Neugier stieß ich dann schließlich hier unter der Lust auf mehr erweckenden Überschrift “Dokumentation dörflichen Bloggens”  auf eine “Analyse verschiedener Blog-Charaktere”.

 ”Viele Philosophen, besonders die Griechischen, beschrieben in verschiedenen Tugendmodellen die Charaktere der Menschen, und welche Tugenden ihnen inne wohnen [sic; schönes Wort, aber man schreibt es "innewohnen"]. (…) Anhand der verschieden Blogs lässt sich also sowohl feststellen, welchen Charakter der Autor aufweist, als auch wie er sich in dem Blog-Universum …  präsentieren will, unabhängig davon, ob er anonym oder unter seinen tatsächlichen Namen im Internet auftritt. Also wollen wir ein Charaktermodell entwerfen, welche die verschieden Blogs analysiert und anschließend einer kollektiven Kritik unterzieht.”

 So schaut’s aus, meine Herrschaften, die alten Griechen haben es mal wieder gewusst. Da haben wir zunächst mal den  “1.Charakter” und seinen” poetisch/politisch/philosophischen Blog”.

 ”Der Blogautor des poetisch/politisch/philosophischen Blogs gibt sich intellektuell, will nicht dem Blog-Mainstream entsprechen, grenzt sich meist schon in seinem ersten Einleitungstext vom Hype des allgemeinen Bloggens ab und entschuldigt sich schon mal im Voraus, dass auch er von der „Blogomanie“ befallen wurde. Er gibt vor, sein Blog würde ein bestimmtes Ziel verfolgen, und sich an bestimmte Richtlinien halten.”

 Der “2.Charakter” nimmt den Weblog-Gedanken wörtlich, dernn er betriebt ein “Internet-Tagebuch”:

 ”Der Blogautor des Internet-Tagebuches legt nicht viel Wert auf bestimmte Richtlinien, oder Vorgaben, an die er sich zu halten hat. Er schreibt fast ausschließlich über seine eigenen Erlebnisse, bevorzugt über jene, die er mit anderen BlogautorInnen erlebt hat. Die Einträge des Internet-Tagebuches sind oft oberflächlich, wenig politisch, und fast nie philosophisch. ”

 Der “3.Charakter” bloggt unter dem Motto  „Weil meine Freunde bloggen, blogge ich auch“.

 ”Dieser Blogcharakter, ist zumindest in der Blog-Welt, ein äußerster Mitläufertyp.”

 Und dann stieß ich in einem weiteren Blog doch noch auf eine erhellendere Frage:

 ”Wo waren eigentlich die Leute, die heute Blogs betreiben, zu einer Zeit, als es noch gar keine Blogs gab?”

 Dann wird berichtet: “In den späten 80er Jahren hatten einige Münchner Studenten die Idee, ein “Buch für alle” herauszubringen. Jeder Mensch dürfe eine DIN-A4-Seite beschreiben, vollmalen, dichttippen, was auch immer, und an ihren Verlag faxen. Diese Faxsammlung banden sie unterschiedslos in der Reihe des Eingangs zusammen und veröffentlichten sie unter großem Getöse als Buch. Unter dem Titel “speak. Akten All” erschien der 650-Seiten-Klotz dann, und auch bei mir verstaubt noch solch ein Block aus Papier in irgendeinem Winkel (Interessenten wenden sich bitte an den Verfasser). Schon beginnen die Parallelen zur heutigen Blogwelt, auch wenn alle Analogien bekanntlich hinken:

1. Das Buch war tatsächlich ein ‘Jedermann-Medium’, heute die Definition für Blogs schlechthin.

 2. Das Buch enthielt einige geniale Sachen, aber auch viel Schrott. Nach der Parallele zur Blogosphäre mag sich jeder selber bücken.

3. Kommerziell war das Ganze ein grandioser Flop, der den Jungverlegern die Haare vom Kopf fraß. In seinem taz-Blog berichtet Jörg Schröder die ‘wahre Geschichte’ des Lustprojektes, wo zum Schluss Verlagspaletten voller Remittenden die Hauptrolle spielen, die einfach in der Isar verklappt wurden. Und wieder liegt die Analogie auf der Hand: Auch in der Blogosphäre fragen sich zahllose Leute, wo beim Bloggen endlich mal irgendein Verdienst dabei sein könnte.

 Fazit also: Grammatik und Orthographie sind schön und gut. Und wer sie beherrscht, soll froh sein. Wichtiger aber ist eine andere Fähigkeit: Kann ich eine Geschichte so aufbauen, dass sie interessant ist, dass sie Witz versprüht, dass sie bildhaft ist, dass sie den Leser bei der Stange hält und auf eine möglichst unwiderstehliche Pointe zuläuft? Mit anderen Worten: Kann ich erzählen? ”

 Wir bekräftigen zunächst, dass Grammatik  UND ORTHOGRAPHIE wirklich schön und wirklich gut sind – und dass sie vor allem nur dann schön sind, wenn sie auch gut sind. Ihre Beherrschung ist ein Grund zur Freude. Der versprühte Witz dürfte allerdings – und das ist unser Bedenken – nur ein bemühter Witz bleiben und die Stange sich gegen den Leser richten, wenn  Graf Ortho die Texte nicht mit seiner Präsenz adelt.

 Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, GELESEN, KONTROVERSES, SPRACHROHR, WISSENSWERTES

Kommentare

  • Markus |  13.11.2010

    Also ich glaube, bloggen ist/war hauptsächlich ein Massenphänomen, dass sich inzwischen schon wieder auf dem absteigenden Ast befindet. Zumindest liegen die meisten Blogs meiner ehemals regelmäßig bloggenden Freund inzwischen brach. Der erst Hype ist vorbei, und so mancher hat wohl einfach keine Lust mehr.

  • Rolf Lübbers |  14.11.2010

    Ein wunderbarer Artikel, spricht er mir doch aus der Seele. Insbesondere der Satz:”Grammatik und Orthographie sind schön und gut. Und wer sie beherrscht, soll froh sein”. Trifft ganz und gar auf mich zu; Rechtschreibung war für mich immer ein Problem, doch ein Trost bleibt, da bei der nächsten Rechtschreibreform eventuell das dann wieder richtig ist, was ich heute falsch schreibe. Bloggen ist für mich eine Art Zwiegespräch. Die Möglichkeit über das zu sprechen über was ich in meinem Blog schreibe habe ich hier (z.Zt. lebe ich in einem Dritte Weltl Land).
    Dabei ist für mich der Erfolg Zweitrangig. Die (große) Leeserschaft haben diejenigen, den es vergönnt ist, ihren Blog auf einer NET.-Zeitung veröffentlichen zu können. Doch solange es mir spass macht und die Zeit es mir erlaubt und ich meine Faulheit dabei überwinden kann, schreibe ich weiter, und meine Grammatik ist mein Schreibstil.
    Gruß
    Rolf Lübbers

  • Sonja Nemeth Hagn |  21.11.2010

    Hallo, alle Grammatiker- und auch Nichtgrammatikerfrunde. Wo ist denn unsere schöne Sprache geblieben? Wir sind doch als gute Denker und Perfektionisten bekannt gewesen. Sind wir schon so denkfaul und passen wir uns immer mehr den Trends de Amis an oder könnten wir unsere Personalität beibehalten, was meint ihr???
    “Oder gefellt euch, das lesen oder sage, wen ander gleuben? Nach meine Meinud is das schlimm, dass mann so ein Text lesen soll.”
    Dass Englisch mal die Weltsprache ist, zeigt uns, dass das eine sehr einfache Sprache ist, mit der man sich schnell weiterfindet. Aber soll das unseren auf der ganzen Welt bekannten Qualitätssinn beeinflussen? Seit 21 Jahren lebe ich in spanischsprechenden Ländern und gebe seit 13 Jahren Nachhilfeunterricht in einer deutsch-spanischen Schule, wo sie so jemanden wie ich brauchen und wo ich stolz darauf bin, den Schülern das “richtige und perfekte” Deutsch beibringen kann. Stellt euch mal vor, so ein Schüler lernt unsere Sprache nur in der Schule, geht dann nach Deutschland und sucht einen höheren Posten. Würde er einen finden, wenn sein Deutsch sosolala gelernt ist? Man sagt, dass die deutsche Sprache 250000 Verben besitzt. Wäre das nicht genug, ohne neue dazuzusetzen. Wäre es nicht besser, diejenigen richtig ausdrücken zu können, anstatt neue zu erfinden.
    Also, kämpft gegen die Denkfaulheit an; diejenigen, die selbst wahrscheinlich kein gutes Deutsch können.
    PS: Ich gab sogar ein Gramm-Buch heraus, mit dem die anscheinend “schwere” deutsche Sprache relativ vereinfacht wird und mit dem man auch mit viel weniger als den 250000 Verben alles grammatikalisch und ortografisch richtig ausdrücken kann, ohne die Qualität zu verlieren. Aber da es ja anscheinend keine zweisprachigen, einfach beschriebenen Gramm-Bücher gibt, fand ich bis jetzt keinen Verlag dafür und verkaufe es nur hier an meine Schüler. Es ist schade, denn die deutsche Sprache “einfach aber richtig” zu lernen, wäre meiner Meinung nach der beste Ausweg aus dem Dilema der “schweren” deutschen Sprache.
    Denkt darüber nach und bleibt eurer Nationalität und eurer so reichen Sprache treu.
    Falls irgendwer Interesse hat, mein Buch kennenzulernen, um es herauszubringen, kontaktiert mich.
    Liebe Grüße
    Sonja Nemeth

  • Sabine Pointner |  03.09.2012

    Bloggen ist im Prinzip ein öffentliches Tagebuch und Kommentare zum Leben anderer. Kann durch Mobbing natürlich schlechte Auswirklungen haben, jedoch auch sehr positive, wenn man bedenkt, dass fremde Menschen mit deren Kommentaren einem wirklich helfen wollen.

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