Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Der Wutbürger als Doppelagent – Kabinenparty der Wörter

25. Januar 2011

 Der zum Wort des Jahres 2010 gekürte Wutbürger ist nicht mehr allein. Also, mit seiner Wut ist er vielleicht schon noch allein – wir meinen hier: Er ist sprachlich nicht mehr allein. Zu ihm gesellt sich das seit letzter Woche bekannte Unwort des Jahres 2010: “alternativlos”. Eine Jury von Sprachforschern unter Leitung des Germanisten Horst Dieter Schlosser hat es aus 1123 Einsendungen mit 624 verschiedenen Begriffen gewählt. Mit im Rennen waren „unumkehrbar” (auf Platz zwei der Vorschläge) oder „Wutbürger“ (auf Platz drei der Vorschläge). Schlosser erklärte dazu: “‘Alternativlos’ heißt, es lohnt sich nicht mehr, darüber zu reden. Das ist in der Politik gefährlich.” Das irgendwie seltsame Adjektiv “alternativlos”  (müsste das nicht “alternativenlos” heißen? Ich meine ja nur, es heißt doch auch “chancenlos” …) reiht sich dabei ein in eine inzwischen stattliche Liste anderer relativ unappetitlicher Sprachleistungen zwischen  ”Peanuts” (1994),  Kollateralschaden (1999)  oder “notleidenden Banken” (2008). Alle haben die gemeinsame und verbindende Eigenschaft, dass sie ziemlich schlimmen Tatbeständen eine Art  Euphemismus-Turbo vorschalten. Ein Schaden kann  meistens wieder repariert werden, ein Mensch nicht ganz so leicht. Wer in Not ist, verdient keine Schelte, er leidet ja.

Mit dem Ausdruck “Wutbürger” hatte erstmals ein Wort gar  Chancen auf einen Doppeltitel. Denn “Wutbürger” wurde bereits zum Wort des Jahres 2010 gewählt – und genau deshalb verstärkt zur Unwort-Wahl eingereicht? Zunächst war die Gesellschaft für deutsche Sprache  enttäuscht gewesen wegen der geringen Wahlbeteiligung.  Und tatsächlich hatte auch der Wutbürger Chancen auf eine Ehrung als Unwort des Jahres.  Der Begriff impliziere, dass die Triebfeder seines Handelns nichts als Wut sei. Das werte sein Engagement ab. Schließlich handele er wohlüberlegt, wenn er für seine Rechte einsteht – nicht aus blinder Wut heraus.

Auch bei unseren Nachbarn gibt es inzwischen eine stattliche Zahl von Preisträgern. In der Schweiz befasst sich mit Wörtern und Unwörtern eine Jury aus Autoren, Künstlern und Medienschaffenden. Die Schweizer «Aktion Wort des Jahres» präsentiert aus rund 2000 Vorschlägen:

– Wort des Jahres: “Ausschaffung” . Begründung: «Die Jury stellt fest, dass es mit ‹Minarettverbot› im letzten Jahr und mit «Ausschaffung» in diesem Jahr, lediglich einer einzelnen politischen Gruppierung gelingt, gleichsam Themen zu setzen, den öffentlichen Diskurs zu bestimmen und neue Ausdrücke im Volksmund zu verankern. Die plakative Formulierung «Ausschaffung» hat den ursprünglich verwendeten Ausdruck «Rückführung» komplett aus der Alltagssprache verdrängt.»

– Unwort des Jahres: FIFA-Ethikkommission

Begründung: «Aufgrund der wiederholten Korruptionsbeschuldigungen rund um die Fifa und ihrer Funktionäre, beabsichtigt der Weltfussballverband nun mit einer hausgemachten Kommission seine hausgemachten Probleme zu lösen. In diesem Zusammenhang den Begriff der Ethikkommission zu strapazieren, ist nach Ansicht der Jury ein glatter Widerspruch – ohne Wenn und Aber.»

