Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Ich Google – Du Facebook?

22. Februar 2011

 

Innerhalb von nur einer Woche waren im Netz zwei Meldungen zu lesen, in denen es um einen neuen kontroversen Aspekt eines alten kontroversen Themas geht – Vornamen.  Die erste Meldung  besagt, dass der Sohn des libanesischen Softwareentwicklers Elias Kai und seiner Frau im südschwedischen Kalmar  von seinen Eltern den Vornamen Oliver Google bekommen hat. Südschweden – sie hätten das Kind auch Wallander nennen können.  Aber:  Kai,  Spezialist für Suchmaschinen-Marketing, hat für Oliver Google auch bereits eine Webseite und einen Blog eingerichtet. 

Im offiziellen Google-Blog schreibt Mitarbeiterin Karen Wickre, «wir wünschen ihm ein langes Leben und gute Gesundheit, und hoffen, dass seine Schulkameraden nicht zu gemein zu ihm sein werden». Wie weise – immerhin muss so ein Vorname ja ein Leben lang getragen werden und nicht nur für einen Monat reichen.

Anderer Schauplatz: Ägypten. Die Tochter des Ägypters Jamal Ibrahim besitzt wohl einen der ungewöhnlichsten Vornamen der arabischen Welt. Sie wurde auf den Namen  “Facebook” getauft – als Hommage an die Rolle des sozialen Netzwerks während der Unruhen in Ägypten.

Zwar meinte das amerikanische Technik-Blog TechCrunch, das Mädchen hätte auch YouTube oder Twitter heißen können, doch gelungen fand ich den Kommentar eines Online-Kommentators, Ebay würde als Name arabischer klingen. Aus phonetischer Sicht stimmt das ja irgendwie, besonders wenn in späteren Jahren die Eltern nach dem Mädchen rufen: Ibeieieieieii …

Sollte dies Schule machen, würden sich für zukünftige Generationen ja die schönsten Möglichkeiten eröffnen. Denn würde aus einem Google und einem Facebook ein Paar (also den so heißenden Menschen, nicht den Internet-Firmen), dann gäbe es für deren Kinder wirklich schöne vorstellbare Namen, für einen Jungen vielleicht Android, für ein Mädchen vielleicht Apple. Ist das nun schlimmer als Malte Joshua,  Aaliyah-Shaleen Vivienne ,  Sidney Tallin Camaron oder Wesley Rüdiger? 

Philosophisch gesehen ist  interessant, dass bei Google und Facebook (den Menschenkindern)  das technische Konstrukt  als Inspiration der Namensgebung fungiert. Traditionell kennt man das nämlich eher anders herum: Das erotische Verhältnis des Mannes zur Technik spiegelte sich ja immer schon darin, dass die (meist männlichen) Schöpfer technischer Gegenstände diesen menschliche Namen und insbesondere die Namen weiblicher Menschen gaben. So hatte Emil Jellinek, früher Vertriebsmann der Automobile eines gewissen Gottlieb Daimler, eine Tochter mit Namen  Adrienne Manuela Ramona Jellinek und dem Kosenamen Mercedes. Der Rest dieser Erfolgsgeschichte ist bekannt. Im Juni 1903 wurde Emil Jellineks Antrag bewilligt, seinen Familiennamen auf „Jellinek-Mercedes“ abzuändern.

Auch in  “Regeln und Wörterverzeichnis” (Entsprechend den Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung ) spielen Namen eine gar nicht so unbedeutende  Rolle. Wenn ich mich da nicht verzählt habe, ist  an 54 Stellen des amtlichen Dokuments von Eigennamen die Rede.

Da wird man zum Beispiel an  Tatsachen wie diese erinnert:

-  ”Eigennamen aus Sprachen mit nicht lateinischem Alphabet können unterschiedliche Schreibungen haben, die auf die Verwendung verschiedener Umschriftsysteme zurückgehen (zum Beispiel Schanghai, Shanghai).

