Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Next stop: Deutsch

01. Februar 2011

Die Deutschen und ihr Englisch – wahrlich ein spannungsreiches Verhältnis. Regelmäßige Leser des Deutsch- und anderer sprachbezogener Blogs wissen natürlich längst, dass kaum ein anderes Thema so hartnäckig, so kontrovers, so ungelöst die Diskussion über Sprachliches beherrscht wie die Anglizismen. Ihr Sinn und Unsinn, ihre Notwendigkeit und Überflüssigkeit, ihr Glanz und ihre Absurdität  – über all das lässt sich ideologisieren und gar trefflich streiten. Fortgeschrittene Diskutanten können sich indes den Anstrich einer ideologiefreien und überlegenen Wissenschaftlichkeit geben,  die  das Daseinsrecht der Anglizismen mit ihrem kommunikativen Mehrwert zu erklären sucht, die Kombattanten des gegnerischen Lagers bemühen den Petitionsausschuss des Bundestags.

Eine Institution, die irgendwie auch immer etwas erklären muss, ist die Bahn. Das zu erklärende Phänomen gehört dabei einmal der Sphäre des rational Erklärbaren (??) an (“Winterchaos”), einmal  der Sphäre des Technischen (Warum fiel im ICE bei minus acht Grad die Heizung aus? ) Ganz schwer erklärbar wird es, warum die Bahn mit ihrem Unternehmensimage trotz vieler guter Ansätze nicht recht weiterkommt als bis zum “einzigen Konzern der Welt, der jede Leistungsreduktion mit signifikanten Preiserhöhungen hinterlegt und dessen Kundenservice bei freundlicher Interpretation bestenfalls als terroristischer Akt eingestuft werden kann.” Sie glauben doch nicht, dass das zwischen Anführungszeichen Stehende von mir stammt? Stammt es nicht.  Ich fahre Bahn und tue das meistens gern. Das Zitat entstammt einer Amazon-Kundenrezension eines Buches, das mit dem albern-genialen Titel “Senk ju vor träwelling” so manchen erheitert haben wird – mich eingeschlossen.

Doch jetzt hat die Bahn mit einer Änderung der sprachlichen Weichenstellung den Titel in Richtung Abstellgleis rangiert:  Sie reduziert ihre Ansagen auf Englisch in Zügen und auf Bahnhöfen. “Englische Ansagen wird es künftig nur noch auf den zehn größten deutschen Bahnhöfen geben”, kündigte der Konzernbevollmächtigte der Bahn, Ingulf Leuschel, in der “Welt am Sonntag” an. Dazu zählen unter anderem Frankfurt, Hamburg, Köln und München sowie Stuttgart.  Na ja, in Stuttgart geht es beim project twenty-one ja auch eher um Außersprachliches: stay above ground, stay oben!  Außerdem sollen nur noch in Zügen, die Flughäfen mit internationalen Zielen anfahren, Ansagen in Englisch zu hören sein.

Künftig will sich die Bahn kürzer fassen und den Reisenden unterwegs mehr Ruhe gönnen. Mehrsprachige Durchsagen sollen “auf Strecken und Bahnhöfe konzentriert werden, wo internationale Gäste unterwegs sind”, kündigte Bahnchef Rüdiger Grube in der “Wirtschaftswoche” an. Denn lange Wortmeldungen nerven vor allem treue Vielfahrer, wie Fahrgastvertreter monieren.

Eingeführt hatte die Bahn die englischen Durchsagen – über deren Aussprache  manch ein Passagier auch ein wenig amused war  - auf Schienen und an größeren Stationen 2006 zur Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Danach wurde es für ICE, Intercity und Eurocity beibehalten, da die Resonanz während der WM positiv war, wie die Bahn damals feststellte. Davor gab es Extra-Ansagen auf Englisch nur in Fernzügen auf internationalen Strecken und vor Flughafenbahnhöfen.

Dass künftig wieder weniger mehr ist, begrüßt der Fahrgastverband Pro Bahn. “Die Leute werden bei häufigen Halten durch viele Ansagen genervt”, sagte der Vorsitzende Karl-Peter Naumann am Montag. Daher sei es richtig, die englischen Texte “auf ein vernünftiges Maß” zu reduzieren. An großen Haltestellen wie den Hauptbahnhöfen in München oder Köln sollten Reisende weiterhin auf Englisch begrüßt und etwa auf das Bordrestaurant hingewiesen werden. Bei Störungen sei dies ebenfalls ein notwendiger Service.

