Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Die Sprache lebt demletzt

30. März 2011

Online-Diskussionen über Sprachfragen verfolge ich immer gern. Es macht Spaß und man lernt auch etwas dabei. Zum Beispiel auch über Rechtschreibfragen…

Gelegentlich stößt man dabei aber auch auf Diskurse, die zu verfolgen manchem Lexikografen des Prä-Internetzeitalters Freudentränen in die Augen getrieben hätten. Man kann in Onlineforen  quasi in Echtzeit den Forschungsgegenstand einer geheimnisvollen Forschungsrichtung erleben: Die lexikografische Benutzerforschung. Denn Sprachwissenschaftler und Wörterbuchmacher (und manchmal sind die beiden Professionen ja in Personalunion vereint) hätten immer schon nur zu gern gewusst, was Menschen denn eigentlich so alles mit einem Wörterbuch anstellen. Also, gemeint sind hier natürlich nicht all die denkbaren Zweckentfremdungen eines größeren Wörterbuches (etwa als Tritthocker, als Waffe oder als Hantel), sondern die genuinen Informationssuchen im Wörterbuch, mithin: Welche Antworten auf welche Fragen in einem Wörterbuch gesucht werden. So stieß ich heute in einem Text eines österreichischen Autors auf das Wort „attraktivieren“ – und meinte zunächst, es handle sich um einen Austriazismus. Die Google-Suche führte mich dann in ein  bekanntes Forum, in dem ein User zu „attraktivieren“ just die Frage stellte: „Gibt’s dieses Wort?“ Einen Kontext („ein Produkt für eine Gruppe Menschen attraktivieren“) hatte er gleich mitgeliefert.

Die Forumsbenimmregel, Fragenbeantworter sollten darauf achten, dass ihre Antwort für den Fragesteller auch wirklich hilfreich ist, ist ja eine, die allen Lexikografen dieser Welt schon lange vor der Erfindung von Internet und Foren ins Familienstammbuch geschrieben ist. Was meinten nun die Antworter zu „attraktivieren“?

GerdaG entschied kurzerhand: „ Nein, das Wort gibt es nicht.“ Dann der Vorschlag einer alternativen Formulierung: „dieses Produkt für eine Gruppe Menschen attraktiv gestalten.“

Das kann  Volker so nicht hinnehmen: „Natürlich gibt es dieses Wort. Es heißt nichts anderes, als interessanter machen.“

Tja, da steht wohl – wie es im polizeilichen Sprachgebrauch heißen würde – Aussage gegen Aussage. Da wären vielleicht Zeugen hilfreich. Nicht erstaunlich, wenn sich  nun Lena101 in die Diskussion einschaltet. Sie hat in einem relativ bekannten deutschen Wörterbuch nachgeschlagen und „attraktivieren“ nicht gefunden. Sie sagt immerhin „laut…  gibt es das Wort nicht.“  und fragt: „Warum sagst du nicht attraktiv machen?“ Danke Lena für das Wörtchen „laut“. Das ist eine kleine, aber feine Präzisierung der Dinge. Keine zwei Wörterbücher sind ja identisch. Und wenn ein Wort bei X nicht aufgenommen ist, dann findet man es vielleicht bei Y – wenn nicht bei D, dann vielleicht bei P. Nichtexistenz im Wörterbuch heißt noch lange nicht Nichtexistenz in der Sprache – nimm Du den und ich nehme den – und wir bekommen nicht unbedingt das Gleiche!

Richtig Freude kommt aber auf mit dem Beitrag von Godwana, die zu bedenken gibt: „Allein weil du es benutzt hast, gibt es das! Wenn es das bisher noch nicht gab, bist Du ein WORTSCHÖPFER!!!“

Godwana, Du bist eine Philosophin!

