Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Wie man einen Lamborghini zu Sprachschrott fahren kann….

23. Mai 2012

 

Liebe Leserinnen und Leser, das haben wir doch alle schon gehört: Da werden Speisen und sprachliche Äußerungen mit Worzestersauße gewürzt, es wird fleißig in Ämäzen bestellt und – das könnte Ihnen auch gefallen – die Italiener bewundern Schumaker und Sweinsteiger. Schwer spricht sich richtig, was fremden Ursprungs ist. Der zweite Gastbeitrag von Professor Elmar Schafroth nimmt sich nun dieser und anderer phonetischer Höhepunkte an und klärt auf, warum sich die Bar Etruschi nicht auf Uschi reimt.

 

 

Eigentlich sind unsere deutschen Wörter ja sehr einfach auszusprechen: Nussecke, Schmierenkomödiant, Nationenpreis, Schrotttransport, selbst Radlager – was soll da bitte schwer sein? Gut, bei Fremdwörtern aus dem Lateinischen und Griechischen braucht man vielleicht ein bisschen länger, aber Transsubstantiation, Rhododendron, Phylogenese, Chrysanthemen und Rekonvaleszenz gehen doch auch noch ganz gut. Beim Chiropraktiker wird es etwas schwieriger, und wer schon einmal zwischen Scylla und Charybdis war – und wer war das noch nicht? – wird diesen Zustand vermutlich anders genannt haben. Der DUDEN ist da relativ leidenschaftslos: Der Chirurg und die Chemie müssen, wenn man ganz korrekt sprechen möchte (aber wer will das schon?), mit dem ch-Laut (wie in ich) realisiert werden, der Kirurg und die Kemie werden als süddeutsch und österreichisch markiert, der Schirurg und die Schemie werden erst gar nicht erwähnt, kommen mir aber hierzulande (Rheinland), und nicht nur da, ziemlich bekannt vor. Aber auf regionale Aussprachen möchte ich gar nicht näher eingehen, denn ob man fertich oder fertik, Sonne mit bienensummendem oder stumpfem s spricht, ob man das Wörtchen dort wie docht, doat oder doot ausspricht, das ist ja keine Frage des Sichblamierens oder der Zugehörigkeit zu einem bestimmten soziokulturellen Niveau, sondern man gönnt sich eben den Luxus, von irgendwoher zu kommen. In Deutschland geht das. Wäre ja noch schöner.

 

Halten wir fest: Ich darf Kina und Schina sagen, ohne als Kulturbanause belächelt zu werden. Aber als solcher gilt man ja mitunter sehr schnell, wenn man etwas nicht richtig artikuliert. Oder auch als rückständig: Wenn man zum Beispiel irgendwas vom Mainstream verpasst hat (angeblich muss man Amazon englisch aussprechen, sonst ist man nicht in) oder wenn man nicht genügend von anderen Kulturen und Sprachen weiß… Das ist in der Tat ein sehr dünnes Eis, von dem manche lieber ganz schnell wieder runter sollten. Gerade die modernen Fremdsprachen werden immer wieder gerne als lexikalische Quellen angezapft, sei es aus einer relativen oder absoluten Bezeichnungsnotwendigkeit heraus (das mountain bike könnte auch Bergfahrrad und die Homepage auch Hausseite heißen [tun sie aber nicht!], aber der cappuccino könnte eben nicht kleine Kapuze und der Champagner auch nicht französischer Sekt heißen, weil das einfach zum einen bescheuert klingen würde und zum anderen sachlich falsch wäre), sei es aus einer Lust heraus, cool und angesagt oder weltläufig und distinguiert (oder alles zusammen) zu klingen… Stylish chillen steht ein bisschen für den ersten Effekt, Kir royal, Juliennes, Freixenet und cantuccini für den zweiten. Grosso modo.

 

Da gibt es aber diverse Fettnäpfchen. Diese haben damit zu tun, dass die Schreibweisen anderer Sprachen Buchstabenkombinationen aufweisen, die für eine bestimmte Aussprache stehen, die im Deutschen, geht man von den gleichen Kombinationen aus, ganz anders lauten würde: So wird die zuckrige Eiweißmasse Baiser nicht Beißer (wie der Typ aus dem James Bond) gesprochen, sondern [be'ze] (das letzte e ist betont), weil die Buchstabenkombination <ai> im Französischen – aus dem die meisten Küchenfachausdrücke kommen – eben e oder ä gesprochen wird und nicht ei wie im Deutschen, und weil das -r am Ende eines französischen Wortes meist stumm bleibt.

A propos Küchenfachsprache: Jeder Koch lernt in seiner Ausbildung, wie man den speziellen Typ einer Kasserolle ausspricht, der doch tatsächlich Sauteuse heißt und Sotöse gesprochen wird. (Man sollte das Thema Kochen in bestimmten Kreisen übrigens meiden, wenn man sich nicht sicher ist, ob Sau-Täuse nicht doch die richtige Aussprache ist).

 

Das Spanische scheint relativ unproblematisch zu sein, gelingt es uns doch ohne Imageverlust, von der (genau genommen dem) wohltuend kühlen Gazpacho und der Paella in der Bodega zu schwärmen, zu der man Sangria und Rioja getrunken hat. Eigentlich muy fácil… Das Lied aus dem Radio heißt Hijo de la luna, wobei der hijo halt nicht wie der Hajo von nebenan ausgesprochen werden sollte, und der andere spanische Song ist auch nicht schlecht – wie heißt er doch gleich? Ai se eu te pego (Dumm nur, dass das Portugiesisch ist). Okay, haken wir Spanisch also ab.

