Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Subkutane Lektionen I: Dioxin für Besserwisser

02. Juli 2012

 

Je später der Abend, desto schöner die Gäste – so geht die Redensart. Im Deutschblog ist nun nie Abend,  zumindest nie Feierabend.  Und unsere Gäste sind auch nie zu spät, sondern Ihre Blogbeiträge kommen gerade zur  rechten Zeit: Professor Elmar Schafroth hat dieses Jahr bereits über den Umgang der Deutschen mit italienischen Wörtern gebloggt – gerade,  als mit der ersten warmen Sommersonne sich die italienischen Momente auch bei uns in Germanien wieder mehrten.

Italienische Momente? Nach dem Halbfinalspiel halte ich da den Ball lieber flach – und übergebe an Professor Werner Wolski. Werner Wolski ist vieles: Wörterbuchforscher, Linguist, Germanist, Essayist, Fachbuchautor und insbesondere PONS-Autor.  In letzterer Eigenschaft maßgeblich mit PONS Die deutsche Rechtschreibung verbunden.

Seine sprachlichen Lektionen gehen unter die Haut – weshalb sie mit “subkutan” treffend überschrieben sind. Doch keine Angst: Trocken belehren wird Sie ein WW nie. Lesen Sie, lachen Sie. Und ehe Sie sich versehen, lernen Sie, mit ganz neuem Blick, auf die Fassade der Wörter zu blicken, um zu erkennen, was dahinterliegt.

Andreas Cyffka

 

 

 

Werner Wolski

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich möchte Ihnen lernen was der Begriff Dioxin bedeutet und auch möchte ich Ihnen definieren woher er kommt. Ich weiß ja: Jetzt fangen einige Besserwisser gleich wieder damit an zu sagen: „Das muss doch heißen ‚Sie lehren’“, „Da fehlen ja die Kommata“ etc. Darauf gebe ich aber überhaupt nichts. Ich habe mir in meiner Phantasie vorgestellt, es würde solch ein Besserwisser neben mir sitzen, während ich eine derart unzulängliche Satzäußerung mache. Und dem hätte ich sofort manches zu sagen gehabt. Eine Auswahl davon können Sie hier kostenlos haben. Denn ich halte überhaupt nichts von solchen Besserwissern, wie Sie einer sind, hätte ich dem gesagt. Und das kann ich auch ganz genau begründen! Hier der Disput mit diesem potentiellen Besserwisser:

 

Haben Sie Besserwisserin bzw. Sie Besserwisser (man muss ja da heute auf Gleichstellung achten) etwa etwas dagegen auszusetzen gehabt, als Sie eben lasen (bzw. gelesen haben), dass ich geschrieben habe „Begriff“? Oder haben Sie bemängelt, dass ich das Wort Dioxin nicht kursiv geschrieben habe, wie es korrekterweise sein müsste? Ist Ihnen aufgefallen, dass ich „definieren“ in alberner Weise so verwendet habe wie Udo Jürgens in seinem Titel „Und wenn Du mich nun fragst, wie definierst Du Glück, dann sage ich zurück…“?

 

Nein, das alles haben Sie bestimmt nicht bemängelt. Denn davon haben Sie keine Ahnung, wie ich hätte voraussagen können. Sie protzen nur mit dem Wissen herum, das sich bei Ihnen ausschließlich auf dieses  „Ihnen….lernen“ bezieht, bestenfalls auch noch auf die fehlenden Kommata. Und da habe ich Sie Besserwisser(in) jetzt wirklich erwischt! Denn dass Sie keine Ahnung davon haben, dass man hier Wort oder Ausdruck (geschrieben natürlich in Kursivschrift) sagen müsste, haben Sie gerade bewiesen. Und das ist ein Stand der Unwissenheit bzw. des fortgeschrittenen Analphabetentums, den ich Ihnen ganz übel nehmen muss. Sie gehören ja auch zu denen, die höchstens das Komma kennen, aber die überhaupt nicht wissen, dass es das Semikolon noch gibt. Sie würden – und da bin ich mir sicher – gewiss nicht beanstanden, wenn ich schreiben würde, schriebe bzw. geschrieben hätte „Ich will Deutsch lernen, deshalb lese ich das hier“. Aber das mit dem Ausdruck lernen plus Akkusativ – das war Ihnen klar. Ja, das haben Sie von Ihren sonst unbedarften Lehrern/Lehrerinnen gerade noch mitbekommen. Doch alles andere, was ich hier anspreche, ist Ihnen natürlich total fremd!