Mia68  merkt an dieser Stelle an: „Die Österreicher und Schweizer mögen das [Wort „attraktivieren“]  besonders, wie´s scheint …“ Sehr richtig, wie es scheint. Denn auch, wenn noch so viele Google-Belege, auf Seiten mit „at“ und „ch“ führen – für eine lexikografische Beschreibung, müssten wir doch besser einen Österreicher oder Schweizer mal fragen, ob das so ist oder nur so scheint. Semantisch nehmen es unsere Forumdiskutanten genau: Ein gewisser „Prolo“ (er nennt sich selbst so) sagt, es handle sich bei „attraktivieren“ durchaus um ein Wort. „Verschönern“ sei keine korrekte Beschreibung von dessen  Bedeutung, sondern eher  „schmackhaft machen“.

Der Kommentar von cosch87 ist erhellend: „Das kommt auf den Zusammenhang an. Richtig. Auch das ist Wörterbuchtheorie in a nutshell. Kontextualismus gewissermaßen.

Wim50  meint: „Werbefuzzis attraktivieren auch gern die Sprache.“ Der Mann nimmt kein Blatt vor den Mund.

Ach, Denise180685, Du bist mein Stern. Du sagst:

“[„attraktivieren“] gibt’s nicht, sag einfach: ein prod. atraktiever gestalten, die afinität der potenziellen käufer steigern durch ein kundenorientiertes design“

Da ist GerdaG  machtlos, bringt nur noch heraus: „Häh?? :-)

Als erster findet  cosch87  Worte: „Was zur hölle soll ein prod. sein und seit wann schreibt man “attraktiv” mit “ie”? Und er tritt noch nach: „Und mit Doppelbuchstaben hast du es auch nicht so….“ Doch man hüte sich vor vorschnellen Schlüssen auf der Basis rechtschreiblicher Defizite. Denise180685 : „Ich habe legasthenie und trotzdem studiert und jetzt schleich dich du … solche rechtschreibfehler passieren mir oft und solange die quallität stimmt ist doch die rechtschreibung egal.“

Infex ist es, dem wir einen wahrhaft würdigen Abschluss dieses Fadens verdanken:  „Was heißt denn: “Gibt´s dieses Wort?” Wer bestimmt das?“ Richtig, wer bestimmt das eigentlich?´Die Wörterbücher? Bestimmte Wörterbücher? Bestimmte Wörterbücher, in denen das Wort nicht steht, obwohl Google 9000 Belege gefunden hat?

An anderer Stelle fand ich folgende Frage: “Darf man “demletzt” sagen … an Stelle von “neulich”, “letztens” , “unlängst” und ähnlichen offiziellen Ausdrücken?” Und folgende Antwort:
“Es mag ja sein, dass es das Wort “demletzt” offiziell nicht gibt, aber gibt es nicht so vieles wirklich, was es offiziell nicht gibt? Ist die deutsche Sprache nicht durch ganz andere Dinge gefährdet als durch eher deutschartige Wortschöpfungen wie “demletzt”, z.B. durch diese ganzen Anglizismen? Müssen nicht komplette Landsmannschaften fortan schweigen, wenn man nur Wörter verwenden darf, die es offiziell gibt – z.B. Bayern, Baden-Würgenberger oder auch Rheinländer? Wo kommen wir hin – oder besser: Wo wären wir steckengeblieben – wenn man niemals neue Wörter erfinden dürfte? Fragen über Fragen im Zusammenhang damit, dass sich einige an so einem harmlosen Wörtchen stoßen…”

Infex kommt es zu, das Schlusswort zu sprechen: „Nun ist Google nicht alles. Die Sprache lebt.“ Die Lexikografie lebt.

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: FREUT UNS, LEXI

Kommentare

  • Bernd |  10.04.2011

    Weiterführend kann man hier lesen: http://www.neologismus.net/ oder auch hier http://de.wikipedia.org/wiki/Neologismus (wobei “attraktivieren” wohl laut http://www.neologismus.net/neologismen.htm eher ein Okkasionalismus ist)

  • André von Online-Partnersuche.de |  12.09.2011

    Das ist einer der besten Sätze ” Also, gemeint sind hier natürlich nicht all die denkbaren Zweckentfremdungen eines größeren Wörterbuches (etwa als Tritthocker, als Waffe oder als Hantel), sondern die genuinen Informationssuchen im Wörterbuch,” die ich in der letzten Zeit lesen durfte… Ich finde “Das Lexikon oder Wörterbuch als Waffe” klingt auch sehr schön nach einer Seminararbeit eines Germanisten im 6.ten Semester. Und da macht die Sammlung des Brockhauses einen direkt zum Serientäter…

  • Stefan von vergleich.singles |  22.05.2015

    Danke dafür, ich kann vor lachen kaum schreiben.