 

Englisch? Können wir vergessen, kann ohnehin jeder! Ach ja? Warum sagen dann so viele, dass sie im Urlaub all ínclusive (mit der Betonung auf dem ersten i) hatten und nicht all inclúsive? Und warum wird die Worcestersauce [sprich: Wuster-] nie so genannt, wie sie es verdient? Warum wollen alle in die Lounge (mit einem o wie in ball), wenn dieser angenehme Raum doch in der ängelsächsischen Welt als [laʊndʒ] bekannt ist? Und Jürgen Klopp muss in seinem Werbespot ja unbedingt Englisch reden und gefühlte 20mal enjoy sagen. Dummerweise spricht man dieses simple Wörtchen im Englischen nicht en- sondern injoy… Und was bitte soll man sagen, wenn selbst mancher Englischlehrer die Präposition in front of wie die Front anstatt /frʌnt/ und den Fluss durch London wie James, nur mit th am Anfang, anstatt /temz/ ausspricht? Kein weiterer Kommentar.

 

 

 

Über Französisch hatten wir schon gesprochen. Hat eben nicht jeder in der Schule gehabt, sicher – aber die paar Wörter, die so in Umlauf sind (nicht gerade Küchensprache, d’accord), könnte man doch aussprachetechnisch hinbekommen: Den Pariser Fußballverein Saint-Germain sollte man nicht zu einem englisch anmutenden St. German machen, und Olympique Marseille ist auch nicht Olympic – dabei geben sich die Sportmoderatoren solche Mühe, den Vornamen von Ribéry richtig wiederzugeben – leider meist zum Frooonck pseudofranzösiert… A propos Fußball: Wer kann den Namen des Stadions vom FC Barcelona richtig aussprechen? Vielleicht Marcel Reif? Es sind zwei katalanische (!) Wörter (Camp nou – ‘neuer Platz’), und die werden [kam nòu] (mit offenem o gesprochen), und nicht [kamp nu] oder Ähnliches…

 

Sei’s drum. Aber warum müssen wir Deutsche uns eigentlich ständig den Zwang auferlegen, Wörter und Namen anderer Sprachen perfekt auszusprechen? (Man denke nur an die – so unglaublich polnische Aussprache von Lech Walesa (pardon: Wałęsa) in der Tagesschau vor etlichen Jahren). Weil wir so weltoffen sind? Weil wir so talentierte Fremdsprachenlerner sind? Weil wir so gründlich sind? Ich möchte das an dieser Stelle nicht vertiefen. (Vielleicht in einem eigenen Beitrag). Die Frage, warum es bei uns nicht wie in anderen Ländern sein kann, in denen alle von außen kommenden Wörter dem eigenen Sprachsystem angepasst werden, ist jedoch berechtigt. Italiener sagen Schumacker und Sweinsteiger (das st wie in Fenster) und keiner stört sich daran. Für die Franzosen heißt unsere Bundeskanzlerin Merkell und Händel Ändöll, und die Engländer haben Helmut Kohl zu Helmut Kohle (coal) werden lassen… Anyway.

Warum also nicht wir? – und nun komme ich zum glitschigsten Sprachparkett, auf dem sich sehr viele unserer Landsleute ach so gerne tummeln und sich dabei massenhaft Ausrutscher leisten, dem Italienischen. Stil haben sie ja schon, die Erfinder der Renaissance, des Alfa Spider und des Martini. Die Autos, die Mode, die schönen Fleckchen, das Essen, der Wein – ein Traum! Nichts wie hin ins Bel Paese, nichts wie zum Italiener um die Ecke. Und dann geht’s los: Der Lamborghini wird zu Sprachschrott gefahren (Lambortschini), die Zucchini (die eigentlich Zucchine heißen müssten) werden teutonisiert (ch wie in Buch) oder zu Zuttschini zermanscht. Ähnliches widerfährt dem Radicchio (Radittscho), den Gnocchi (Gnottschi(s)) und dem Tschianti-Wein – es klingt einfach irgendwie italienischer so. Man fährt auch in Urlaub nach Lig-nano und nach Caórle, die Bar Etruschi in der toskanischen Ferienanlage reimt sich auf Uschi und die Tschiabatta vom Tschiovanni schmeckt mindestens so gut wie die Pizza Gorgònzola bei Pa-ólo… Dabei ist es doch gar nicht so schwer. Mal abgesehen von den Betonungen. Die sind manchmal wirklich nicht vorhersagbar: Es heißt Téramo, aber Gargáno, Pésaro, aber Pavía, in der besten Eisdiele von Iesolo bestellt man frágola (Erdbeere), aber lampóne (Himbeere). – Anderes lässt sich jedoch in Regeln fassen: Das <h> nach <g> und <c> verhindert die typisch italienische (palatale) Aussprache und lässt diese Buchstaben zu [g] und [k] werden. Niemand sagt doch bei uns Spattschetti, oder? Dann muss es konsequenterweise auch Lamborghini (mit g) heißen. Fehlt dieses <h> und stehen <g> und <c> vor <e> oder <i>, dann – ja, dann, aber eben nur dann – darf es zischen: stimmlos (also ohne dass der Kehlkopf vibriert) wie in Stracciatella und (Leonardo da) Vinci, und stimmhaft (die Stimmbänder sind in Bewegung) in Adagio, Borgia und Michelangelo… Geht doch.

RICHTIG: BELLO E POSSIBILE
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Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, GÄSTE IM DEUTSCHBLOG, WISSENSWERTES


Kommentare

  • Herwig Johler |  28.09.2012

    Da sollte der Porsche Cheyenne nicht unerwähnt bleiben…


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