Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Zu und an Weihnachten

06. Dezember 2010

Weihnachten ist das Fest der Liebe – und der Geschenke.  Weihnachten beschert  Menschen, die die Sprache lieben, auch eine Reihe von drängenden Fragen.   Beim weihnachtlichen Formulieren ist es   zum Beispiel gar nicht so selbstverständlich,  ob  es nun heißen muss: “Das war das schönste Weihnachten.” Oder nicht eher “Das waren die schönsten Weihnachten.” Das Wort “Weihnachten” sieht formal nach Plural aus,  ist aber als Singular zu behandeln. Der Grund hierfür ist ein sprachgeschichtlicher:  “Weihnachten”  geht zurück auf einen  alten Dativ Plural: “ze den wîhen nahten”  heißt es im Mittelhochdeutschen, “in den heiligen Nächten”. Seit dem 18. Jahrhundert hat sich der Singular durchgesetzt , galt doch Weihnachten als EIN Fest.

Die Eingangszeile des Weihnachtsgedichts Knecht Ruprecht von Theodor Storm (1817-1888) wird gern zitiert: “Von drauß’ vom Walde komm’ ich her;/Ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!” Der einzige uns bekannte Fall, dass das Substantiv Weihnachten zum Verb wird.  Hatte der berühmte amerikanische Linguist Charles Fillmore noch einen Aufsatz The hard road from verbs to nouns betitelt, so ist  hier die road from noun to verb auch ziemlich hart, denn Storm lässt den Ruprecht nämlich auch die Bildungsanstrengungen und die Schreibübungen der Kinder in die Beurteilung der Geschenkwürdigkeit (“Äpfel, Nuß und Mandelkern”) oder der Rutenwürdigkeit einfließen:

“Stecken sie die Nas auch tüchtig ins Buch,
Lesen und schreiben und rechnen genug?”

Nun, die Deutschbloglektüre eines Jahres sollte zum Beispiel schon ausreichen, um diesbezüglich als schöner Geschenke (und nicht etwa der Rute) würdig befunden zu werden. Dann kann man sich “zu Weihnachten”  freuen, wenn man in Norddeutschland lebt und “an Weihnachten” , wenn man ein Kind oder ein Bewohner des Südens ist. Es soll sogar Regionen in Deutschland geben, in denen man sich “auf Weihnachten” sieht.

Man kann aber auch allen Problemen aus dem Wege gehen -  und sich standardsprachlich einfach “Weihnachten treffen”.

Weihnachten denkt man gern an jene, die einen das ganze Jahr über umgeben und begleiten. Davon wollen wir natürlich auch unsere Freunde, die Anglizismen, nicht ausnehmen. Der Weihnachtsanglizismus schlechthin ist natürlich – Sie ahnen es schon ” X-mas” , bisweilen auch ” Xmas”   geschrieben. Im englischen Sprachraum, vor allem in den USA,  ist es die geläufige Kurzschreibweise für Christmas.

Wikipedia klärt uns darüber auf, dass seit frühchristlicher Zeit der  griechische Buchstabe Chi  (X), ebenso wie Chi Rho (XP) als Abkürzung für das Wort Christos (ΧΡΙΣΤΟΣ) verwendet wurde.  X’temmas sei  in der englischen Sprache seit 1551 belegt. Die Schreibweise werde – also auf ihre Verwendung im Deutschen bezogen – “oft mit einem Trend zur Säkularisierung und Kommerzialisierung von Weihnachten in Verbindung gebracht, obwohl sie eigentlich kein modernes Phänomen ist.Unser Staunen ist nur ein geringes, wenn wir erfahren, dass der Verein Deutsche Sprache (VDS) ” X-mas” als „das überflüssigste und nervigste Wort des Jahres 2008 in Deutschland“ ansah. Es stehe seiner Meinung nach in Deutschland im Gegensatz zu allem, was man mit Weihnachten verbindet: „Gemütlichkeit, deutsche Weihnachtstraditionen, Romantik, Christlichkeit“.

In einem der Kommentare zur entsprechenden WELT- online-Seite sagt “36Jahrealt” :

“Denglisch ist keine Sprache, viele Eltern sollten darauf achten, das zu Hause deutsch gesprochen wird. Ein reines Deutsch! Leider vermischt sich deutsch und englisch in der Berufswelt doch sehr. Es scheint, dass die Globalisierung ihre Flügel sehr stark in die Sprache schwingt…”

Es zeigt sich  wieder, dass die Trennlinie zwischen “falsch” und “richtig” in Sprachfragen doch viel dünner ist als die Puderzuckerschicht auf einem XP-Stollen!  Zwar ist Denglisch in der Tat keine Sprache, die elterliche Achtsamkeit sollte sich aber (unter anderem natürlich) darauf richten, dass-mit-zwei-s zu Hause deutsch gesprochen wird. Dieses Deutsch würde sogar porentief rein, wenn sich Deutsch-mit-großem-D und Englisch-mit-großem-E in der Berufswelt und anderswo vermischEN würden unter Beachtung  der Numeruskongruenz.  Die Globalisierung nehmen wir- weihnachtlich mild gestimmt – hier mal in Schutz. Sie tut vieles, aber Flügel in die Sprache schwingen – nein, das tut die Globalisierung nicht, das tut niemand, das kann man gar nicht tun. Wo käme da die Sprache hin, wenn hier jeder seine Flügel hineinschwingen könnte?

Wenn Sie  Weihnachtskarten erhalten (oder Weihnachtsmails),  die Ihnen ein gutes Neues Jahr wünschen, so werden Sie sich sicher  freuen, auch wenn das orthografisch nicht stimmt.  Das neue Jahr gilt nicht wie die “Neue Welt” (= Amerika) oder der “Heilige Abend” als Eigenname, daher wird das Adjektiv “neue” kleingeschrieben; so verhält es sich  auch mit “frohe Weihnachten”.

Großgeschrieben dagegen wird am heutigen  Nikolaustag die Vorfreude auf  das Fest.  Der Deutschblog wünscht Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr!

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FREUT UNS


Kommentare

  • Neelix |  17.12.2010

    Lieber Deutschblogger, du schriebst “Das Wort “Weihnachten” sieht formal nach Plural aus, ist aber als Singular zu behandeln.” Aber warum wünschen mir dann alle “Frohe Weihnachten” und nicht einfach “Frohes Weihnachten”?


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