- Eigennamen, deren Grundform (Nominativform) auf einen s-Laut (geschrieben: -s, -ss, -ß, -tz, -z, -x, -ce) endet, bekommen im Genitiv den Apostroph, wenn sie nicht einen Artikel, ein Possessivpronomen oder dergleichen bei sich haben: Aristoteles’ Schriften, Carlos’ Schwester, Ines’ gute Ideen, Felix’ Vorschlag, Heinz’ Geburtstag, Alice’ neue Wohnung

Aber ohne Apostroph: die Schriften des Aristoteles, die Schwester des Carlos, der Geburtstag unseres kleinen Heinz

Von dem Apostroph als Auslassungszeichen zu unterscheiden ist der gelegentliche Gebrauch dieses Zeichens zur Verdeutlichung der Grundform eines Personennamens vor der Genitivendung -s oder vor dem Adjektivsuffix -sch: Carlo’s Taverne” (“sächsischer  Genitiv“).

Übrigens: Der gelegentliche Gebrauch? Sucht man in Google mal nach der Zeichenfolge ” ‘s Kneipe” erhält man schlappe 25.500 Funde; die Suche nach ” ‘s Taverne” bringt nochmals 24.400″ und für ” ‘s Bistro” sollen es gar unglaubliche 439.000 sein. Das wäre eine Legion von Kneipen und von Gelegenheitsapostrophen.

Als Deutschblog ist uns natürlich auch bewusst, dass Namen auch in idiomatischen Redensarten im Deutschen eine Rolle spielen. Gebräuchlich ist die lateinische Redensart “Nomen est Omen” mit der Bedeutung  „der Name ist ein Zeichen“.  Die Redensart geht zurück auf den römischen Komödiendichter Plautus, der in seinem Stück Persa (Der Perser) die Formulierung nomen atque omen (lat. „Name und zugleich auch Vorbedeutung“) verwendet. Während diese Redewendung das Verhältnis zwischen einer sprachlichen Lautgestalt und einer außersprachlichen Sache oder Person als gerade nicht beliebig darstellt, gibt es auch eine bekannte Redensart mit genau gegenteiliger Aussage:  “Namen sind Schall und Rauch.“ Nicht immer, wenn sie jemand  gebraucht, wird er wissen, dass sie aus Goethes Faust  (Faust I) stammt: “Nenn es dann, wie du willst, Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott! Ich habe keinen Namen dafür! Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch …” Heute wird mit “Namen sind Schall und Rauch” auf die Bedeutungslosigkeit/Vergänglichkeit einer Sache angespielt, was sich nicht ganz mit der Faust-Stelle deckt, in der das Wort vom Name als  Schall und Rauch Fausts Antwort auf die Gretchenfrage (huch, wieder etwas Idiomatisches!) ist: „Nun sag. Wie hast Du’s mit der Religion?” Ja, wie ist es nun mit den Namen? Zufällig und beliebig  oder vorzeichenhaft? Im Märchen vom  Rumpelstilzchen ist  das Wissen und das machtvolle Aussprechen des Namens durch die Müllerstochter dann alles andere als ein Akt von Beliebigkeit. Dass der „Dativ dem Genitiv sein Tod“ ist, findet – finde ich  – eine merkwürdige Parallele in  “Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind”.

Doch das Rumpelstilzchen singt auch “ach, wie gut dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!” Wenn auf dem Google-Blog für den  kleinen Google gewünscht  wird, dass ”his schoolmates aren’t too hard on him” , könnte man “Rumpelstilzchen” durch “Google” ersetzen.

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, GELESEN, KONTROVERSES, WISSENSWERTES, WORTSTICHELEI

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Wachsen der Wörter

15. Februar 2011

Ende Mai 2010 hatten wir gemeldet, dass PONS Die deutsche Rechtschreibung seit der ersten Veröffentlichung im Herbst 2009 um über 4000 Stichwörter gewachsen war. Mehr als 144.000 Stichwörter bot das  Onlinewörterbuch vor neun Monaten seinen Benutzern.