 

 

 

 

Ich muss jetzt noch einen Schritt weiter gehen: Sie, lieber Besserwisser/liebe Besserwisserin, hätten ja  nicht einmal etwas dagegen, wenn ich neben Dioxin z.B. auch Asbest stellen und beispielsweise sagen (bzw. hier: schreiben) würde: „Diese Worte kennen viele nicht.“ Da würde es mir – bei Ihnen, das ist mir klar – überhaupt nichts nützen, meiner Gewohnheit gemäß auf Goethes „Faust“ hinzuweisen: Steht dort nicht aus gutem Grunde „Der Worte sind genug gewechselt“, wo es sich in jenem Zusammenhang doch um Sätze bzw. Textteile handelt? Der hat ja nicht gesagt: „Der Wörter sind genug gewechselt“! – Aber Sie hätten nichts dagegen gehabt; da bin ich mir sicher. Und warum: Weil Sie überhaupt keine Ahnung haben! Auch wenn dieser Goethe statt „Worte“ gesagt hätte „Begriffe“, hätten Sie, lieber Besserwisser/liebe Besserwisserin, nicht widersprochen. Sie würden natürlich „wissen“ (Anführungszeichen hier von mir distanzierend gesetzt), dass Goethe ein großer Dichter war, der etwa 1980 gestorben ist (vorher lebten ja die Dinosaurier bzw. Gott hat damals die Welt erschaffen) und irgendwie mit Schiller liiert war. Aber Sie hätten kein Verständnis dafür, dass ich eben erwähnt habe „Faust“. Ja, warum wohl „Faust“? – Fragen Sie mich doch bitte nicht, warum ich nicht geschrieben habe „Goethes Hand“! Denn dann fällt mir wirklich nichts mehr ein!

 

Eigentlich ist es mir ziemlich egal, ob Sie weiterhin glauben, es ginge hier um den „Begriff“ (Anführungszeichen distanzierend bzw. zitierend hier vertretbar) Dioxin bzw. die „Worte“ (auch hier so mit Anführungszeichen) Dioxin und Asbest. Denn damit befinden Sie sich in guter Gesellschaft: Nur im Kindergarten erzählen die Kindergärtnerinnen davon, dass die Kleinen, welche von ihnen betreut werden, gerade „Begriffe“ aus Buchstabennudeln zusammengesetzt haben. Und die können „Begriffe“ sogar essen! – Ich kann das nicht. Und das kann auch kein irgendwie vernünftiger Sprachwissenschaftler oder Psychologe. Denn Begriffe (hier geht es um Begriffe, nicht aber um das Wort/den Ausdruck Begriff , weshalb der Ausdruck in dieser Verwendung nicht kursiv ausgezeichnet ist) sind kognitive Abstraktionen. Mit ihnen wird das Minimum an Eigenschaften oder Merkmalen bezeichnet, mit denen sich jemand auf dieses oder jenes in der Welt korrekt beziehen kann. Aber ich glaube, derartige Erklärungen (die ich hier nicht weitertreiben will) würden Sie ohnehin nicht verstehen. Dafür reicht es bei Ihnen halt nicht. Ich frage mich ohnehin, warum ich mich hier sprachlich errege, da Ihr Kopf sowieso tabula rasa ist. Und fragen Sie bitte nicht, was damit schon wieder gemeint ist! – Auch das mit den „Worten“ oder das mit den erwähnten bzw. objektsprachlich verwendeten Ausdrücken wäre Ihnen derart fremd, dass meine Erläuterungen dazu ins Leere schießen müssten bzw. – anders ausgedrückt – vergebliche Liebesmüh wären, also ein Versuch am untauglichen Objekt. Gleiches gilt selbstverständlich bzw. erst recht auch für mögliche Kommentare zu dem Problem, wann man sinnvoll von einer „Definition“ bzw. vom „Definieren“ spricht. (Man „spricht“ [an dieser Stelle nur zitierend in Anführungszeichen] hier übrigens über einen Ausdruck, weshalb der in Anführungszeichen stehen muss). Denn das machen auch ganz andere Leute als Sie, die sich „Wissenschaftler(innen)“ nennen, regelmäßig in absurder Weise verkehrt, weil ihnen schlicht wesentliche wissenschaftstheoretische Grundlagenkenntnisse fehlen. – Und das mit dem Semikolon, das lassen wir am besten ganz! Diesbezüglich ist die Analphabetisierung derart weit fortgeschritten, dass man auf Schritt und Tritt in allen publizierten Texten (in Wörterbüchern, in Zeitungen/Zeitschriften, im Internet etc.) eigentlich fast nur Unzulängliches findet. Was würde es bringen, wenn ich erläutern würde (siehe den Beispielsatz), dass man in „Ich will Deutsch lernen, deshalb lese ich das hier“ das Semikolon braucht, dass man stattdessen auch einen Punkt setzen könnte – aber niemals das Komma? Denn dann müsste man schon schreiben „Ich will Deutsch lernen, weshalb ich das lese“! -