– Jugendwort des Jahres 2010: hobbylos

Begründung: «‹Hobbylos› ist für junge Menschen in der Schweiz eine verbale Allzweckwaffe. Das Wort steht für Antriebslosigkeit, Langeweile und Apathie, aber auch für Freude, grossen Spaß oder Genialität. Ein Wort, das in der Erwachsenensprache kaum verwendet und auch nicht wirklich verstanden wird – alles was ein Jugendwort braucht.»

Auch ich bin wohl zu alt, um “hobbylos” korrekt zu interpretieren, denn “kein Hobby habend” bedeutet es ganz sicher nicht. Andererseits: Ganz ohne ein Hobby könnte es natürlich langweilig werden. Ich tappe im helvetischen Sprachdunkel.

Und wie sieht es aus in Österreich: Zur Wahl: 6.516 Einsendungen von ca. 4.000 TeilnehmerInnen führten zu folgendem Ergebnis:

Das österreichische Wort des Jahres 2010 ist “ fremdschämen”: Begründung: Dieses Wort beschreibt Empfindungen, die auftreten, wenn jemandem die Verhaltensweisen einer anderen (meist bekannten) Person oder Gruppe so peinlich sind, dass man sich für diese schämt, während dies bei der betreffenden Personen gerade nicht der Fall ist. Angesichts des Verlusts an Qualität in vielen Bereichen (Bildung, Verwaltung, Krankenwesen usw.) und der Stagnation in der heimischen Politik verschiebt sich das Verantwortungsgefühl auf die einzelnen Bürger, die sich für die Zustände unddie dafür Verantwortlichen immer öfter genieren (fremdschämen), obwohl die Lösung nicht in ihren Händen, sondern in jenen der zuständigen PolitikerInnen liegt, die aber vielfach untätig bleiben. Zum Wort des Jahres wurde es, da es auf ein weit verbreitetes Unbehagen verweist und als Wortschöpfung originell ist.  Das Jugendwort  des Jahres 2010 lautet “Kabinenparty”. Kabinenparty ist der Titel eines Rapsongs von Skero und Joyce Muniz, der 2010 als Song des Jahres mit dem Amadeus ausgezeichnet wurde. “Das Lied (ein Videoclip) erreichte ausschließlich durch eine Kampagne auf Facebook und der Downloadseite auf Youtube den vierten Platz der österreichischen Singlescharts und damit vor allem in der Jugend enorme Bekanntheit. Es steht für einen ungezwungenen und spontanen Lebensstil, der mit einem lustigen Text und flotter Rapmusik dargestellt wird.”  Das Video wurde bereits 4.3 mio. Mal auf Youtube aufgerufen.  Ich persönlich habe dazu beigetragen, indem ich es auch aufgerufen habe. Sprachlich hätte ich nur Bahnhof verstanden, was aber nichts macht, weil die Botschaft visuell ja deutlich genug transportiert wird: Man bekommt vermittelt, wie junge Menschen beiderlei Geschlechts eine Party in der Umkleidekabine eines Schwimmbads feiern. Sie tanzen dabei noch nicht mal Limbo, dennoch bewegen sie sich per Niveauunterschreitung im Orbit des deutschen Jugendworts 2010: Niveaulimbo. Sind diese Partymenschen nun hobbylos? Muss sich der Zuschauer für sie fremdschämen? Kann eine Ethikkommission diese Frage klären – und  sei es auch nur die der FIFA? Man sieht: Wörter und Unwörter sind Stars. Dreamteams aus lauter gekrönten Worthäuptern taugen nicht recht als gedankliche Vehikel. Die Wörter unserer normalen Sprache taugen dazu besser. Darum braucht es weiterhin viel mehr klare, transparente, eindeutige Sprache. Alternativlos.

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FUNDSTÜCKE, GELESEN, KONTROVERSES, WISSENSWERTES

Kommentare

  • Nadja |  25.01.2011

    Immerhin hat das (Un)wort “hobbylos” bei Google
    “Ungefähr 101.000 Ergebnisse”

    Frohes Fahnden!

