Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Rechtschreibung: Wo sind wir hier?

18. Oktober 2011

Weßling ist eine Gemeinde im oberbayerischen Landkreis Starnberg, die sowohl einen See, den Weßlinger See, als auch einen Wikipedia-Eintrag ihr Eigen nennt.

Letzter enthält folgende interessante Passage:

“Folgen der Rechtschreibreform: Die Schreibweisen von Weßling und Weßlinger See sind wie viele Orts- und Eigennamen nicht an die Rechtschreibreform von 1996 angepasst worden. Mit der Folge, dass Ortsunkundige, die mit der neuen Rechtschreibung großgeworden sind, den Namen als Wehsling (mit langem e) lesen und sprechen werden. Damit Aussprache und Schreibweise übereinstimmen, müsste man den Namen nach reformierter Orthographie »Wessling« schreiben.”

Eigenartiges Argument – oder verwandelt sich auch Haßfurt am Main in [haːsfʊrt]? Wäre da nicht etwas faul im Staate Bayern? Wie es gehen kann, zeigt das Beispiel von – Dänemark. Wikipedia zur dänischen Rechtschreibreform von 1948:

“Die Rechtschreibreform erfasste zunächst nicht automatisch Ortsnamen. Diese Bestimmung wurde 1956 aufgehoben, und Ausnahmen konnte es nur in besonderen Fällen geben, wie zum Beispiel beim Aalborg Akvavit und der Aarhus Universitet, da diese Begriffe der Zeit vor dem Reform entstammen. Bereits 1948 entschied sich die Stadt Aarhus für die bis 2010 gültige Schreibweise mit Å. Ålborg und Åbenrå hingegen wünschten sich die alte Schreibweise (Aalborg und Aabenraa) und bekamen 1984 vom Unterrichtsminister Bertel Haarder und der Kulturministerin Mimi Jacobsen recht – gegen den Widerstand des dänischen Sprachrates. Es ist in den dänischen Rechtschreibregeln seitdem erlaubt, in solchen Fällen – nur wenn die Aa-Schreibweise im Lokalgebiet üblich ist – wahlweise Åbenrå und Ålborg oder Aabenraa und Aalborg zu schreiben. Gleiches gilt für abgeleitete Begriffe wie ålborgenser, ålborgensisk und ålborgsk, die auch aalborgenser, aalborgensisk und aalborgsk geschrieben werden können.”

Andreas Cyffka 


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES

Kommentare

  • Jessica |  19.10.2011

    Interessant, meine Tante kommt aus Weßling und ich war deshalb schon öfters mal im Ort. Ich wusste allerdings bisher nicht, dass Ortsnamen auch der Rechtschreibreform unterliegen.

  • André |  27.10.2011

    Ich dachte bis eben auch, dass Ortsnamen weiter so geschrieben würden wie bisher. Naja, man lernt ja nie aus…

  • Rikö |  07.11.2011

    Ich lese aus diesem Text jetzt aber auch nicht, dass die Rechtschreibreform für Ortnamen verpflichtend ist. Sieht mir eher nach einer freiwilligen Änderung einiger Orte aus, oder? Das würde mich interessieren. Mir ist nämlich noch kein einziger Ort untergekommen, der nach der Rechtschreibreform die Schreibweise geändert hätte.

  • Maria |  26.11.2012

    Ich dachte bisher immer, dass Ortsnamen von der Rechtsschreibreform ausgenommen blieben. Nun ja, wieder etwas dazugelernt… :-)