Und heute? Ende Februar 2011 können wir unseren Benutzern wieder 1.600 Stichwörter mehr bieten.

 RUND 145.600 STICHWÖRTER können Sie heute online nachschlagen.

Hilfe und Motivation beim immer weiteren Ausbauen, Verfeinern, Polieren und Pflegen dieser Substanz waren und sind unsere Benutzer;  in einer Zeit, in der  Befürchtungen und Bangigkeiten um Zustand und Zukunft des Deutschen so stark den Diskurs über Sprache prägen (als Deutschblogleser wissen Sie das!), haben Sie uns großzügig Wörter gespendet. Sie haben uns Yggdrasil geschickt und Trichotillomanie, Tollität  und  Hendiadyoin , den Jausengegner und die Dystopie – und noch viel mehr Interessantes, Wichtiges und Bemerkenswertes, das einen Blogartikel schlicht aus den Angeln heben würde. Nun können es aber alle nachschlagen. Wir beobachten die aktuelle Sprachentwicklung weiter, rund ums Jahr, vom wortreichen Winter bis zum Frühjahr der ausschlagenden Neologismen und dem  Herbst der fallenden Wörter.

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: FREUT UNS, WICHTIGES

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  • mati |  19.02.2011

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Onion Fish und der Klapprechner

10. Februar 2011

Erstaunliches  Teil 1 – Bücher:  Kennen Sie das? Drei Bücher, die Sie gekauft haben, stehen noch immer ungelesen im Regal, während Sie einen Roman, den Sie neunmal gelesen haben, zum zehnten Mal lesen.  Mit der zehnten Lektüre noch ein wenig mehr beheimatet werden in einer erzählten Welt. Giorgio Bassanis Gärten der Finzi-Contini ist für mich so ein Buch, Pascal Merciers Perlmanns Schweigen,  Donna Tartts Geheime Geschichte. Nicht eben geringe Chancen, Mitglied in diesem Kreis zu werden, hat meine derzeitige Frühjahrslektüre Das finstere Tal von Thomas Willmann. Ein Fremder mit Namen Greider kommt in ein einsames Hochtal in den Alpen. Er ist Kunstmaler und möchte in dem kleinen abgeschiedenen Dorf den Winter über bleiben, um zu malen. Das finden die Dorfbewohner seltsam. Sie begegnen Greider mit Misstrauen. Er aber versteht es, sich das Vertrauen der Menschen zu erschleichen, und so wie Greider langsam die Bewohner immer besser kennenlernt, so begreift auch der Leser, dass in diesem finsteren Tal nicht alles mit rechten Dingen zu geht. Bald nach Greiders Ankunft wird das dörfliche Leben durch mysteriöse Todesfälle  erschüttert. Und bald wird klar – Greider weiß mehr. In filmischen Rückblenden wird von seiner Vergangenheit erzählt, von seiner Mutter, die nach schwerer Jugend ihr Glück in den Vereinigten Staaten fand.  Willmann verschränkt  Ludwig Ganghofer und Sergio Leone zu einem “Alpen-Western”.  Relativ spät im Roman erfährt der Leser, dass Greider als Rächer gekommen ist für die Ausübung des Jus primae Noctis durch den Dorf-Patriarchen Brenner.  Das “finstere Tal” ist ein Herz der Finsternis.

Besonders fasziniert hat mich Willmanns Sprache, die Gebrauch von archaischen, altertümlich anmutenden Elementen macht.  Willmanns Sätze sind nicht selten lang und syntaktisch kompliziert und wirken dennoch eigentümlich klar wie die Bergluft im Hochtal.  ”Die Sprache knarzt wie altes Gebälk und ist doch von großzügiger Leichtigkeit.” Besser als diese Beschreibung eines Rezensenten kann ich es nicht sagen.   Den Roman musste ich beim Lesen häufig beiseite legen, um Wörter, die ich für mich entdeckt hatte, zu notieren: glosendie Riese - Kraxe – das Gleißen -der Wintergast-traumverkrustet. Der Autor Thomas Willmann sagte in einem Interview: “Diese Welt hat ihre Sprache mitgebracht.”

