Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Preisträger

10. Januar 2011

Das Jahr 2011 ist noch jung, liebe Leserinnen und Leser.  Wir wünschen Ihnen, dass Ihr Jahr ein gutes werden möge. Das Jahr fängt gerade erst an. Dass jedem Anfang ein Zauber  innewohnt , ist bei Hesse zu lesen. Dass  das Ende einer Sache besser als ihr Anfang sei, ist in der Bibel zu lesen (Prediger 7:8). Muss das nun ein Widerspruch sein?  Zauberhaft ist doch am Beginn eines Jahres , dass so viele spannende Fragen ihrer Beantwortung harren:

Ist Facebook wirklich 50 Milliarden Dollar wert? Wie viele Bundestrainer ermitteln den Sinn des Lebens im TUI-Fernsehspot? Gibt es weiße Weihnachten? (OK, diese Frage ist für 2010 mit einem entschiedenen Streusalzmangel beantwortet und für 2011 noch nicht aktuell genug). Was ist weißer Winterdienst?  

Nun wohnt aber auch jedem Zauber ein Anfang inne: Die verschiedenen Preisverleihungsinstanzen haben gezaubert und aus all dem Sprachgeröll des vergangenen Jahres die Goldnuggets extrahiert und als die jeweiligen Wörter des Jahres gepriesen. Dies inspiriert zu einem weiteren Anfang, nämlich das Nachdenken über Sprache auch in diesem Jahr mit neuem Schwung und alter Leidenschaft aufzunehmen.

Am 16. Dezember 2010 hat die Gesellschaft für deutsche Sprache  zum 35. Mal die Wörter des Jahres gekürt und “damit wieder einmal aufgezeigt, in welcher Weise diesjährige charakteristische Themen aus Politik, Wirtschaft und anderen Bereichen des gesellschaftlichen Alltags sprachlich markiert worden sind.” Für die Auswahl der Wörter des Jahres entscheidend sei  nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern vielmehr seine Signifikanz und Popularität: “Die Liste trifft den sprachlichen Nerv des sich dem Ende neigenden Jahres und stellt auf ihre Weise einen sprachlichen Jahresrückblick dar. Als ein solches Zeitzeugnis sind die ausgewählten Wörter dabei mit keinerlei Wertung oder Empfehlung verbunden.”

Als Wort des Jahres wurde “Wutbürger ” gewählt, das ”von zahlreichen Zeitungen und Fernsehsendern verwendet wurde, um einer Empörung in der Bevölkerung darüber Ausdruck zu geben, dass politische Entscheidungen über ihren Kopf hinweg getroffen werden. Das Wort dokumentiere “ein großes Bedürfnis der Bürgerinnen und Bürger, über ihre Wahlentscheidung hinaus ein Mitspracherecht bei gesellschaftlich und politisch relevanten Projekten zu haben.”

“Ich glaube, dass der Tabellenerste jederzeit den Spitzenreiter schlagen kann.”  (Berti Vogts)

Ganz im Sinne dieses Diktums muss man sich darüber im Klaren sein, dass mindestens ein Teil der Konkurrenten von “Wutbürger” nicht als sprachliche Loser hoffnungslos abgeschlagen ins Ziel kamen. Nein, das auf die zweite Position gewählte ”Stuttgart 21″  hätte sehr wohl auch ein würdiges Wort des Jahres sein können, soll man doch sehr viele Wutbürger in der schwäbischen Metropole gesehen haben. Es bedurfte keiner Enthüllung auf Wikileaks (“Wikileaks” liegt auf Platz fünf der Wörter des Jahres), um absehen zu können, dass “S21″ auch sprachliche Folgen zeitigen würde.

Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist – laut Mark Twain –  derselbe Unterschied wie zwischen dem Blitz und einem Glühwürmchen.

Nur Glühwürmchen auf Platz drei und darunter waren im Wettbewerb das “Sarrazin-Gen” und die “Aschewolke”.  Verständlich,  einen Feldbettschlafplatz auf einem Flughafen bekommen Sie in diesem Winter dank “Winterchaos” (nicht unter den zehn Topkandidaten) und ganz ohne die Hilfe von Vulkan Eyjafjallajökull (Wäre das ein Wort des Jahres! Bitte vorsichtig aussprechen!)

Die Gesellschaft für deutsche Sprache merkt an: “Wie in den vergangenen Jahren ist zu erwarten, dass auch die diesjährigen Wörter des Jahres im In- und Ausland mit großem Interesse wahrgenommen werden.”  Was  man im Ausland dann wohl zu den anger citizens meint? Schwierige Frage.

Die American Dialect Society etwa hat das Wort   „App“ als Kurzform für ”Application”  zum Wort des Jahres gewählt.  „Tweet“ war das Wort des Vorjahres. Irgendwie pragmatisch. Anders eben. Bei uns dagegen darf ein Wort des Jahres alles sein, nur nicht einfach. Sprachliche Misswahlen in Deutschland gewinnen eher Diven. Auch wenn sie ganz jugendlich sind. So identifizierte ein von einem deutschen Verlag initiierter Wettbewerb als Jugendwort des Jahres 2010 den Niveaulimbo, der ”ein stetiges Absinken des Niveaus  in TV, in Diskussionen oder auch in der Bildung bezeichnen soll. “

Übrigens: Aschespucker Eyafjalljökul kam tatsächlich noch zu einer Ehrung: Die American Name Society ernannte ihn  zum  ”Name of the Year for 2010″.  Und den weißen Winterdienst finde nun  ich preiswürdig. Diese Wendung für das Nichträumen und Nichtstreuen von Nebenstraßen ist zauberhaft. Wohnt auch diesem Zauber ein Anfang inne? Wenn ja, wird’s künftig glatt auf Deutschlands Straßen.

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, GELESEN, WISSENSWERTES, WORTSTICHELEI


Kommentare

  • S. Fichte |  10.01.2011

    Schwarz und weiß

    Neben dem “weißen Winterdienst” gibt es auch das “Schwarzräumen” (wobei nicht die Beseitigung nordischer Vulkanasche oder etwaige Schwarzarbeit in der Winterdienstbranche gemeint ist, sondern das mechanische Räumen verschneiter Hauptverkehrsstraßen :-) Hoffentlich hält das Tauwetter an!
    Viele Grüße, S. Fichte
    http://www.falkenseer-kurier.info/rubriken/natur-umwelt-mensch-technik/12-2005-ohne-tausalz.html

  • Jeanne |  19.01.2011

    Alles Gute im 2011 Jahr!!!

  • Justin |  23.01.2011

    Zitat: “entscheidend sei nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern vielmehr seine Signifikanz und Popularität” – Bei Wutbürger kann ich ehrlich gesagt weder das eine noch das andere.


Seite auf
Feedback