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Weil richtig schreiben wichtig ist

Sinnfrei, oder: der Sinn von “frei”

06. November 2012

Wir freuen uns, in unserer Reihe GÄSTE IM DEUTSCHBLOG heute Michael Mann als Gastblogger begrüßen zu dürfen.  Michael Mann ist  Blogger des lexikographieblog und schreibt heute über ein allgegenwärtiges Wortbildungselement: frei.

 

 

Nehmen wir einmal an, ihr Bäcker erklärt Ihnen, dass das Mehl, mit dem er backe, frei von Mäusedreck sei. Der Techniker, der Ihnen die Alarmanlage eingebaut hat, sagt, diese funktioniere störungsfrei. Die Ärztin versichert Ihnen, dass die Blutkonserve, die bei der Operation verwendet werde, HI- und Hepatitis-C-Viren-frei sei. Sie würden die Aussage wohl so verstehen, wie ich sie verstehen würde, wie die meisten Menschen sie verstehen und verwenden, und wie sie (deshalb) auch nach dem PONS-Wörterbuch Deutsche Rechtschreibung zu verstehen ist:

-fre̱i̱ als Zweitglied zusammengesetzter Adjektive; drückt aus

1.

dass das mit dem Erstglied Bezeichnete nicht besteht/vorhanden ist

■ akzent-, alkohol-, fehler-, störungs-, vorurteils-

Oder würden Sie von vornherein annehmen und als gegeben akzeptieren, dass pro Kilogramm Mehl schon so fünf Mauseköttel vorhanden sein dürfen? Dass der Alarm ein paar Stunden im Jahr doch nicht funktioniert? Dass pro Liter Blut schon das eine oder andere Hepatitis-Virus vorkommen darf? Wahrscheinlich nicht. Ich zumindest würde darauf bestehen: virenfrei, störungsfrei, alkoholfrei bedeutet: keine Viren, keine Störungen, kein Alkohol. Wenn es anders ist, soll es auch anders heißen.

Bei den Nahrungsmitteln, die täglich so auf unseren Tellern landen, kann man sich allerdings nicht darauf verlassen, dass -frei tatsächlich ohne jeglichen Anteil von bedeutet. Und das sogar mit amtlichem Segen und behördlich gedeckt: Einige Eigenschaften und Bezeichnungen, die im Handel und in der Werbung für Lebensmittel verwendet werden, sind nämlich genau festgelegt, und zwar nicht unbedingt so, wie sich Otto und Leonie Endverbraucher oder der Lexikographieblogger das vielleicht vorstellen. Einige dieser Bezeichnungen will ich im Folgenden zeigen:

alkoholfrei: Beginnen wir mit dem Beispiel, das schon oben erwähnt wurde. Wenn Sie ein alkoholfreies Bier kaufen, bedeutet das mitnichten, dass dieses kein Alkohol enthält. In der Verordnung über die Kennzeichnung von Lebensmitteln ist nämlich festgelegt, dass bestimmte Abweichungen von der angegebenen Volumenprozent-Zahl zulässig sind, und diese Abweichung beträgt beispielsweise bei (alkoholfreiem) Bier 0,5 % vol. Die Bezeichnung alkoholfrei (also sozusagen 0 % vol) darf also auch noch geführt werden, wenn das Bier in Wirklichkeit bis zu 0,5 % vol Alkohol enthält. In §47 der Weinverordnung wird ebenfalls eine Grenze von “weniger als 0,5 Volumenprozent Alkohol” genannt, bis zu der ein Produkt als “alkoholfreier Wein” gilt.

Genau diese Vorgehensweise, ein Produkt auch dann noch als “alkoholfrei” zu bezeichnen, wenn tatsächlich Alkohol enthalten ist, wurde inzwischen von Foodwatch kritisiert, bei den Herstellern stößt man dabei allerdings auf Unverständnis. Über eine Suchmaschine stößt man schnell auf ein Dokument von Neumarkter Lammsbräu (PDF), in dem man die trotzige Behauptung findet: „…-frei“ bedeutet nicht „Null“. Liebes Neumarkter Lammsbräu, für alle normalen SprachteilnehmerInnen bedeutet es das schon. Für ihr (alkoholhaltiges) Helles kann ich die Neumarkter loben, aber für dieses verbraucherunfreundliche Festhalten an verschleiernden Ausdrücken und das Festkrallen an angeblichen Vorschriften muss man die entsprechenden Brauereien tadeln. Vor allem, weil es ja, wie Foodwatch ebenfalls schreibt, auch Bezeichnungsalternativen gibt. So verwendet etwa Clausthaler “Alkoholfrei” anderswo die Bezeichnung “low alcohol”. Für den Vertrieb im deutschsprachigen Raum schlägt Foodwatch die Bezeichnung alkoholarm vor. Dies wird nun wieder von Neumarkter Lammsbräu abgelehnt mit der Behauptung, im deutschen Lebensmittelrecht gebe es ausschließlich alkoholfrei und alkoholhaltig. Ohne mich im letzten Detail auszukennen, möchte ich da nur auf die Information des Deutschen Brauer-Bundes verweisen, der auf seiner Homepage schreibt: “Es gibt keine gesetzliche Regelung.” Mit anderen Worten: Wenn man wollte, könnte man wohl schon etwas ehrlicher angeben, was im Bier enthalten ist. Alkoholfrei ist aber bei Weitem nicht das einzige Beispiel.

