Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

SPRACHMEINUNG: POWIDLPATEN

23. August 2012

 

Vor wenigen Wochen hatten wir über die Studie eines österreichischen Sprachwissenschaftlers berichtet, nach der genuin österreichische Wörter  zunehmend durch  ihre “binnendeutschen” Entsprechungen verdrängt werden.

Man mag dies bedauern, wenn in unserem Nachbarland Menschen vermehrt “Treppe” und nicht “Stiege” sagen; man mag sich damit trösten, dass es noch wehrhafte lexikalische Inseln wie “Marille” und “Schlagobers” gibt, die dem Verdrängungsprozess noch erfolgreich Widerstand leisten.

Man mag dies ganz nüchtern sehen: Sprache entwickelt sich, bleibt nicht stehen. Das ist dann eben auch in Österreich so.

Oder man mag – besonders als Österreicher – aktiv werden und an einer Aktion partizipieren, die so etwas wie lexikalischen Artenschutz betreibt. Auf der Seite Seite unsere-sprache.at kann man das nachlesen. Man kann dort auch bedrohte Wörter (oder solche, die man für bedroht hält) einsenden, damit sie auf der Seite veröffentlicht werden. Eine Form von kollaborativer lexikografischer Aktivität, die im Internet so selten ja nicht ist. Auch wenn nicht jede Web 2.0-Anwendung so gemütlich von Wortpatenschaften spricht wie die österreichische Seite.

Für all diese verschiedenen Positionierungen zur Sache kann ich mir jeweils gute Gründe vorstellen. Und dann gibt es Artikel wie den  von  Silke Burmester (“Obacht , die Hochdeutschen marschieren“) auf Spiegel Online.  Ich kann darin nichts entdecken, was dem Thema als erhellender Aspekt hinzugefügt würde. Auch nichts, was wenigstens lustig wäre. Dass “wir hier in Deutschland” angeblich  ”uns wegschmeißen”, wenn jemand Jeans als Jean bezeichnet? Ich schmeiße mich nicht weg. Wäre ja noch schöner. Wenn man das in Österreich so sagt, akzeptiere ich das. In der DDR sagte man Niethose.  Ich mag es, wenn Sie Powidl sagen, auch wenn ich Pflaumenmus  sage. Wenn Sie glauben, zu wenige Menschen sagten heute Powidl und zu viele Pflaumenmus, dann werden Sie aktiv, schicken Sie’s ein – damit kann ich gut leben. Ich werde Sie nicht als “Powidl-Pate” apostrophieren.

News is what’s different.  Alter Spruch. Stimmt eigentlich auch: News is what’s negative? In Sprachfragen – so drängt es sich auf-  ist es wohl so. Powidl – einschicken. Senf – dazugeben. Alles ist erlaubt.

 

 

 

 

 

Andreas Cyffka | 

DEUTSCH: WAS UNS TRENNT, IST DIE GEMEINSAME SPRACHE


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, DEUTSCH IN ÖSTERREICH, WISSENSWERTES


Kommentare

  • Sackerl |  24.08.2012

    Was soll schlecht daran sein, wenn sich Leute für ihre Sprache engagieren? Die Wörter sind schließlich ein Teil ihres Alltagslebens. Ich finde es zynisch, sich darüber lustig zu machen. Ihr Artikel bringt das auf den Punkt.

  • Germanist |  24.08.2012

    Kommt die Kompetenz für das österreichische Deutsch denn aus Hamburg?

  • Smiley |  24.08.2012

    Ich übernehme ne Wortpatenschaft – für das Wort Urlaub

  • leser |  24.08.2012

    Den SPON Artikel hat einer mit “absoluter Müll” kommentiert. Dem schließe ich mich an.

  • Spiegel |  24.08.2012

    Über das Thema Österreich wird auffällig viel im Sommer geschrieben. Vielleicht fällt den Schreiberlingen sonst nichts ein.

  • Klaus |  24.08.2012

    Dialekte gehören für mich zur kulturellen Identität. Aktivitäten wie die der Powidlpaten sind mir auf jeden Fall lieber als die Arroganz und der Zynismus von Frau Burmester. Sie haben das mit Powidl und Senf noch vornehm gesagt.


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