Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Idiomatik a.D.

03. März 2011

Am Morgen des 1. März 2011 lautete der erste Satz dieses Artikels noch: ” Deutschlands wahrscheinlich meistdiskutierte Dissertation und die Rücktrittsgefährdung ihres prominenten Verfassers bietet sich momentan natürlich als Thema unzähliger Artikel und Blogbeiträge an.”   Mittlerweile ist die  Gefährdung zum Rücktritt geworden, der Rücktritt bereits wieder Vergangenheit. Eine Diskussion über die Bedeutsamkeit des Vorgangs und ihre Konsequenzen oder Nichtkonsequenzen hatten wir als Sprachblogger ohnehin nicht vor.  Den Autoren überkam hinsichtlich seines eben begonnenen Artikels das unwohle Gefühl, das gedanklich schon Fixierte nun nicht verwenden zu können, da er keinen glücklichen Artikel auf der Basis eines unglücklichen Ausgangs für möglich hielt. Was aber hätte er den Bloglesern denn erzählen wollen? Dass es einen Aspekt an dem ganzen Diskurs gibt oder gab, den der Autor ausgesprochen interessant fand  – und das ist natürlich(!) der sprachliche.  Es ist schon faszinierend zu beobachten, wie die in alle Richtungen sich überschlagenden Emotionen der Produktion von Sprach- und Stilblüten derart Vortrieb verliehen, dass man mit dem Mitschreiben kaum hinterherkam.  Gerade hatten wir im schönen Stuttgart doch erlebt, dass besonders die hiesigen “Wutbürger” den sprachlichen Ritterschlag durch die Verleihung des “Wort des Jahres” (2010) erhalten hatten, so fragten wir uns, ob wir fern am Horizont nicht schon das Wort des Jahres 2011 hatten aufblitzen sehen: “Copy-and-Paste-Affäre”?  Diese Metapher, die einen Vorgang aus der Welt der Textverarbeitung am PC aufgreift, ist einerseits auch pc ([pi'sie]: politically correct), da sie einen eher sensiblen Vorgang auf das harmlose Bild des Kopierens und Einfügens reduziert. Andererseits eignet sie sich als Anglizismus auch wieder als Unwort des Jahres – besonders aus der Sicht von Anglizismengegnern.  Und am Beispiel der Wutbürger war ja eben erst zu lernen, dass man als Wort, will man Wort des Jahres werden, eben auch schon besser eine Mehrfachqualifikation als Wort und Unwort gleichzeitig mitbringt. Die Zeiten werden halt auch für Wörter härter.  Allerdings sagen es  schon die  beeindruckenden Zeilen von  Reiner Kunze: 

Wort ist Währung

 Je wahrer, desto härter.

 (Münze in allen Sprachen)

Einen hübschen Fund hatte ich mir hier notiert: “Anders ist nicht zu erklären, dass [...] seine Glaubwürdigkeit, von seinen Fans nicht in Zweifel gezogen wird, obgleich dieser Stützfeiler seines öffentlichen Bildes durch Copygate so sehr ins Wanken gerät.” “Stützfeiler” : Gemeint war ein “Stützpfeiler”, herausgekommen ist Poesie des Alltags: Ein Feiler, der ein Bild befeilt, noch dazu ein öffentliches – das hat was! Dessen ungeachtet finden wir in “Copygate” wieder ein schönes Beispiel, wie zumindest die zweite Hälft des Wortes “Watergate” (Synoynym für den politischen Skandal an sich) im Deutschen als maßvoll produktives Wortbildungsmittel fungiert, gewissermaßen als Affixoid. Ein Skandal um einen Blog wäre dann ein Bloggate und wäre Bill Gates je in einen Skandal verwickelt, was wir weder annehmen wollen noch ihm gar wünschen, wäre dieser dann mindestens ein Gatesgate.

Blicken wir wieder in unsere Notizen. Ein Autor berichtet Schockierendes: “Wissenschaftler fällen ein vernichtendes Urteil über den CSU-Politiker, der sich für seine Doktorarbeit bei fremden Federn bedient haben soll.” Wissenschaftler fällen (unsere britischen Freunde würden sagen: “entrinden”) aber auch, wenn sie Linguisten sind,  schon mal den falschen Redewendungsbaum . Denn mit fremden Federn schmückt man sich. Und wo man sich bedient, das ist noch eine ganz andere Frage. Was kostet der gemischte Metaphernteller? Heute im Angebot: Idiom-Allerlei. Einige Autoren bedienten sich auf jeden Fall eines gehobenen Stils und brachten die außerhalb juristischer Fakultäten eher selten gehörten lateinischen Wörter “causa” und “lex” zu neuen Ehren – beide jeweils mit dem G-Suffix: “Die Wut der Wissenschaftler über die Causa Guttenberg schwillt indes weiter an”.  Seltsam,  seltsam: Flüsse schwellen an und – ganz gefährlich – Zornesadern schwellen an, aber Wut?  Aber alle Protagonisten dieser “causa” wurden im Sturm der Ereignisse immer wieder von seltsamen Deformationen in Sachen Idiomatik angefochten:

So teilt sich KTG mit Guido Westerwelle die Äußerung er gehe “nicht bei Sturm von Deck” , doch würde ein rechter Kapitän nicht eher “von der Brücke ” gehen? Hm, da kommt man ins Grübeln. Zu Bismarcks Zeiten waren die Dinge zumindest sprachlich noch eindeutiger, da ging “der Lotse von Bord” – so lautete die berühmte gewordene deutsche Übertragung des englischen Titels”Dropping the Pilot”  einer Karikatur in der Zitschrift Punch von John Tenniel. Nicht nur die wissenschaftliche Lauterkeit eine gefährdete Art, auch die deutsche Idiomatik? Wird sie immer wackliger, dünner als ein iPad 2? Gleiches Recht für alle:  Herzblut “hängt” nicht an etwas, aber die Kommentatoren haben auch ihre Schwierigkeiten mit Zitaten: “Guttenbergs einziges Zitat an diesem Morgen lautet “Morgen”. War das nicht eher seine einzige “Äußerung” an jenem Morgen, auch wenn die ZEIT “Zitat” schreibt? Der Kelch des idiomatisch Bedenklichen geht auch am STERN nicht vorüber, wo er – gar mit  Charisma gefüllt – “eilig heruntergestürzt wird”.

Wie auch immer: Wir wissen nicht, ob jeder causa-Kommentator auch zukünftig wie KTG sagen können wird: “Ich stehe auch zu dem Blödsinn, den ich geschrieben habe.”

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FUNDSTÜCKE, GELESEN


Kommentare

  • Jan |  04.03.2011

    Guter Beitrag!

  • helena kern |  28.03.2011

    mann dieses system mann kennt sich überhaupt nicht aus


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