zuckerfrei: Auch für zuckerfreie Produkte gilt, dass sie Zucker enthalten dürfen, und zwar bis zu 0,5 Gramm Zucker in 100 Gramm oder Milliliter des Produkts. Diese Festlegung ist, wie noch einige andere, in der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Dezember 2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel, der sog. “Health-Claims-Verordnung”, festgeschrieben (siehe auch die ergänzenden Informationen der Verbraucherzentrale). Anders als beim Alkohol ist hier aber auch eine Kategorie zuckerarm ausdrücklich definiert (“wenn das Produkt im Fall von festen Lebensmitteln nicht mehr als 5 g Zucker pro 100 g oder im Fall von flüssigen Lebensmitteln 2,5 g Zucker pro 100 ml enthält”).

fettfrei (oder: ohne Fett): Ein Produkt, das 0,5 g Fett pro 100 g oder 100 ml enthält, ist immer noch fettfrei. Auch dies ist in der Health-Claims-Verordnung festgeschrieben.

kalorienfrei/energiefrei: Man ahnt es schon – auch in kalorienfreien Getränken dürfen bis zu 4 Kilokalorien pro 100 ml enthalten sein, wie die Verbraucherzentrale unter Berufung auf die Health-Claims-Verordnung mitteilt.

glutenfrei: Ihr glutenfreies Produkt darf (natürlich …) ebenfalls Gluten enthalten, und zwar bis zu 20 mg/kg. Nachzulesen in der Verordnung (EG) Nr. 41/2009 der Kommission vom 20. Januar 2009 zur Zusammensetzung und Kennzeichnung von Lebensmitteln, die für Menschen mit einer Glutenunverträglichkeit geeignet sind. Nach Punkt (9) der Verordnung gilt dies aber nicht für “Säuglingsanfangsnahrung und Folgenahrung”, diese dürfen wirklich überhaupt keine glutenhaltigen Zutaten beinhalten. Wie man sieht, ginge es also doch.

laktosefrei: Laktosefreie Produkte sind schwer angesagt, bei bis zu 20 % der Mittel- und NordeuropäerInnen wird eine Laktoseintoleranz angenommen. Laut Verbraucherzentrale ist derzeit überhaupt nicht geregelt, wie viel Restlaktose in einem als laktosefrei bezeichneten Lebensmittel enthalten sein darf. In Punkt 21 der Health-Claims-Verordnung ist lediglich ein „Das sollte mal gemacht werden“-Hinweis eingefügt. Nach anderer Quelle gelten Richtlinien von 10 bis 100 Milligramm pro 100 Gramm oder Milliliter, unterhalb deren ein Produkt immer noch als laktosefrei verkauft werden darf.

gentechnikfrei: Die Bezeichnung eines Produkts als gentechnikfrei ist laut Informationen des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz ausdrücklich verboten, wenn das Produkt gentechnisch verändertes Material enthält. Na endlich, möchte man frohlocken – jedoch zu früh: Statt dessen darf die Angabe “ohne Gentechnik” auch für Produkte verwendet werden, bei denen Zutaten zu bis zu 0,9 % aus gentechnisch verändertem Material bestehen, “vorausgesetzt, dieser Anteil ist zufällig oder technisch nicht zu vermeiden” (vgl. das EG-Gentechnik-Durchführungsgesetz sowie die Verordnung (EG) Nr. 1829/2003 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 22. September 2003 über genetisch veränderte Lebensmittel und Futtermittel (Artikel 12(2)). Als wäre ohne Gentechnik irgendwie ehrlicher oder aussagekräftiger als gentechnikfrei.