  • Naturfreundin Marta |  29.07.2016

    …ich mach mir auch gleich in die Hosen :D LOL

FUNDBÜRO: Zeitläufte

18. März 2011

Wenn Sie gern die Tour de France verfolgen, liebe BlogleserInnen, so ist Ihnen das Wort “Zeitfahren” ein Begriff. Was aber ist ein “Zeitlauf”? Ein Lauf, bei dem die Läufer – wie die Radfahrer- einzeln auf eine Strecke geschickt werden, die sie dann möglichst schnell absolvieren müssen? Nun, eine solche Interpretation wäre in einem konkreten Kontext sicher möglich, etwa in : “Der erste Lauf  um 13 Uhr ist nur ein Trainingslauf und dient zum Warmlaufen. Der zweite Lauf um 14 Uhr ist der  Zeitlauf.”

In den Wörterbüchern findet sich aber Erstaunliches. Im allgemeinen tritt das Wort im Plural auf, den es gleich in zwei Versionen gibt. Die “normaler” anmutende Light-Version “ Die Zeitläufe” ist die eine. Power-User-Schreiber aber wählen die deutlich gebildet wirkendere Pluralform “Zeitläufte”. Gemeint ist mit beiden Formen der “zeitbedingte Lauf der Ereignisse”.

Woher aber kommt die etwas seltsam wirkende Form “Zeitläufte”? Die Antwort kommt – wie so oft-  aus der Sprachgeschichte: Es gab einmal eine Singularform dazu: Lauft.  So heißt es im Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm:

“Lauft, m. , ahd. mhd. hlouft (mit einem andern ableitungssuffix als die erstgenannte form), in der ältern sprache im allgemeinen bevorzugter als lauf, in der modernen absterbend. die form hlouft, lauft ist eine nur ober- und mitteldeutsche, und gilt
1) von der einzelnen handlung des laufens, im eigentlichen sinne : thut richtige leuft mit ewren fuszen. Hebr. 12, 13 variante; bildlich: sintemal das evangelium nicht feiret noch ruget, sondern leuft in einem lauft und breitet sich aus in alle welt. Luther”

 Die Zeitläufte haben offenbar bewirkt, dass heute  nur die Pluralform übrig geblieben ist.

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FACHLICHES, WISSENSWERTES

Kommentare

  • Mariele |  20.03.2011

    Also das Wort habe ich noch nie gehört…

Praktikas beim Plural: Da kommt man ins Sphingen

09. März 2011

Kennen Sie das Wort Trichotillomanie?  Ich habe es lange nicht gekannt. Es bezeichnet den zwanghaften Impuls, sich Haare auszureißen. Ich stieß auf das Wort bei Recherchearbeiten für PONS Die deutsche Rechtschreibung. Nicht gering war mein Erstaunen, als es bei einer Google-Suche auftauchte. Mich hatte interessiert, welche Belegzahl die Suchmaschine für die Schreibung “Info’s” anzeigt: 4.790000 Treffer – und deren erster war eben eine Seite, auf der es um Trichotillomanie geht. Es zeigt sich: Zwanghaftes Handeln gibt es nicht nur in der außersprachlichen Realität. Weit verbreitet - und viel kritisiert -ist im heutigen Deutsch ganz offenbar der zwanghafte Gebrauch des Apostrophs.  Sie denken, “Paul’s Pilskneipe”  und  “Paula’s Wollstube” sei schon in gefühlten 180 anderen Sprachblogs diskutiert worden? Das mag  stimmen, doch das ” ‘s ” hinter Paul oder Paula oder anderen Gastronomen und Einzelhändlern (als “sächsischer Genitiv” bezeichnet) ist noch etwas anderes – ein Genitiv eben. Wir sprechen in diesem Beitrag von der Bildung des Plurals mit “s”, von all den “CD’s” und “Link’s” und “Steak’s” , die uns heute on- und  offline anlachen.  

