Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Rechtschreibung ist überall

10. Oktober 2011

 (gesehen im Landkreis Tübingen)

Herbstzeit – Zeit für Wanderungen. Dass es auch im Rahmen einer solchen in der Freizeit zu Rechtschreibbegegnungen der heimlichen Art kommen kann, davon legt das Foto Zeugnis ab. Den Nussbaum, an den die amtliche Information genagelt war, müssen sich die Blogleser bitte dazudenken. Er gehört zu einer ganzen Reihe von Prachtexemplaren seiner Gattung; so erklärt sich der Plural “die Nussbäume”. Die Nussbäume sind nicht nur eine Bereicherung der Landschaft (das erkennt der Betrachter ohne weitere Hilfe), sie sind Verpachtet – und zwar in genau dieser Schreibweise mit dem großen “V” und amtlich besiegelt. Es ist daher anzunehmen, dass der Autor des Satzes diesem Text auch formal  eine gewisse Sorgfalt angedeihen lassen wollte – das Dokument wurde schließlich in gut zehnfacher Kopie ausgehängt, was – betrachtet man die Papierblätter  aus einer bestimmten Perspektive – mit etwas Phantasie an tibetische Gebetsfahnen erinnert. Dennoch weist der Satz zwei Rechtschreibfehler auf, die von den auf dem Radweg vorbeipedalierenden Radfahrern wohl meist übersehen werden. Das Fehlen eines Interpunktionszeichens am Satzende ist der eine. Das ist interessant und unerwartet,  geben Punkte und andere Interpunktionszeichen einer Aussage auch graphisch mehr Gewicht, was in der Werbesprache  exzessiv ausgenützt wird und häufig auch auf Schildern mit starkem Aufforderungscharakter zu sehen ist:

Vielleicht liegt es ja daran, dass der Aufforderungscharakter des Baum-Schilds nur impliziter Natur ist, nämlich das Ernten von Nüssen zu unterlassen, WEIL die Bäume verpachtet sind. Schreibunsgtheoretisch weit weniger bedenklich ist da schon der zweite Fehler -  die Großschreibung von “Verpachtet”.

Die für das Deutsche  im Spätmittelalter entstandene Großschreibung von Anfangsbuchstaben war nur auf Substantive beschränkt, sondern diente zur  besonderen Betonung einzelner Wörter.Die Tendenz, einzelne Wörter durch Versalschreibweise (üblicherweise des ganzen Wortes) zu betonen, findet sich heute unabhängig vom damaligen Gebrauch und sprachübergreifend.  Nun noch schnell das Smartphone gezückt (unsere Nussbäume stehen nicht in einem Funkloch) und Wikipedia aufgerufen. Dort erfahren wir:

“Für die Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 bis 2006 stand die Abschaffung der Substantivgroßschreibung zur Diskussion; letztlich wurde aber sogar eine leicht vermehrte Großschreibung beschlossen (z.B. heute Abend, des Weiteren, im Voraus).”  Der Verfasser unseres Satzes lag also orthografisch falsch, aber  im Großen und Ganzen (beides  Großschreibung) irgendwie im Trend.

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FUNDSTÜCKE, GELESEN


Kommentare

  • Patsy |  21.09.2012

    That’s a clever answer to a tricky qeutsion


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