Ganz offensichtlich ist der Gesetzgeber also in diesen Fällen (Ähnliches verzeichnet die Health-Claims-Verordnung für frei von gesättigten Fettsäuren sowie natrium- oder kochsalzfrei) der Auffassung, man müsse die Sprachverwendung in der Bevölkerung bei der eigenen Arbeit nicht so genau nehmen. Oder der Gesetzgeber ist der Auffassung, die Interessen der Hersteller seien wichtiger als die klare Information der VerbraucherInnen. Die Bedeutung, die -frei in der Sprachgemeinschaft hat, wird hier jedenfalls ignoriert; der Sinn (4) von -frei in den Verordnungen ist ein ganz anderer. Besser wäre es, in der Wahl der Bezeichnungen dem tatsächlichen Sprachgebrauch zu folgen und nichts zu suggerieren, was vom Produkt nicht eingehalten wird. Alternativ zur Bezeichnung mit -frei könnte eine Bezeichnung mit -arm gewählt und/oder ein Hinweis über möglicherweise enthaltene Restmengen angebracht werden (vergleichbar der Nussallergie-Warnhinweise). Allen KonsumentInnen gegenüber wäre dies klarer und ehrlicher; für alle, die auf die Zusammensetzung ihrer Nahrungsmittel achten wollen oder müssen, wäre es hilfreicher – und schließlich wäre es ein politisches Signal für sprachlichen Verbraucherschutz und gegen irreführende Sprache in der Werbung.

Die Quellen zusammengefasst:

Bedeutung von -frei im PONS Wörterbuch Deutsche Rechtschreibung: http://de.pons.eu/deutsche-rechtschreibung/-frei

zu alkoholfrei:

Ÿ● Lebensmittel-Kennzeichnungsverordnung: http://www.gesetze-im-internet.de/lmkv/BJNR016260981.html#BJNR016260981BJNE002003310
● Weinverordnung: http://www.gesetze-im-internet.de/weinv_1995/__47.html
● Kritik von Foodwatch: http://foodwatch.de/presse/pressearchiv/2012/abgespeistde_clausthaler/index_ger.html
●Informationsrundschreiben von Neumarkter Lammsbräu: http://www.lammsbraeu.de/uploads/media/Foodwatch_alkoholfreies_Bier_Kundenbrief_30032012.pdf
●Der Deutsche Brauer-Bund e.V. zum Thema “alkoholfreies Bier”: http://www.brauer-bund.de/aktuell/alkoholfreies-bier.html

zu zuckerfrei:

Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Dezember 2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel (“Health-Claims-Verordnung”): http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=CELEX:32006R1924:DE:HTML
Verbraucherzentrale: http://www.lebensmittelklarheit.de/cps/rde/xchg/lebensmittelklarheit/hs.xsl/3115.htm

zu fettfrei/ohne Fett:

● Health-Claims-Verordnung: http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=CELEX:32006R1924:DE:HTML

zu kalorienfrei/energiefrei:

● Verbraucherzentrale: http://www.lebensmittelklarheit.de/cps/rde/xchg/lebensmittelklarheit/hs.xsl/5271.htm
● Health-Claims-Verordnung: http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=CELEX:32006R1924:DE:HTML

zu glutenfrei:

● Verordnung (EG) Nr. 41/2009 der Kommission vom 20. Januar 2009 zur Zusammensetzung und Kennzeichnung von Lebensmitteln, die für Menschen mit einer Glutenunverträglichkeit geeignet sind: http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2009:016:0003:01:DE:HTML

zu laktosefrei:

● Verbraucherzentrale: http://www.lebensmittelklarheit.de/cps/rde/xchg/lebensmittelklarheit/hs.xsl/4307.htm
● Information einer Rechtsanwaltskanzlei: http://www.kwg-lebensmittelrecht.de/newsletter/2011/unterschiedliche-anforderungen-bei-der-kennzeichnung-laktosefrei

zu ohne Gentechnik/gentechnikfrei:

● Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: http://www.bmelv.de/SharedDocs/Standardartikel/Ernaehrung/SichereLebensmittel/Kennzeichnung/OhneGentechnikKennzeichnungHG_Informationen.html
● EG-Gentechnik-Durchführungsgesetz: http://www.gesetze-im-internet.de/eggentdurchfg/BJNR124410004.html
● Verordnung (EG) Nr. 1829/2003 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 22. September 2003 über genetisch veränderte Lebensmittel und Futtermittel: http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=CELEX:32003R1829:DE:HTML


Andreas Cyffka | Kategorie: GÄSTE IM DEUTSCHBLOG


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