Erstaunliches Teil 2  - rituelle Kämpfe als Fest und Volksbelustigung:  Das Ius primae Noctis spielt eine Rolle im Karneval der norditalienischen Stadt Ivrea, in der 1908 die Firma Olivetti gegründet wurde. Der Anfang dieses Volksfestes hat sehr antike Wurzeln: Ende des XII. Jahrhunderts lehnte sich die Bevölkerung Ivreas gegen Ranieri, den Grafen von Biandrate, auf, der den Anspruch auf die  Hochzeitsnacht mit den neu vermählten jungen Frauen erhob. Violetta, eine Müllerstochter, widersetzte sich, tötete den Tyrannen und präsentierte dem Volk den abgeschlagenen Kopf, wodurch sie einen gewaltigen Aufstand auslöste, der heute  in einer Art Historienspiel, der Orangenschlacht (battaglia delle arance), nachgestellt wird. Eine Schlacht, bei der man mit Orangen wirft? Da kommt einem die Tomatina in den Sinn, ein Fest,  das jedes Jahr am Mittwoch der letzten Augustwoche in der Stadt Buñol  in der spanischen Region Valencia stattfindet.Bei dem Fest werden überreife Tomaten in einer harmlosen Schlacht durch die Straßen geworfen. Wikipedia erklärt , dass zur Vermeidung von Verletzungen  es nach dem Reglement vorgeschrieben ist, die Tomaten vor dem Werfen in der Hand zu zerdrücken. Zudem seien die Lieferanten angewiesen, nur überreife Früchte bereitzustellen.

Erstaunliches Teil 3 - Sick of English: Bastian Sick ehrt  im aktuellen  Zwiebelfisch  Philipp von Zesen, jene eminente Erscheinung des siebzehnten Jahrhunderts, der als  genialer Wort-Erfinder der deutschen Sprache Wörter bescherte, die uns in ihrer schlichten Anmut und ihrem praktischen Nutzwert heute gar nicht mehr recht auffallen:  “Abstand”, ”Anschrift”, ”Augenblick” , “Bücherei”, “Kreislauf ”, “Entwurf” , “Verfasser”, “Leidenschaft” und – Sie ahnen es – “Rechtschreibung”; vor Philipp von Zesen standen für diese Konzepte nur die aus dem Lateinischen stammenden Wörter   ”Distanz”,  “Adresse”,   “Moment”,  “Bibliothek”,  “Zirkulation”, ”Projekt”,  “Autor”,  “Passion”  und – Sie ahnen es – “Orthographie” zur Verfügung. Den wortschöpferischen Geist Philipp von Zesens sieht Bastian Sick  ”zum Glück”  noch heute fortleben in der Arbeit des Verein Deutsche Sprache, besonders in dessen  ”Aktion lebendiges Deutsch”, die sich freilich nicht gegen lateinische, arabische oder französische Fremdwörter richtet, sondern gegen englische, von denen es  ” wie wir alle wissen inzwischen mehr als genug in unserer Sprache” gebe. Die “Aktion lebendiges Deutsch” mache sich übrigens auch für ein deutsches Wort stark, das der Funktion des tragbaren Computers  viel eher gerecht werde als das übliche “Laptop”: Klapprechner.  Da habe ich nicht schlecht gestaunt! Sick ein Anglizismenjäger! Da muss der Bastian aber auf der Hut sein, dass der Anataol Stefanowitsch ihn nicht erwischt  und ihm in seinem  Blog Sprachlog  das Netzkabel aus dem Klapprechner zieht.

Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück –  (Die Bibel, Psalm 23):  Wie kriege ich die Kurve in diesem Artikel?  Wie blogge ich haarscharf an der Themaverfehlung vorbei? Ich erkläre meinem inneren Deutschlehrer ganz einfach, dass ich kein Thema verfehlt habe, weil ich keines hatte – nur Impressionen, Fundstücke, Gleichzeitigkeiten, an den Gestaden meines Blogs angelangtes Strandgut .  Doch da stellt sich ein gar merkwürdiger Gedanke ein wie das letzte Kinobild im Alpenwestern: Wie wäre es, wenn all dem  öffentlich-medialen Streit um das reine oder das denglische Deutsch ein wenig das Element der Volksbelustigung innewohnte? Es ein Schaukampf wäre in der Arena der Blogs und Kolumnen? Wie wäre es, wenn die wahre Gefahr gar nicht von den Laptops, den Kiss-and-Ride-Zonen, den Headlines ausginge? Vor dem Werfen in der Hand der Sprachnörgler und Sprachnörglerwidersachern zerdrückte Worthülsen, die nicht viel mehr verletzen können als Eitelkeit. Weiche und saftlose Hülsen dazu – vom vielen Kauen? Sondern die von vielen befürchtete Gefahr für “das Deutsche” viel eher davon ausginge, dass allzu oft unsere Lebenswelten  nicht mehr – wie in Willmanns Roman - eine jeweils angemessene, sorgfältig bemessene  Sprache mitbringen? Dass unserer Sprache in ähnlicher Weise die Muße fehlt wie unserem Leben – das wäre ein mutmaßlicher Grund, warum englische Wörter in ihre knackigen Kürze so effizient, cool und unwiderstehlich erscheinen.  Texte wie “Das finstere Tal” wirken auf mich unwiderstehlich. Es eignet ihnen das wohlige Gefühl, das immer eintritt, wenn Verspanntes massiert, Verhärtetes gelockert wird. Eine Lockerung, die sich dem genussvollen Spiel mit der Sprache verdankt, dem Durchstreifen  ihrer unbegrenzten Wortschatzkammern, dem mäandernden Verweilen in Stilebenen und  intertextuellen Bezügen, ein Luxus im besten Sinne.  In  einer Rezension eines ganz anderen Buches von einem ganz anderen Autor  kam mir dann ein mutiger Satz entgegen und verscheuchte meine Zweifel über die Blogbarkeit dieser Überlegungen: “Wer aber mit ausufernden Nebensatzkonstruktionen, endlosen Einfügungen und mit dem langen Warten auf das Verb am Satzende kein Problem hat, wer also, anders gesagt, mit der Schönheit deutscher Prosa klarkommt, der wird dieses Buch ständig bei sich tragen wollen wie ein Punk seine Ratte.  Und es ist ein Buch wider die SMS-Verknappungssprache, wider die 140-Buchstaben-Logik, wider die zwanghafte Knackigkeit von Sprache und wieder den Irrglauben, sich selbst und seinen Leser nicht hie und da etwas zumuten zu dürfen.”

  Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FREUT UNS, GELESEN, POESIE, WISSENSWERTES

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Next stop: Deutsch

01. Februar 2011

Die Deutschen und ihr Englisch – wahrlich ein spannungsreiches Verhältnis. Regelmäßige Leser des Deutsch- und anderer sprachbezogener Blogs wissen natürlich längst, dass kaum ein anderes Thema so hartnäckig, so kontrovers, so ungelöst die Diskussion über Sprachliches beherrscht wie die Anglizismen. Ihr Sinn und Unsinn, ihre Notwendigkeit und Überflüssigkeit, ihr Glanz und ihre Absurdität  – über all das lässt sich ideologisieren und gar trefflich streiten. Fortgeschrittene Diskutanten können sich indes den Anstrich einer ideologiefreien und überlegenen Wissenschaftlichkeit geben,  die  das Daseinsrecht der Anglizismen mit ihrem kommunikativen Mehrwert zu erklären sucht, die Kombattanten des gegnerischen Lagers bemühen den Petitionsausschuss des Bundestags.