  • markisen |  12.02.2011

    Ich bekomme nur 33.400 Treffer – aber trotzdem eine Menge!

  • Mallorca |  22.07.2011

    995.000 Ergebnisse, alle Achtung!

Bebendversuch

14. Januar 2011

In den ersten Tagen des noch jungen Jahres sorgen die Wortpreisträger für die eine oder andere Überraschung. Die Preiswürdigkeit des einen als Wort des vergangenen Jahres  unter so vielen Konkurrenten dekorierten Wortes mag dabei von verschiedenen Menschen unterschiedlich bewertet werden.   Dies ist gewiss eine natürliche Folge des Umstands, dass eben viele Wörter sprachlich den Nerv der Dinge treffen, denn Nerven kostet so ein Jahr und deren Überreizungen sind nicht wenige. (In der Presseerklärung der Gesellschaft für deutsche Sprache heißt es interessanterweise mit leicht anderer Perspektive, die Liste [der Kandidaten] träfe “ den sprachlichen Nerv des sich dem Ende neigenden Jahres” .  Inzwischen wissen wir, dass ein solches Wort der Wutbürger ist. Der Wutbürger ist also kein Drachentöter, er ist ein Nervtreffer.

Die Berichterstattung hat eine Metamorphose erkannt. Der üblicherweise die Contenance wahrende Hutbürger ist in Wandlung. Er wandelt sich nicht – oder aber schon  ein bisschen – zum Glutwürger, denn Glut würgt er aus und Wasserwerfer müssen diese dann löschen.  Er wandelt sich zum Wutbürger.  Er wehrt den Anfängen, indem er anfängt sich zu wehren. Dass in seiner Wahrnehmung “politische Entscheidungen über seinen  Kopf hinweg getroffen werden”, macht den Bürger wütend und seinen Namen zum Sprachpreisträger.

Das gesamte deutsche Sprachgebiet hat also im Wutbürger eine neue Lena (lexikalischen Nationalliebling). Das gesamte deutsche Sprachgebiet? Nein, in einem kleinen – vielen Deutschen aber vertrauten – Alpenstaat haben nach aktueller Meldung andere Wörter den lexikalischen Lorbeeer errungen. In der Presseerklärung heißt es: “ Von 400 Vorschlägen hat sich die sechsköpfige Jury für das Wort «Industriezubringer» entschieden. Das liechtensteinische Parlament hatte im November 2010 den Verpflichtungskredit von 15 Mio. Franken für die Realisierung des Industriezubringers Schaan genehmigt. Gegen diesen Beschluss wurde von einem Komitee aus Vertretern der Umweltverbände und der grün-alternativen Freien Liste  das Referendum ergriffen und löste hitzige Diskussionen aus.”

Irgendwie syntaktisch seltsam, dieser letzte Satz, als würde zu “löste” das Subjekt fehlen.  Interessant, dass auch bei unseren Nachbarn ein Verkehrsprojekt  sprachlich  den Sieg erringt. In deutschen Landen  brachte es das durch bürgerliche Wut zu Medienruhm aufgestiegene Stuttgart  immerhin auf die zweite Position des linguistischen DSDS  ( with a little help der irgendwie sprachmagischen “21″ ).

Während wir auf unser Unwort des Jahres 2010 noch gespannt warten müssen, kennt man in Liechtenstein das dortige Wort schon, das die öffentliche Meinung sprachseismografisch zum Beben bringt: “ Zum Unwort des Jahres wurde der Begriff «Lebendversuch» erkoren. Einleitend in seiner Ansprache zu den MiniGames am 16. September 2010 betitelte Sportminister Hugo Quaderer die 1500 Schüler als «Lebendversuch», mit deren Hilfe ausgetestet werde, ob Liechtenstein bereit ist, die LieGames 2011 durchführen zu können. «Der Einstieg war etwas ungewöhnlich» sinnierte das «Volksblatt» am Folgetag und führt weiter aus: «Quaderer hätte seine Rede noch in die richtige Richtung lenken können. Doch stattdessen griff er weiter in der Wortwahl daneben.» Hugo Quaderer wird dann in der Zeitung wie folgt zitiert: «Für einen solchen Versuch braucht es Testpersonen und ihr seid die Testtiere». Dabei erntete er Pfiffe. Die Jury ist der Ansicht, dass der Vergleich mit den Tieren und der Begriff «Lebendversuch» im Zusammenhang mit einer Sportveranstaltung mit Schülern der Oberstufe unangebracht ist.

