Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Morgen werden wir pleite sein

24. April 2012

 

“Ich denke viel an die Zukunft, weil das der Ort ist, wo ich den Rest meines Lebens zubringen werde.”

(Woody Allen, Komiker).

Eine linguistische Hypothese feiert immer wieder mal ihr Comeback. Obgleich sie doch recht alt ist, begegnet man ihr in verschiedenen Formen. In Fachkreisen als Sapir-Whorf-Hypothese bekannt, besagt diese Theorie, dass Sprache das Denken formt, dass die Art und Weise, wie ein Mensch denkt, durch Grammatik und Wortschatz seiner Muttersprache beeinflusst oder bestimmt wird. Die kontrovers diskutierte Annahme wurde von Benjamin Whorf aufgestellt, der sich auf den Sprachwissenschaftler Edward Sapir beruft und die Hypothese gemeinsam mit ihm vertrat. Whorf selbst war Chemieingenieur und hatte seine linguistischen Kenntnisse autodidaktisch erworben.

Die angeblich so große Anzahl von Eskimo-Wörtern für Schnee ist das meistzitierte Beispiel dafür. Nun hat sie es wieder mal geschafft, die Hypothese, sich Zugang zum Blätterwald zu verschaffen. Diesmal kommt sie gar von der Yale School of Management bzw. einer Studie von Volkswirt Keith Chen. Unter dem Originaltitel „The Effect of Language on Economic Behavior: Evidence from Savings Rates, Health Behaviors, and Retirement Assets“, will die Studie zeigen, wie stark das wirtschaftliche Verhalten inklusive Sparraten und Vermögensaufbau von der jeweiligen Landessprache bestimmt werden.

Der Grundgedanke der Studie  ist einfach: Sprachen gehörten einer von zwei Gruppen an: Die eine Gruppe unterscheide dabei deutlich zwischen Gegenwart und Zukunft, während bei der anderen Gruppe der Übergang fließender sei. So könne im Deutschen auch gesagt werden, „Morgen scheint die Sonne“, im Englischen werde dagegen zwischen der Gegenwart („Die Sonne scheint jetzt”) und der Zukunft (“Morgen wird die Sonne scheinen”) unterschieden.

 Ähnlich wie Deutsch seien hinsichtlich der sprachlichen Zukunftsbildung übrigens unter anderem Chinesisch und etliche skandinavische Sprachen strukturiert. Dem Englischen ähneln neben Französisch auch Portugiesisch, Italienisch, Irisch, Griechisch und Spanisch, was somit interessanterweise alle krisengebeutelten Staaten umfasst.

Volkswirt Chen ist  davon überzeugt, dass Menschen mit einem mehr fließenden Gebrauch von Gegenwart und Zukunft mehr sparen, weniger rauchen, sportlich aktiver sind und sich allgemein aktiver auf die Zukunft vorbereiten. Wer umgekehrt agiere und etwa weniger spare, kommuniziere und denke dagegen vermutlich mit einer klaren sprachlichen Differenzierung zwischen Gegenwart und Zukunft.

Dazu passt auch das Ergebnis aus dem Arbeitspapier, dass die Menschen in Ländern, in denen der sprachliche Übergang fließend ist und bei denen sonst andere demografische Kriterien übereinstimmen, im Schnitt 170.000 Euro mehr auf der hohen Kante haben und es jedes Jahr 30 Prozent wahrscheinlicher ist, dass sie finanziell etwas zurücklegen. Allerdings seien die Studien zu diesem Thema längst noch nicht abgeschlossen.  Das glauben wir gern, denn ganz unter uns: Könnte man nicht in gleicher Weise  folgern, dass einer mehr spart, weil er an die Zukunft denkt, was durch sprachlich scharfe Grenzziehung zwischen Gegenwart und Zukunft zum Ausdruck kommt? Vermutlich wird die Sapir-Whorf-Hypothese auch durch die Euro-Krise nicht schlüssig bewiesen und darf – wiederkehren: Sprecher von Sprachen ohne Passiv leben aktiver!

DEUTSCHER WIRD’S NICHT

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES


Kommentare

  • Keks |  24.04.2012

    Sprechen ist denken. Und was ich nicht aussprechen kann, kann ich nur ganz schwer denken, da ist viel mehr Denkleistung vornöten. Bekannt aus 1984

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