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Weil richtig schreiben wichtig ist

Stimmen aus China

06. November 2012

 

Es ist immer wieder interessant, in welchen Zusammenhängen Wörterbücher und das Wörterbuchmachen es in die Berichterstattung der  Medien schaffen.  Eine Meldung des Blogs Stimmen aus China lenkt den Blick auf das Verhältnis von Sprache und sozialem Wandel in China – gespiegelt in einem “lexikographischen” Sachverhalt.

So habe das Wort „tongzhi“ im Chinesischen die Grundbedeutung „Genosse“, umgangssprachlich bezeichne das Wort aber auch homosexuelle Männer. Die Redakteure eines maßgebenden chinesischen Wörterbuchs entschieden 2012 „tongzhi“ nicht in die Neuauflage aufzunehmen. Als Grund nannte die Redaktion die Gefahr eines Werteverfalls der chinesischen Gesellschaft.

Über viertausend neue Wörter wurden ins „Wörterbuch Modernes Chinesisch“ aufgenommen, das im Juli 2012 in neuer Auflage erschien. Die Bedeutungsvariante von „tongzhi“ sucht man allerdings vergeblich. Die Wörterbuchredaktion begründet dies damit, der Verbreitung von Vokabular mit Bezug zur Homosexualität Einhalt gebieten zu wollen. Wang Xuejin, ein renommierter Bildungsexperte und Rechtsanwalt, geht in seinem Essay in der Beijing Daily auf Konfrontationskurs mit den Lexikologen.

Der Vorsitzende des chinesischen Lexikologiebundes, Jiang Lansheng, erklärte,  warum diese Bedeutungsvariante des Wortes „tongzhi“ nicht berücksichtigt wurde: Neben der Verbreitung und Vitalität von Wörtern […] müsse man auch deren Kompatibilität mit Wertanschauungen und ihre gesellschaftlichen Wirkungen mit einbeziehen. […] „tongzhi“ werde deshalb nicht aufgeführt, weil „wir solche Dinge weder fördern noch in den Fokus stellen wollen“. Dies ist eine Herangehensweise, die im Bereich der Wörterbuchtheorie als “präskriptiv”oder “normativ” bezeichnet wird.

Dem steht die als “deskriptiv” bekannte Position gegenüber,  Wörterbücher seien  Werkzeuge mit Recherche- und Nachschlagefunktion.  Die Verfasser haben lediglich den Auftrag, Wörter korrekt zu erklären und vollständig aufzulisten. Sittliche Maßregelungen und Verhaltensvorschriften sind dabei fehl am Platz.

Dennoch sei es – so der Stimmen-Blog, bis heute in China schwierig, den Einfluss vorherrschender Anschauungen abzuschütteln, denn die Redakteure nehmen immer die gegenwärtig dominanten Wertvorstellungen als Norm für Überarbeitungen.

Der Blogbeitrag schließt dann mit einer Aufforderung:

“Die Aufgabe von euch Sprachexperten ist es, die Orthographie, Phonetik und die Bedeutung von Wörtern zu erklären. Was Menschen dann mit diesen Wörtern auszudrücken und zu tun gedenken, ist ihre Sache!”

eine grafik
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Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES


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