Eine Institution, die irgendwie auch immer etwas erklären muss, ist die Bahn. Das zu erklärende Phänomen gehört dabei einmal der Sphäre des rational Erklärbaren (??) an (“Winterchaos”), einmal  der Sphäre des Technischen (Warum fiel im ICE bei minus acht Grad die Heizung aus? ) Ganz schwer erklärbar wird es, warum die Bahn mit ihrem Unternehmensimage trotz vieler guter Ansätze nicht recht weiterkommt als bis zum “einzigen Konzern der Welt, der jede Leistungsreduktion mit signifikanten Preiserhöhungen hinterlegt und dessen Kundenservice bei freundlicher Interpretation bestenfalls als terroristischer Akt eingestuft werden kann.” Sie glauben doch nicht, dass das zwischen Anführungszeichen Stehende von mir stammt? Stammt es nicht.  Ich fahre Bahn und tue das meistens gern. Das Zitat entstammt einer Amazon-Kundenrezension eines Buches, das mit dem albern-genialen Titel “Senk ju vor träwelling” so manchen erheitert haben wird – mich eingeschlossen.

Doch jetzt hat die Bahn mit einer Änderung der sprachlichen Weichenstellung den Titel in Richtung Abstellgleis rangiert:  Sie reduziert ihre Ansagen auf Englisch in Zügen und auf Bahnhöfen. “Englische Ansagen wird es künftig nur noch auf den zehn größten deutschen Bahnhöfen geben”, kündigte der Konzernbevollmächtigte der Bahn, Ingulf Leuschel, in der “Welt am Sonntag” an. Dazu zählen unter anderem Frankfurt, Hamburg, Köln und München sowie Stuttgart.  Na ja, in Stuttgart geht es beim project twenty-one ja auch eher um Außersprachliches: stay above ground, stay oben!  Außerdem sollen nur noch in Zügen, die Flughäfen mit internationalen Zielen anfahren, Ansagen in Englisch zu hören sein.

Künftig will sich die Bahn kürzer fassen und den Reisenden unterwegs mehr Ruhe gönnen. Mehrsprachige Durchsagen sollen “auf Strecken und Bahnhöfe konzentriert werden, wo internationale Gäste unterwegs sind”, kündigte Bahnchef Rüdiger Grube in der “Wirtschaftswoche” an. Denn lange Wortmeldungen nerven vor allem treue Vielfahrer, wie Fahrgastvertreter monieren.

Eingeführt hatte die Bahn die englischen Durchsagen – über deren Aussprache  manch ein Passagier auch ein wenig amused war  - auf Schienen und an größeren Stationen 2006 zur Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Danach wurde es für ICE, Intercity und Eurocity beibehalten, da die Resonanz während der WM positiv war, wie die Bahn damals feststellte. Davor gab es Extra-Ansagen auf Englisch nur in Fernzügen auf internationalen Strecken und vor Flughafenbahnhöfen.

Dass künftig wieder weniger mehr ist, begrüßt der Fahrgastverband Pro Bahn. “Die Leute werden bei häufigen Halten durch viele Ansagen genervt”, sagte der Vorsitzende Karl-Peter Naumann am Montag. Daher sei es richtig, die englischen Texte “auf ein vernünftiges Maß” zu reduzieren. An großen Haltestellen wie den Hauptbahnhöfen in München oder Köln sollten Reisende weiterhin auf Englisch begrüßt und etwa auf das Bordrestaurant hingewiesen werden. Bei Störungen sei dies ebenfalls ein notwendiger Service.

Gemäß einer deutschlandweiten, repräsentativen Studie zu Spracheinstellungen in Deutschland des Mannheimer Instituts für Deutsche Sprache (IDS)  gaben ja auch  87% aller Befragten an, dass ihnen die deutsche Sprache gut bis sehr gut gefällt und dass sie Stolz auf sie (56%) oder gar  Liebe zu ihr (47%) empfänden. Während 1997/1998 nur 13% aller Deutschen erklärten, ein großes Interesse an der Pflege der deutschen Sprache zu haben, sind es heute 35%.Nationale Sprachliebe muss man aber gar nicht ins Feld führen. Studien im Marketing zeigen die ökonomische Relevanz der richtigen Sprachwahl – und die Tatsache, dass sensibler Umgang mit Anglizismen auch handfeste monetäre Absatzonsequenzen zeitigt.