Alles nur Luft

13. Oktober 2011

 Luft, liebe Leser, ist ein ähnlich wunderbares Wort wie “körperlos”.  Luftig-leicht, darin fast körperlos, tanzt es durch so ziemlich alle Regionen, die die linguistische Betrachtung identifizieren kann.  Als da wäre: die Komposition oder: das Bilden von Komposita. Sie sei an erster Stelle genannt; schließlich geht es hier um die deutsche Sprache und eine deren hervorstechendster und berühmtester Eigenschaften ist ja gerade die Möglichkeit lange, wenn’s beliebt sehr lange Wörter zu bilden. Sicher fällt auch Ihnen etwas Schönes ein, was man an die Donaudampfschifffahrtskapitänswitwenrentenabholstelle noch anhängen könnte. Eben! Darum tummelt sich die Luft ja in ganzen Hundertschaften von Komposita, mal an zweiter Stelle wie in Atemluft und mal spielt sie die erste Geige wie in Lufteinlass. Das Wort Luft klingt auch noch irgendwie so … luftig eben. Deshalb beteiligt es sich gern an der als Alliteration bekannten Spielerei der gleichen Anlautung benachbarter Wörter wie in von Luft und Liebe leben oder eben: luftig-leicht. Luft kann so zärtlich sein wie der Lufthauch, aber auch gewaltsame Akte produzieren wie das Luftgewehr. Etwas kann auf ihr schweben wie beim Luftkissen. Luft besorgt so praktische Dinge wie die Trocknung von Früchten und Salamis und kommt als Lufthoheit auch schon mal aristokratisch daher. Während Luft  beim Atmen unerlässlich und in der Luftfahrt unverzichtbar ist, erscheint sie nicht immer von so positiven Konnotationen umrankt. Denn Luft steht auch schon mal bildlich für das Leichte, das Unstabile, das Unbeständige und Unverlässliche. Im Deutschen löst sich etwas in Luft auf, im Englischen verschwindet es “in der dünnen” Luft – vanish into thin air, ein Idiom, das sich in Umrissen  schon bei Shakespeare findet,  der in  The Tempest ( 1610)  Prospero sagen lässt: :These our actors, as I foretold you, were all spirits and are melted into air, into thin air. Zum Stichwort “Luftbuchung” weiß Wikipedia:

“Eine Luftbuchung beschreibt in der Buchführung eine Buchung ohne einen tatsächlichen geschäftlichen Hintergrund. Mit sehr vielen Luftbuchungen zwischen vielen verschiedenen Konten wird versucht, die eigentliche Herkunft des Geldes zu verschleiern, häufig um Geldwäsche  zu betreiben.” Da wäre die Luft schon auf dem Weg zur Kriminalität, harmloser ist da der nur leichtsinnige Mensch, der Luftikus, den einst die Studentensprache mit latinisierender Endung aus der Luft griff.

Andreas Cyffka

 


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FUNDSTÜCKE

Kommentare

Körperlos

12. Oktober 2011

Neulich stieß ich auf das Wort “körperlos”. Ein interessantes Wort, das zur Googlenutzung regelrecht herausfordert. Natürlich findet die Suchmaschine auch in Foren gestellte Fragen des Typs “Hilfe, was ist mit meinem Körper los?” Sehen wir davon ab, ist das in einem bekannten deutschen Wörterbuch über das Wort Gesagte schon erhellender: Dort werden zwei Bedeutungen angesetzt, von denen die erste “ohne Körper [seiend]” nicht weiter überrascht, denn das wäre nach der Semantik des Suffixes “-los” erwartbar. In welchen Kontexten einer denn “körperlos” ist (und wohl als freier Geist herumschwebt), bleibt der Vorstellungskraft überlassen. Das besagte Wörterbuch nennt auch eine zweite Bedeutung aus dem Sachgebiet des Sports: “ohne körperlichen Einsatz [spielend]“. Das geklammerte “spielend” ist wichtiger als seine Existenz in Klammern vermuten lässt, denn körperloses Laufen oder Schwimmen wäre vermutlich schwierig, wenngleich das Erscheinungsbild von Marathonläufern ja untermauert, dass möglichst wenig Körper ein läuferischer Vorteil ist. Nur das Spiel – jenes mit dem Ball  – kann also “körperlos” sein, was  aber bei Ballsportarten real auch nur selten der Fall zu sein scheint, im Fußball äußerst selten, im Basketball immerhin von den Regeln begünstigt. In Spiegel Online war am 06.09. 2007 zu lesen:  “Technik-Trends:

“Handys werden körperlos. Mobiltelefone sind bereits zu kompakten Einheiten geschrumpft, die gerade noch bedient werden können. Für eine weitere Miniaturisierung müssen Handys daher Masse verlieren – etwa durch transparente Displays oder eine Lochtastatur.”

Interessant daran ist, dass hier die Körperlosigkeit sich nicht auf den menschlichen Körper bezieht, der dem Geist abhanden gekommen ist oder der sportlich einen anderen menschlichen Körper nicht berührt oder der – hochmodern – sogar bei Prominenten wegabstrahiert werden kann:

“Der prominenteste Witzigmann-Preisträger dieses Jahres, Prinz Charles, war aus Termingründen nur „körperlos“ per Videobotschaft anwesend.”