“Auf Grund der lautgesetzlichen Auslautverhärtung führt bei Simplizia, die auf einen Obstruenten auslauten, die native Pluralbildung zur Sonorisierung des Konsonanten”, schreibt die Linguistin Heide Wegener. Falls Ihnen das nicht unmittelbar einleuchtet, können wir einfach sagen: Die Pluralbildung im Deutschen ist nicht einfach, denn es heißt  ja FrauEN, aber KindER: es heißt MÄnnER, aber Atlanten, aber auch Atlasse, aber auch … Woher kommt dann die Freude daran, mit Falschpluralen die ohnehin  komplexe Grammatiklage noch zu verkomplizieren? Vielleicht ist es ja etwas Psychologisches. Der Apostroph mag falsch sein, aber er ist SCHÖN. Für die  nahezu erotisierende Wirkung von Diakritika gibt es ja auch in anderen Sprachgemeinschaften schöne Beispiel. So kennt Wikipedia einen Heavy-Metal-Umlaut ( englisch: röck döts): Die Umlaute im Namen von Heavy Metal-Bands wie Motörhead. Umlaute und andere diakritische Zeichen geben dem (meist englischsprachigen) Bandnamen ein fremdartiges Erscheinungsbild, man spreche sogar von „germanischer Härte“. Nun, sprachlich viel härter als “Info’s” kann’s in Germanien fürwahr nicht mehr werden. Oder doch?

Ein Plural ist ein Plural ist ein Plural? So einfach ist das nicht. Da gibt es etwa die Wörter, die keinen Plural bilden können, das Wort “Vernunft” etwa. Ein solches Wort heißt Singularetantum. Und im Plural sind das dann Singularetanten? Aber nein doch, es sind Singulariatantum oder Singularetantum. Sie haben richtig gelesen: “Singularetantum” und nicht “Singularetantums”.

“Im  Urduden von 1880 und in allen späteren Auflagen (1954 West, 1991, 1996, 2000, 2004, 2006) war neben Pluraliatantum auch Pluraletantums zugelassen ist. Das 1880 inkonsequenterweise fehlende Singularetantum ist mitsamt den Pluralformen Singularetantums und Singulariatantum spätestens seit 1954 ergänzt. In allen reformierten Auflagen büßen die Singularetantums ihr -s ein; da es aber weiterhin Pluraletantums heißen soll, handelt es sich wohl um ein Versehen (das also seit elf Jahren nicht bemerkt wurde). ”

Das habe ich jetzt aber mit philologischer Akribie recherchiert? Gutten Plag, meine Damen und Herren, das habe ich einem sehr fundierten Kommentar hier entnommen.

Dabei kann man dann doch noch Pluralformen von Singulariatantum wie “Schönheit” entdecken. Aber was “Schönheiten” sind, das wissen Sie selbst.

Gut, wenn wir deutsche Plurale nicht als fremdsprachliche Klippen zu umschiffen brauchen, denn  auch das muttersprachliche Schiff kann prächtig zerschellen an den Gestaden, die Grammatik heißen. DaF gibt es doch gar nicht: ”Sphingen“ ist ein deutsches Wort! Das ist nichts Unanständiges. Das hat auch nichts mit Trichotillomanie zu tun. Nein, “Sphingen” ist die in der archäologischen Fachsprache übliche Pluralform von “Sphinx”.  