Die Kölner Endmark AG hatte 2003 in einer repräsentativen Studie untersucht, ob englische “Claims” überhaupt verstanden werden. Das Ergebnis verblüffte selbst eingefleischte Sprachpuristen: So scheiterten 85 Prozent der Befragten am kurzen Slogan “Be inspired” (Siemens mobile), sogar 92 Prozent an “One Group. Multi Utilities” (RWE). Annähernd korrekt übersetzen konnte die Hälfte “Every time a good time” (McDonald’s) und “There’s no better way to fly” (Lufthansa).

Bei “Nothing between us” oder “Come in and find out” versteht der Durchschnittsdeutsche offenbar nur nur Railway Station, also wenig bis nichts. Bei Messungen des Hautwiderstands (!)  fand eine Dortmunder Diplomandin heraus, dass Werbung auf Englisch einfach nicht ankommt. 

So gibt es einen  Trend weg vom  “Denglischen”, zum Beispiel bei McDonald’s: Auf “Every time a good time” ließ die Restaurantkette “Ich liebe es” folgen. Auf Englisch hieß das Burger-Original ja “I’m loving it. ” Ich hatte immer schon gemeint, dass dies grammatisch falsch ist.  Also tatsächlich so viel besser als “Senk yu…? “Aber Werbesprache ist ja bekanntlich besser als wie man denkt. Ob Englisch, Deutsch, grammatisch falsch oder richtig – Hauptsache es funktioniert:  Sie lieben Ihren Big Tasty Bacon? Lieben Sie auch Ihre Bahn! Dann stimmt auch Ihr Hautwiderstand, falls den einer messen will.  Und sogar als bahnfahrender Deutschpurist können Sie sich in Frankfurt, Hamburg, Köln, München und Stuttgart auf “Thank you…” einfach ein artiges “Welcome!” denken.

 Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FUNDSTÜCKE, GELESEN, WISSENSWERTES

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  • Sanguiphleg Melancholer |  08.02.2011

    “Absatzonsequenzen”, ihr Sinn und Unsinn, und uns in Irrsinn – in Ewigkeit, Amen.

    Werbesprache ist nie besser “als wie man denkt”, da ihr Wertmaßstab die Richtigkeit ist (Jaja, liebe Texter-Gemeinde, die gibt es noch…), nicht die Werbewirkung. Wer lesen kann, weiß: “Werbesprache” ist Sprache, nicht Werbung. Letztere darf man gerne in Abhängigkeit vom Hautwiderstand bewerten (wenn’s schee mocht…) – erstere nicht. Schließlich feuern die Mehrwertdienstfehlleister der Kommerzunikation mit dem vermeintlichen Stilmittel der Verkackwurstung von Sprache durch unverhohlene Missachtung ihrer Regeln ganz bewusst volles Rohr auf den im Kugelhagel verbaler Tiefflieger lebenden Verbraucher, um dessen längst flüchtig gewordene Aufmerksamkeit kurzzeitig binden und durch seine eingetrübten Augen hindurch doch noch den semiotischen Kopfschuss zu landen. Doch so lukrativ Auftragsmörder auch arbeiten: Sie mögen zeitweilig goldene Nasen im Gesicht haben – das Blut an ihren Händen klebt ewig. Mithin ist den Deutschstunden-Schwänzern von gestern, die sich heute, mit ihren erigierten Konjunkturkurbeln wedelnd, Absolution als progressive Zeitgeistschöpfer zu erschleichen versuchen, jeder solche Ablasshandel zu verweigern.

    Apropos Deutsch: “Stammt es nicht.” ist keines.

  • Sanguiphleg Melancholer |  08.02.2011

    Nachtrag: “kurzzeitig ZU binden”. Mein Fehler. SM.


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