Die Körperlosigkeit ist im Spiegel-Zitat  gesagt von einem physischen Gegenstand; so auch im folgenden Beispiel:

 ”Das Tempo, mit dem Amazon das Kindle-Programm ausbaut, zeigt, wie wichtig bei Amazon der Übergang vom teuren Versandhandel (mit hohen Logistikkosten) hin zum vergleichsweise günstigen körperlosen Vertrieb ist”. Da haben wir’s: Ein weiterer Kollokator. Auch ein Vertrieb kann “körperlos” sein, d.h. ähnlich wie beim Spielen (mit dem Ball) eine Handlung. Man sieht: Die Lexikografen haben immer noch Neuland zu entdecken.

Andreas Cyffka

 


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FUNDSTÜCKE

Kommentare

  • IdaM |  07.11.2011

    “Körperlos” ist meiner Meinung nach ein absolutes Unwort, bedeutungslos und im alltäglichen Sprachverkehr nicht zu gebrauchen!

Rechtschreibung ist überall

10. Oktober 2011

 (gesehen im Landkreis Tübingen)

Herbstzeit – Zeit für Wanderungen. Dass es auch im Rahmen einer solchen in der Freizeit zu Rechtschreibbegegnungen der heimlichen Art kommen kann, davon legt das Foto Zeugnis ab. Den Nussbaum, an den die amtliche Information genagelt war, müssen sich die Blogleser bitte dazudenken. Er gehört zu einer ganzen Reihe von Prachtexemplaren seiner Gattung; so erklärt sich der Plural “die Nussbäume”. Die Nussbäume sind nicht nur eine Bereicherung der Landschaft (das erkennt der Betrachter ohne weitere Hilfe), sie sind Verpachtet – und zwar in genau dieser Schreibweise mit dem großen “V” und amtlich besiegelt. Es ist daher anzunehmen, dass der Autor des Satzes diesem Text auch formal  eine gewisse Sorgfalt angedeihen lassen wollte – das Dokument wurde schließlich in gut zehnfacher Kopie ausgehängt, was – betrachtet man die Papierblätter  aus einer bestimmten Perspektive – mit etwas Phantasie an tibetische Gebetsfahnen erinnert. Dennoch weist der Satz zwei Rechtschreibfehler auf, die von den auf dem Radweg vorbeipedalierenden Radfahrern wohl meist übersehen werden. Das Fehlen eines Interpunktionszeichens am Satzende ist der eine. Das ist interessant und unerwartet,  geben Punkte und andere Interpunktionszeichen einer Aussage auch graphisch mehr Gewicht, was in der Werbesprache  exzessiv ausgenützt wird und häufig auch auf Schildern mit starkem Aufforderungscharakter zu sehen ist:

Vielleicht liegt es ja daran, dass der Aufforderungscharakter des Baum-Schilds nur impliziter Natur ist, nämlich das Ernten von Nüssen zu unterlassen, WEIL die Bäume verpachtet sind. Schreibunsgtheoretisch weit weniger bedenklich ist da schon der zweite Fehler -  die Großschreibung von “Verpachtet”.

Die für das Deutsche  im Spätmittelalter entstandene Großschreibung von Anfangsbuchstaben war nur auf Substantive beschränkt, sondern diente zur  besonderen Betonung einzelner Wörter.Die Tendenz, einzelne Wörter durch Versalschreibweise (üblicherweise des ganzen Wortes) zu betonen, findet sich heute unabhängig vom damaligen Gebrauch und sprachübergreifend.  Nun noch schnell das Smartphone gezückt (unsere Nussbäume stehen nicht in einem Funkloch) und Wikipedia aufgerufen. Dort erfahren wir:

“Für die Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 bis 2006 stand die Abschaffung der Substantivgroßschreibung zur Diskussion; letztlich wurde aber sogar eine leicht vermehrte Großschreibung beschlossen (z.B. heute Abend, des Weiteren, im Voraus).”  Der Verfasser unseres Satzes lag also orthografisch falsch, aber  im Großen und Ganzen (beides  Großschreibung) irgendwie im Trend.

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FUNDSTÜCKE, GELESEN

Kommentare

  • Patsy |  21.09.2012

    That’s a clever answer to a tricky qeutsion


Seite auf
Feedback