Nun sind Schüler Menschen und Menschen sind keine Tiere. Quaderer hat sich also beim öffentlichen Reden einer Metapher bedient. Metaphern wiederum können glücklich oder unglücklich ausgehen und es sind eher die glücklosen, die bekannt werden, ihrem Schöpfer aber nicht immer Zustimmung eintragen.  Wie aber ist das mit dem Lebendversuch? In der Kunsthalle Tübingen steht derzeit eine Ausstellung des deutschen Malers Jonas Burgert unter dem Titel “Lebendversuch”.  Im Text zur Ausstellung heißt es:  “Einen „Lebendversuch” zu unternehmen bedeutet, etwas unter den realen Bedingungen des Lebens in Betracht zu nehmen.”

Wie nun, wenn der Minister gar nicht mehr als das gemeint hat? Eine Generalprobe. Das wäre ein Test von etwas unter realen Bedingungen.  Da das Agens eines Versuchs natürlich zwangsläufig das Merkmal “belebt” haben muss (es sei denn, es ginge um ein Horrorfilmszenario mit untoten Wissenschaftlern), möchte man meinen, das “Lebend-” in “Lebendversuch” akzentuiere als Besonderheit den Umstand, es werde ein Experiment an etwas Lebendem ausgeführt, das man daran aus ethischen Gründen nicht ausführen darf oder sollte. Doch gäbe es dafür nicht die klareren Ausdrücke “Tierversuch” und “Menschenversuch”? Schon ein komisches Wort, das, ein ungelenkes. Ungelenkes in der Rhetorik zieht bekanntlich Pfiffe an (Philipp Jenninger 1988,  Martin Walser 1998 … who’ s next?)

Professor Dr. Wolfgang Wahlster vom  Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz sieht in einem Interview mit  Technoloy Review unsere Gesellschaft langfristig wieder auf dem Weg  zu einer oralen Gesellschaft.

“ Schon jetzt können wir gesprochene Sprache durchsuchen. Nicht nur nachdem wir die sprachlichen Äußerungen in Text übertragen habe, sondern direkt in den digitalen Sprachsignalen. Ich kann das System also zum Beispiel fragen: „Was hat Angela Merkel in den vergangenen zwei Jahren zum Thema Steuersenkung gesagt?“, und der Computer spielt mir die gefundenen Redeausschnitte vor. Die neuesten Forschungssysteme können optisch-akustische Aufzeichnungen von Besprechungen automatisch analysieren und zusammenfassen: Wer hat wann gesprochen? Wer hatte mit wem Blickkontakt? Was wurden diskutiert? Um die Datenhalden noch weiter wachsen zu lassen? Sehen wir es mal so: Durch diese technische Entwicklung gehen wir einen Schritt zurück und zugleich nach vorn: Weg von der überwiegend textbasierten Kommunikation und hin zu dem, was schon in den letzten 10000 Jahren in der menschlichen Verständigung entscheidend war: der oralen Kommunikation. Text als digitale Speicherform wird in vielen Fällen überflüssig werden.” Interviewer: Warum halten Sie das für so bedeutsam? ” Weil im geschriebenen Text so vieles von dem, was für die direkte Mensch-Mensch-Kommunikation typisch ist, durch die bislang technisch erzwungene Verschriftlichung verloren geht – die Emotionalität zum Beispiel oder der Kontext einer Äußerung. Viele Missverständnisse basieren darauf. Sie bekommen einen guten Eindruck davon, wenn Sie beispielsweise die Protokolle des Bundestages lesen.”