 

Sie fragen sich ständig, und das kann ich gut nachvollziehen, weshalb ich eigentlich das Wort/den Ausdruck Dioxin (Lektion schon gelernt?) derart in den Vordergrund gestellt habe, wie hier geschehen. Anlass dafür ist einfach: Vor Jahren gab es einen Dioxin-Skandal, der im Fernsehen kommentiert worden ist. Das Hintergrundbild zu dem Bericht habe ich noch in guter Erinnerung. Denn dort stand in großer Schrift und farbig unterlegt das Wort in dieser Trennung: „Di-ox-in“. Was ist nicht verstehe, ist folgendes: Warum hat man nicht einen der Experten hinzugezogen, wie man das sonst bei jeder belanglosen Angelegenheit tut? Denn der hätte klargestellt: „Den Begriff Dioxin trennt man so, wie dies gezeigt worden ist.“ – Er hätte das mit der neuen Rechtschreibung begründet und eine „wissenschaftliche Erklärung zu den Bestandteilen des Begriffs“ (vgl. die Lektion dazu oben) hinzugefügt, nämlich dass „di“ eine lateinische Vorsilbe ist, wie man sie bekanntlich auch in der Version „idi“ z.B. in „Idiotie“ findet. (Ich behandele die Ausdrücke hier einmal als Zitat-Teile und setze sie in „…“; siehe die Lektion dazu oben). Dann hätte der Experte gesagt: „Der Begriff bedeutet ‚zwei’.“ (Ich mache die einfachen Anführungszeichen für die Bedeutungsangabe hier korrekt; der Experte würde natürlich nichts damit anzufangen wissen). In dem Zusammenhang wäre er vermutlich durchaus auf den wissenschaftlichen Befund eingegangen, dass es sich bei „di“ sprachgeschichtlich auch um eine verkürzte Form des Artikels „die“ handeln könne. Die anschließende Erklärung zur Wortherkunft hätten sich manche Leute sicherlich gern notiert, um mit diesem Wissen z.B. ihren Lehrer/ihre Lehrerin beeindrucken zu können. Nur dürften dieser Absicht leider oft mangelnde Schreibfertigkeiten im Wege gestanden haben. (Aber auf ihr iPod hätten sie die Angaben dazu problemlos aufnehmen können). Denn klar sein sollte: Das „ox“ leitet sich zweifelsohne von „Ochse“ ab, wie der Experte kompetent erläutert hätte, sodass wir bis jetzt haben: „zwei Ochsen“. (Die neue Schreibung mit „ch“ sollte dabei nicht stören; auch dies wäre sicherlich umsichtig von ihm dargestellt worden). „Und jetzt kommen wir“, so hätte der Experte bestimmt des Weiteren gesagt, „zum Schluss, nämlich zur Endung“. Dazu hätte er wissenschaftlich ausgeführt: „Der Begriff ‚in’ bezeichnet die weibliche Form, wie in ‚Idiotin’ – im Unterschied zu ‚der Idiot’. Dioxin bedeutet also eigentlich ‚Die Ochsin’.“ – Ich bin sicher, liebe Besserwisserin/lieber Besserwisser, dass Sie mir nach diesen Lektionen jetzt vorhalten werden, ich sei ein Zyniker! Darauf kann ich nur mit Alberto Sordi antworten: „Zynismus entsteht, wenn ein heißes Gefühl kalt geduscht wird.“

 

 


DEUTSCH: DU MACHST DIR KEINEN BEGRIFF


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FREUT UNS, GÄSTE IM DEUTSCHBLOG, POESIE


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