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Weil richtig schreiben wichtig ist

Warum nicht mal Schweinisches?

13. September 2012

Die Beziehung des Schweines zum Menschen ist alt, die sprachlichen Implikationen dieser Beziehung nicht nur im Deutschen markant. Warum? Weil das Schwein nützlich  ist, es für  Nahrung, Leder, Haarbür­sten, Gelatine und Saumagen verantwortlich zeichnet? Gut, sicher auch. Wohl aber, weil es ausdrucksstark und liebenswert ist.  Deswegen hat   Erika Wilhelmer über 40.000 Schweine gesammelt, die man heute im Alten Schlachthof  in Stuttgart im  Schweinemuseum ansehen kann. Deshalb schrieben Aristoteles, Plinius und Thomas von Aquin über die  Schweinezucht. Und bis zum tra­gischen Un­falltod des französischen Kronprinzen Philippe, des äl­testen Sohns Ludwigs des Dicken, dessen Reitpferd am 3. Oktober 1131 über ein um­herirrendes Schwein stolperte, genossen die Pariser Schweine das Privileg des freien Streunens in den Straßen der Hauptstadt.

Sprachlich diente das Schwein im Deutschen aber leider völlig unverdient als Metaphernlieferant für sexuelle, hygienische oder morali­sche Ausschweifungen und kann schon früh in idiomatischen Wendungen als Synonym für wenig angenehme menschliche Charakterzüge und Verhaltensweisen belegt werden. In einem doppelten Metaphorisierungsprozess wird das Schwein zuerst anthropomorphisiert, um anschlie­ßend den Menschen zum metaphorischesn Schwein zu machen.

Ganz besondere Schweine: Seit einiger Zeit berichtet die Presse immer wieder vom angeblich unaufhörlichen Wachsen der Wildschweinpopulation. Auch starke Bejagung des Schwarzwilds stoppt  dessen Zunahme nicht.

Sus scrofa, so der zoologische Name des Wildschweins, kommt dem Homo sapiens bisweilen schon mal näher: Von demolierten  Glashäusern liest man,  von Kollisionen mit Sauen, von Wildschäden im Mais  und schon mal von der Wildsau, die durch die geschlossene Balkontür ins Wohnzimmer kommt.

Wildschweine sind hochintelligent, wahre Wunder in Sachen Umweltanpassung – und sie haben viele Nachkommen.

Die Rotte – eine matriarchale Großfamilie – bietet  dem Frischlingsnachwuchs ideale Bedingungen des Aufwachsens und bereits Frischlingsbachen können schon trächtig werden, Bachen werfen zuweilen zweimal im Jahr.

Milde Winter und intensiver Maisanbau begünstigen die Lebensbedingungen der Schwarzkittel.

Noch vor 70 Jahren gab es in weiten Teilen Deutschlands praktisch kein Schwarzwild. Im Winter 1937/38 erlegten die Jäger weniger als 37.000 Sauen. Bis heute ist die Ausbeute – bereinigt nach Grenzänderungen – um mehr als den Faktor 20 angestiegen. Für die Jagdsaison 2008/09 gilt eine neue Rekordstrecke von über 500.000 Tieren als wahrscheinlich. Bei einer Tierart, die sich binnen eines Jahres um mehr als 200 Prozent vermehren könne, lasse sich aber aus solchen Zahlen kaum die Größe der Population ableiten. Bestände sind sehr schwer schätzbar.

Andere Diziplinen – andere Perspektiven auf das Schwein: Dagmar Schmauks,  eine Professorin der Technischen Universität Berlin und Semiotikerin ,  hat ebenfalls eine Leidenschaft für die grunzenden Vierbeiner. Die 54-jährige Professorin zeigt eine Ausstellung im  Schweinemuseum im brandenburgischen Teltow- Ruhlsdorf. Die Ausstellung sei keine große Sache, sagt sie, lediglich eine erste Bestandsaufnahme. Ihr dienen die Schweine als Anschauungsmaterial, etwa für den zeichentheoretisch wichtigen Begriff der Stilisierung. Wir haben ja immer ein Objekt und dessen Darstellung, erklärt sie. Darstellungen gibt es aber in Hülle und Fülle. Sie differieren je nach Darstellungsziel und Wahrnehmungskonvention. Bilde ich zu einem biologischen Zweck ein Schwein ab, muss ich auf die Genauigkeit der Anatomie achten. In einer Karikatur hingegen geht es um Prägnanz. Mit knappem Strich gezeichnete Sparschweine, die über eine Grenze laufen – das muss man auf den ersten Blick verstehen. Die Frage ist dabei, wie weit sich ein Zeichen reduzieren lässt, ohne an Erkennbarkeit zu verlieren. Sehr weit, lautet beim Schwein die Antwort, wie mancher Witz zeigt. Geht ein Schwein zur Steckdose und fragt: Wer hat dich denn eingemauert?

Diese semiotische Ökonomie gelte auch in der Sprache: Schwein und Sau sind wunderbar griffig. “Mit einem Schweinewort lassen sich komplexe Sachverhalte auf den Punkt bringen. Das macht die Schweine für Werbung und Medien so interessant. Gerade in Überschriften, die kurz sein müssen, tauchen sie auf, sagt Dagmar Schmauks und zeigt ihre Collagen: Das Charakterschwein, steht da, Sausommer oder Sparschwein unterm Tannenbaum.”

Auch sprachlich gesehen fasziniert das Schwein  mit  der bemerkenswerten Produktivität, mit der es auf verschiedenen linguistischen Ebenen wirkt. Etwa in einem Affixoid wie “Sau-”  , das das im zweiten Wortbestandteil Genannte intensiviert (“saugut”, “saustark”, “sauteuer”).  Aber auch in anderen Formen der Wortbildung (“Sauerei”). Eine ”Sauerei” ist  aber etwas anderes als eine “Keilerei”.  Eigentlich logisch, nicht?  Oder als Metapher: So ist ein “Saustall”  nicht der der Schweinehaltung dienende Stall, sondern eine Situation oder Handlung, die der Sprecher als sehr negativ bewertet.  Sprache und biologische Realität  entsprechen sich dabei nicht immer. So heißt es vom stark transpirierenden Menschen, er schwitze wie ein Schwein – dabei können Schweine überhaupt nicht schwitzen.

Auch kennt die Sprache das unschöne Wort vom “Dreckschwein”  – in Verkennung der ausgesprochenen Reinlichkeit von Schweinen. Lexikografisch bemerkenswert schließlich  ist das Wildschwein, zu dessen Anatomie und Verhalten es so schöne Wörter gibt, dass es geradezu eine “Schweinerei” wäre, sie zu ignorieren: das Pürzel, die Bache, die Rauschzeit, der Setzkessel, der Malbaum,  der Verbiss, die Leitbache, die Kirrung, die Schweinesonne, die Ablenkfütterung, das Gewaff, die Suhle.

Andreas Cyffka


DEUTSCH: SAUGUT


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES


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