Gemäß einer deutschlandweiten, repräsentativen Studie zu Spracheinstellungen in Deutschland des Mannheimer Instituts für Deutsche Sprache (IDS)  gaben ja auch  87% aller Befragten an, dass ihnen die deutsche Sprache gut bis sehr gut gefällt und dass sie Stolz auf sie (56%) oder gar  Liebe zu ihr (47%) empfänden. Während 1997/1998 nur 13% aller Deutschen erklärten, ein großes Interesse an der Pflege der deutschen Sprache zu haben, sind es heute 35%.Nationale Sprachliebe muss man aber gar nicht ins Feld führen. Studien im Marketing zeigen die ökonomische Relevanz der richtigen Sprachwahl – und die Tatsache, dass sensibler Umgang mit Anglizismen auch handfeste monetäre Absatzonsequenzen zeitigt.

Die Kölner Endmark AG hatte 2003 in einer repräsentativen Studie untersucht, ob englische “Claims” überhaupt verstanden werden. Das Ergebnis verblüffte selbst eingefleischte Sprachpuristen: So scheiterten 85 Prozent der Befragten am kurzen Slogan “Be inspired” (Siemens mobile), sogar 92 Prozent an “One Group. Multi Utilities” (RWE). Annähernd korrekt übersetzen konnte die Hälfte “Every time a good time” (McDonald’s) und “There’s no better way to fly” (Lufthansa).

Bei “Nothing between us” oder “Come in and find out” versteht der Durchschnittsdeutsche offenbar nur nur Railway Station, also wenig bis nichts. Bei Messungen des Hautwiderstands (!)  fand eine Dortmunder Diplomandin heraus, dass Werbung auf Englisch einfach nicht ankommt. 

So gibt es einen  Trend weg vom  “Denglischen”, zum Beispiel bei McDonald’s: Auf “Every time a good time” ließ die Restaurantkette “Ich liebe es” folgen. Auf Englisch hieß das Burger-Original ja “I’m loving it. ” Ich hatte immer schon gemeint, dass dies grammatisch falsch ist.  Also tatsächlich so viel besser als “Senk yu…? “Aber Werbesprache ist ja bekanntlich besser als wie man denkt. Ob Englisch, Deutsch, grammatisch falsch oder richtig – Hauptsache es funktioniert:  Sie lieben Ihren Big Tasty Bacon? Lieben Sie auch Ihre Bahn! Dann stimmt auch Ihr Hautwiderstand, falls den einer messen will.  Und sogar als bahnfahrender Deutschpurist können Sie sich in Frankfurt, Hamburg, Köln, München und Stuttgart auf “Thank you…” einfach ein artiges “Welcome!” denken.

 Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FUNDSTÜCKE, GELESEN, WISSENSWERTES


Kommentare

  • Sanguiphleg Melancholer |  08.02.2011

    “Absatzonsequenzen”, ihr Sinn und Unsinn, und uns in Irrsinn – in Ewigkeit, Amen.

    Werbesprache ist nie besser “als wie man denkt”, da ihr Wertmaßstab die Richtigkeit ist (Jaja, liebe Texter-Gemeinde, die gibt es noch…), nicht die Werbewirkung. Wer lesen kann, weiß: “Werbesprache” ist Sprache, nicht Werbung. Letztere darf man gerne in Abhängigkeit vom Hautwiderstand bewerten (wenn’s schee mocht…) – erstere nicht. Schließlich feuern die Mehrwertdienstfehlleister der Kommerzunikation mit dem vermeintlichen Stilmittel der Verkackwurstung von Sprache durch unverhohlene Missachtung ihrer Regeln ganz bewusst volles Rohr auf den im Kugelhagel verbaler Tiefflieger lebenden Verbraucher, um dessen längst flüchtig gewordene Aufmerksamkeit kurzzeitig binden und durch seine eingetrübten Augen hindurch doch noch den semiotischen Kopfschuss zu landen. Doch so lukrativ Auftragsmörder auch arbeiten: Sie mögen zeitweilig goldene Nasen im Gesicht haben – das Blut an ihren Händen klebt ewig. Mithin ist den Deutschstunden-Schwänzern von gestern, die sich heute, mit ihren erigierten Konjunkturkurbeln wedelnd, Absolution als progressive Zeitgeistschöpfer zu erschleichen versuchen, jeder solche Ablasshandel zu verweigern.

    Apropos Deutsch: “Stammt es nicht.” ist keines.

  • Sanguiphleg Melancholer |  08.02.2011

    Nachtrag: “kurzzeitig ZU binden”. Mein Fehler. SM.


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