That’s it. Vielleicht hat Hugo Quaderer das mit den Testtieren in einem ganz netten Tonfall lächelnd gesagt. Vielleicht ging das unter den Pfiffen unter. Ich persönlich unterstelle, dass er es nett gemeint. Hat. Vielleicht bin ich einfach zu nett.

Befragt nach dem flächendeckenden Bereitstehen von Techniken zur  Durchsuchung gesprochener Texte meint Professor  Wahlster:  ”In 20 Jahren vielleicht? Vielleicht auch erst in 50.”  Metaphern bleiben also Feuerwerkskörper; explodieren sie nicht am Himmel, wird es gefährlich.  Jetzt und in fünfzig Jahren auch.

Andreas Cyffka


Kommentare

  • Brigitte |  20.01.2011

    Tja, wenn ich richtig gelesen habe ist es “alternativlos” geworden. Vielleicht hatte die Jury einfach keine Alternative für ein Unwort des Jahres? Quasi ein Meta-Unwort?

Preisträger

10. Januar 2011

Das Jahr 2011 ist noch jung, liebe Leserinnen und Leser.  Wir wünschen Ihnen, dass Ihr Jahr ein gutes werden möge. Das Jahr fängt gerade erst an. Dass jedem Anfang ein Zauber  innewohnt , ist bei Hesse zu lesen. Dass  das Ende einer Sache besser als ihr Anfang sei, ist in der Bibel zu lesen (Prediger 7:8). Muss das nun ein Widerspruch sein?  Zauberhaft ist doch am Beginn eines Jahres , dass so viele spannende Fragen ihrer Beantwortung harren:

Ist Facebook wirklich 50 Milliarden Dollar wert? Wie viele Bundestrainer ermitteln den Sinn des Lebens im TUI-Fernsehspot? Gibt es weiße Weihnachten? (OK, diese Frage ist für 2010 mit einem entschiedenen Streusalzmangel beantwortet und für 2011 noch nicht aktuell genug). Was ist weißer Winterdienst?  

Nun wohnt aber auch jedem Zauber ein Anfang inne: Die verschiedenen Preisverleihungsinstanzen haben gezaubert und aus all dem Sprachgeröll des vergangenen Jahres die Goldnuggets extrahiert und als die jeweiligen Wörter des Jahres gepriesen. Dies inspiriert zu einem weiteren Anfang, nämlich das Nachdenken über Sprache auch in diesem Jahr mit neuem Schwung und alter Leidenschaft aufzunehmen.

Am 16. Dezember 2010 hat die Gesellschaft für deutsche Sprache  zum 35. Mal die Wörter des Jahres gekürt und “damit wieder einmal aufgezeigt, in welcher Weise diesjährige charakteristische Themen aus Politik, Wirtschaft und anderen Bereichen des gesellschaftlichen Alltags sprachlich markiert worden sind.” Für die Auswahl der Wörter des Jahres entscheidend sei  nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern vielmehr seine Signifikanz und Popularität: “Die Liste trifft den sprachlichen Nerv des sich dem Ende neigenden Jahres und stellt auf ihre Weise einen sprachlichen Jahresrückblick dar. Als ein solches Zeitzeugnis sind die ausgewählten Wörter dabei mit keinerlei Wertung oder Empfehlung verbunden.”

Als Wort des Jahres wurde “Wutbürger ” gewählt, das ”von zahlreichen Zeitungen und Fernsehsendern verwendet wurde, um einer Empörung in der Bevölkerung darüber Ausdruck zu geben, dass politische Entscheidungen über ihren Kopf hinweg getroffen werden. Das Wort dokumentiere “ein großes Bedürfnis der Bürgerinnen und Bürger, über ihre Wahlentscheidung hinaus ein Mitspracherecht bei gesellschaftlich und politisch relevanten Projekten zu haben.”