Andere Fachsprachen, andere Plurale. Ein Museumsbesuch bei den Sphingen macht hungrig. Wir gehen also zum Italiener, einem guten Italiener. Das sehen wir daran, dass es auf der Speisekarte “Scampi” heißt und nicht etwa “Scampis”. „Scampi“ ist nämlich bereits ein Plural (Nur am Tellerrand erwähnt: Der Singular lautet  ”Scampo”.) Man sieht: Doppelt hält zwar meistens besser, in Fragen der Mehrzahl sind doppelte Plurale allerdings nicht schön. Das gilt z.B. auch für die oft gehörten “Praktikas”. Das angehängte „s” bei „Praktika”, das  den Plural anzeigen soll, ist überflüssig, um nicht zu sagen falsch. Denn das „a” in „Praktika” kennzeichnet bereits den (lateinischen) Plural, der Singular lautet „Praktikum”. Entsprechende Klippen gilt es auch bei Fremdwörtern, die im Plural auf „-i” ausgehen, zu umschiffen – wie z. B. „Graffiti” (Singular: „Graffito”), also keine “Graffitis”! Fern halte man sich auch von “Antibiotikas” und “Lexikas”! Ohne das “-s” genügt es und  “Antibiotika” und “Lexika” sind auch sprachlich korrekt – und Anabolika zumindest  sprachlich korrekt. Der Plural sollte also häufiger mal zur Dopingkontrolle. Und verbotene Mittel wie Apostroph und “-s” machen sich da nicht gut.

Aber was wollen wir den Fremdwörtern Vorwürfe machen, den fiesen Pluralfallen! Manche unserer einheimischen Wörter sind kaum besser, ihre  Plurale irgendwie suspekt: Wie oft liest man von “Spielräumen”  – und gemeint sind keine  Kinderzimmer. 

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES

Kommentare

  • Jens |  14.03.2011

    Klasse Artikel, mal wieder was dazu gelernt, weiter ;-)

Idiomatik a.D.

03. März 2011

Am Morgen des 1. März 2011 lautete der erste Satz dieses Artikels noch: ” Deutschlands wahrscheinlich meistdiskutierte Dissertation und die Rücktrittsgefährdung ihres prominenten Verfassers bietet sich momentan natürlich als Thema unzähliger Artikel und Blogbeiträge an.”   Mittlerweile ist die  Gefährdung zum Rücktritt geworden, der Rücktritt bereits wieder Vergangenheit. Eine Diskussion über die Bedeutsamkeit des Vorgangs und ihre Konsequenzen oder Nichtkonsequenzen hatten wir als Sprachblogger ohnehin nicht vor.  Den Autoren überkam hinsichtlich seines eben begonnenen Artikels das unwohle Gefühl, das gedanklich schon Fixierte nun nicht verwenden zu können, da er keinen glücklichen Artikel auf der Basis eines unglücklichen Ausgangs für möglich hielt. Was aber hätte er den Bloglesern denn erzählen wollen? Dass es einen Aspekt an dem ganzen Diskurs gibt oder gab, den der Autor ausgesprochen interessant fand  – und das ist natürlich(!) der sprachliche.  Es ist schon faszinierend zu beobachten, wie die in alle Richtungen sich überschlagenden Emotionen der Produktion von Sprach- und Stilblüten derart Vortrieb verliehen, dass man mit dem Mitschreiben kaum hinterherkam.  Gerade hatten wir im schönen Stuttgart doch erlebt, dass besonders die hiesigen “Wutbürger” den sprachlichen Ritterschlag durch die Verleihung des “Wort des Jahres” (2010) erhalten hatten, so fragten wir uns, ob wir fern am Horizont nicht schon das Wort des Jahres 2011 hatten aufblitzen sehen: “Copy-and-Paste-Affäre”?  Diese Metapher, die einen Vorgang aus der Welt der Textverarbeitung am PC aufgreift, ist einerseits auch pc ([pi'sie]: politically correct), da sie einen eher sensiblen Vorgang auf das harmlose Bild des Kopierens und Einfügens reduziert. Andererseits eignet sie sich als Anglizismus auch wieder als Unwort des Jahres – besonders aus der Sicht von Anglizismengegnern.  Und am Beispiel der Wutbürger war ja eben erst zu lernen, dass man als Wort, will man Wort des Jahres werden, eben auch schon besser eine Mehrfachqualifikation als Wort und Unwort gleichzeitig mitbringt. Die Zeiten werden halt auch für Wörter härter.  Allerdings sagen es  schon die  beeindruckenden Zeilen von  Reiner Kunze: 

Wort ist Währung

 Je wahrer, desto härter.

