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Weil richtig schreiben wichtig ist

Verhörer: Heute hören wir Türkisch mal japanisch!

05. April 2012

 

A man hears what he wants to hear and disregards the rest … (Paul Simon)

Das Phänomen des Sich-Verhörens ist interessant. Wikipedia erklärt: „Ein Verhörer bezeichnet (für gewöhnlich unabsichtlich) falsch verstandene Textteile, beispielsweise aus Liedern oder Gedichten. Textteile, die von Muttersprachlern in ihrer eigenen Sprache falsch verstanden werden, werden auch als Mondegreen bezeichnet. Der Vorgang, bei dem Wörter einer fremden Sprache als gleich klingende Wörter einer anderen, meist der eigenen Sprache interpretiert werden, wird mit dem japanischen Wort Soramimi (wörtlich: „leeres Ohr“) bezeichnet.“

Leeres Ohr – ist das nicht toll?

Der englische Ausdruck Mondegreens stammt von der amerikanischen Autorin Sylvia Wright. Sie hatte als Kind die alte schottische Ballade The Bonny Earl of Murray gehört, in der ihrer Meinung nach die Zeile vorkam:

„They ha’e slain the Earl of Murray / And Lady Mondegreen.“ (Sie haben den Earl of Murray erschlagen / Und Lady Mondegreen.)

Später erfuhr sie, dass die Zeilen in Wahrheit lauteten:

„They ha’e slain the Earl of Murray / And laid him on the green.“ (Sie haben den Earl of Murray erschlagen / Und legten ihn aufs Gras.)

Mit deutschen Mondegreens [2004] haben sich Axel Hacke und Michael Sowa in ihrem Buch „Der weiße Neger Wumbaba“ (als Verhörer von „der weiße Nebel wunderbar“ aus dem Lied Der Mond ist aufgegangen) beschäftigt.

Hacke kam zu dem Schluss, dass „kaum ein Mensch je einen Liedtext richtig“ verstehe und diese wohl überhaupt nur dazu da seien, „den Menschen Material zu liefern, damit ihre Phantasie wirken kann“.

Diese Einschätzung teilt der Wiener Roman Kellner in seinem Buch

„Von Eisbärsalat bis Knöchelverzeichnis.“

Statt Sushi satt mal Soramimi satt: „Agathe Bauer“(statt „I’ve got the power“ aus dem Song The Power von SNAP!) und „Anneliese Braun“(statt „All the leaves are brown“ aus California Dreamin’ von The Mamas and the Papas). Aus der italienischen Textzeile „Mi manca da spezzare“ im Lied Laura non c’è von Nek wurde „Niemand kann das bezahlen“.

Kellner führt aus: „Es gibt zwei große Richtungen, wo Verhörer herkommen. Das eine sind akustische Gründe. Es gibt eine starke Häufung von Verhörern, wenn man Dialektsprecher hört, wenn man Popsongs hört oder wenn man in der Kirche ist. Da ist die Akustik einfach nicht ideal für’s Hören. Es kann aber auch sein, dass die Bedeutung nicht verstanden wird, weil sie nicht zum mentalen Lexikon passt – also weil es ein Fremdwort ist oder weil ein naheliegenderer Begriff existiert. Man hört das, was in das eigene Universum hineinpasst. Im Weihnachtslied „Oh du Fröhliche“ etwa hören viele „knabenbringende Weihnachtszeit“ statt „gnadenbringende“.

Und dass man Soramimi wiederum zu Kunst verarbeiten kann zeigen COLDMIRROR mit ihrem Video!

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Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES


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