“Ich glaube, dass der Tabellenerste jederzeit den Spitzenreiter schlagen kann.”  (Berti Vogts)

Ganz im Sinne dieses Diktums muss man sich darüber im Klaren sein, dass mindestens ein Teil der Konkurrenten von “Wutbürger” nicht als sprachliche Loser hoffnungslos abgeschlagen ins Ziel kamen. Nein, das auf die zweite Position gewählte ”Stuttgart 21″  hätte sehr wohl auch ein würdiges Wort des Jahres sein können, soll man doch sehr viele Wutbürger in der schwäbischen Metropole gesehen haben. Es bedurfte keiner Enthüllung auf Wikileaks (“Wikileaks” liegt auf Platz fünf der Wörter des Jahres), um absehen zu können, dass “S21″ auch sprachliche Folgen zeitigen würde.

Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist – laut Mark Twain –  derselbe Unterschied wie zwischen dem Blitz und einem Glühwürmchen.

Nur Glühwürmchen auf Platz drei und darunter waren im Wettbewerb das “Sarrazin-Gen” und die “Aschewolke”.  Verständlich,  einen Feldbettschlafplatz auf einem Flughafen bekommen Sie in diesem Winter dank “Winterchaos” (nicht unter den zehn Topkandidaten) und ganz ohne die Hilfe von Vulkan Eyjafjallajökull (Wäre das ein Wort des Jahres! Bitte vorsichtig aussprechen!)

Die Gesellschaft für deutsche Sprache merkt an: “Wie in den vergangenen Jahren ist zu erwarten, dass auch die diesjährigen Wörter des Jahres im In- und Ausland mit großem Interesse wahrgenommen werden.”  Was  man im Ausland dann wohl zu den anger citizens meint? Schwierige Frage.

Die American Dialect Society etwa hat das Wort   „App“ als Kurzform für ”Application”  zum Wort des Jahres gewählt.  „Tweet“ war das Wort des Vorjahres. Irgendwie pragmatisch. Anders eben. Bei uns dagegen darf ein Wort des Jahres alles sein, nur nicht einfach. Sprachliche Misswahlen in Deutschland gewinnen eher Diven. Auch wenn sie ganz jugendlich sind. So identifizierte ein von einem deutschen Verlag initiierter Wettbewerb als Jugendwort des Jahres 2010 den Niveaulimbo, der ”ein stetiges Absinken des Niveaus  in TV, in Diskussionen oder auch in der Bildung bezeichnen soll. “

Übrigens: Aschespucker Eyafjalljökul kam tatsächlich noch zu einer Ehrung: Die American Name Society ernannte ihn  zum  ”Name of the Year for 2010″.  Und den weißen Winterdienst finde nun  ich preiswürdig. Diese Wendung für das Nichträumen und Nichtstreuen von Nebenstraßen ist zauberhaft. Wohnt auch diesem Zauber ein Anfang inne? Wenn ja, wird’s künftig glatt auf Deutschlands Straßen.

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, GELESEN, WISSENSWERTES, WORTSTICHELEI

Kommentare

  • S. Fichte |  10.01.2011

    Schwarz und weiß

    Neben dem “weißen Winterdienst” gibt es auch das “Schwarzräumen” (wobei nicht die Beseitigung nordischer Vulkanasche oder etwaige Schwarzarbeit in der Winterdienstbranche gemeint ist, sondern das mechanische Räumen verschneiter Hauptverkehrsstraßen :-) Hoffentlich hält das Tauwetter an!
    Viele Grüße, S. Fichte
    http://www.falkenseer-kurier.info/rubriken/natur-umwelt-mensch-technik/12-2005-ohne-tausalz.html

  • Jeanne |  19.01.2011

    Alles Gute im 2011 Jahr!!!

  • Justin |  23.01.2011

    Zitat: “entscheidend sei nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern vielmehr seine Signifikanz und Popularität” – Bei Wutbürger kann ich ehrlich gesagt weder das eine noch das andere.


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