 (Münze in allen Sprachen)

Einen hübschen Fund hatte ich mir hier notiert: “Anders ist nicht zu erklären, dass [...] seine Glaubwürdigkeit, von seinen Fans nicht in Zweifel gezogen wird, obgleich dieser Stützfeiler seines öffentlichen Bildes durch Copygate so sehr ins Wanken gerät.” “Stützfeiler” : Gemeint war ein “Stützpfeiler”, herausgekommen ist Poesie des Alltags: Ein Feiler, der ein Bild befeilt, noch dazu ein öffentliches – das hat was! Dessen ungeachtet finden wir in “Copygate” wieder ein schönes Beispiel, wie zumindest die zweite Hälft des Wortes “Watergate” (Synoynym für den politischen Skandal an sich) im Deutschen als maßvoll produktives Wortbildungsmittel fungiert, gewissermaßen als Affixoid. Ein Skandal um einen Blog wäre dann ein Bloggate und wäre Bill Gates je in einen Skandal verwickelt, was wir weder annehmen wollen noch ihm gar wünschen, wäre dieser dann mindestens ein Gatesgate.

Blicken wir wieder in unsere Notizen. Ein Autor berichtet Schockierendes: “Wissenschaftler fällen ein vernichtendes Urteil über den CSU-Politiker, der sich für seine Doktorarbeit bei fremden Federn bedient haben soll.” Wissenschaftler fällen (unsere britischen Freunde würden sagen: “entrinden”) aber auch, wenn sie Linguisten sind,  schon mal den falschen Redewendungsbaum . Denn mit fremden Federn schmückt man sich. Und wo man sich bedient, das ist noch eine ganz andere Frage. Was kostet der gemischte Metaphernteller? Heute im Angebot: Idiom-Allerlei. Einige Autoren bedienten sich auf jeden Fall eines gehobenen Stils und brachten die außerhalb juristischer Fakultäten eher selten gehörten lateinischen Wörter “causa” und “lex” zu neuen Ehren – beide jeweils mit dem G-Suffix: “Die Wut der Wissenschaftler über die Causa Guttenberg schwillt indes weiter an”.  Seltsam,  seltsam: Flüsse schwellen an und – ganz gefährlich – Zornesadern schwellen an, aber Wut?  Aber alle Protagonisten dieser “causa” wurden im Sturm der Ereignisse immer wieder von seltsamen Deformationen in Sachen Idiomatik angefochten:

So teilt sich KTG mit Guido Westerwelle die Äußerung er gehe “nicht bei Sturm von Deck” , doch würde ein rechter Kapitän nicht eher “von der Brücke ” gehen? Hm, da kommt man ins Grübeln. Zu Bismarcks Zeiten waren die Dinge zumindest sprachlich noch eindeutiger, da ging “der Lotse von Bord” – so lautete die berühmte gewordene deutsche Übertragung des englischen Titels”Dropping the Pilot”  einer Karikatur in der Zitschrift Punch von John Tenniel. Nicht nur die wissenschaftliche Lauterkeit eine gefährdete Art, auch die deutsche Idiomatik? Wird sie immer wackliger, dünner als ein iPad 2? Gleiches Recht für alle:  Herzblut “hängt” nicht an etwas, aber die Kommentatoren haben auch ihre Schwierigkeiten mit Zitaten: “Guttenbergs einziges Zitat an diesem Morgen lautet “Morgen”. War das nicht eher seine einzige “Äußerung” an jenem Morgen, auch wenn die ZEIT “Zitat” schreibt? Der Kelch des idiomatisch Bedenklichen geht auch am STERN nicht vorüber, wo er – gar mit  Charisma gefüllt – “eilig heruntergestürzt wird”.

Wie auch immer: Wir wissen nicht, ob jeder causa-Kommentator auch zukünftig wie KTG sagen können wird: “Ich stehe auch zu dem Blödsinn, den ich geschrieben habe.”

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FUNDSTÜCKE, GELESEN

Kommentare

  • Jan |  04.03.2011

    Guter Beitrag!

  • helena kern |  28.03.2011

    mann dieses system mann kennt sich überhaupt nicht aus


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