Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Wider das Schlingern

15. Januar 2013

 

 

Rechtschreibung spielt heute in den Medien eine eher geringe Rolle,  was verständlich ist:  Ein Jahrzehnt des Ringens und Diskutierens um die Rechtschreibreform haben wohl eine gewisse Sättigung hinsichtlich des Themas erzeugt. Man schreibt jetzt – wie eigentlich? Aber man schreibt – und spricht – selten über das Schreiben. Da hat es mich schon regelrecht elektrisiert, dass dieser Tage in der WELT das Thema mal wieder Gegenstand eines Grundsatzartikels mit dem Titel “Wider die Verwaltung der deutschen Sprache” war. Zunächst hat mich die Feststellung am Anfang  des Artikels verwundert: “Über die formalen Aspekte des Deutschen wird seit der Rechtschreibreform ausgiebig diskutiert.” Wo wird das diskutiert? Die Diskussion scheint mir eher abgeebbt.

Der Autor konstatiert: “Ja, korrekteOrthografie ist wünschenswert, manchmal sogar wichtig. Es gibt sogar Fälle, da ist sie entscheidend.” Volle Zustimmung.

Über die “leidenschaftliche Auseinandersetzung [um die Rechtschreibung] hätten “wir das Wesentliche aus dem Blick verloren: das, was die Sprache ausmacht.” Rechtschreibung sei “nur ein Teil der Sprache, zumal einer, der sich in seiner Verbindlichkeit ausdrücklich nur an Schulen und die staatliche Verwaltung richtet mit dem einzigen Ziel, größere Missverständnisse zu vermeiden und Texte problemlos weiterverarbeiten zu können.”

“Eines” aber sei “sicher: Wo die Rechtschreibung regiert, ist es mit der Kreativität nicht weit her. Statt auf die bildliche und metaphorische, kurzum die sinnliche Kraft der Sprache zu setzen, reduzieren wir sie auf richtige Schreibung und klammern uns daran wie an eine Hoffnung.”

Sorry, das ist schlicht zu hoch für mich. In der Tat ist Rechtschreibung ein Teilaspekt von Sprache, genauer: von geschriebener Sprache. Dieser Teilaspekt mit seinen Aufgaben der Verständnissicherung  und (idealerweise) der Schaffung einer Norm, die das Schreiben, Lesen und Verstehen erleichtern soll, ist ein in hohem Maße funktionaler: Wieso sollte dieses Werkzeug Rechtschreibung “regieren”? Und vor allem: Wieso sollte man dieses Werkzeug Rechtschreibung in Opposition zu Kreativität bringen?

“Über jedes geschriebene Wort fällt eine ganze Armee von Hobby-Orthografen her, die keine Gefangenen macht. Mit der Falschschreibung wird kurzerhand auch der Gedanke exekutiert, wenn nicht gar der Autor gleich mit.”

Entgeht mir etwas? Ich sehe diese Armeen nicht. Und Orthographie als Hobby? Da ist mir – bei genauem Nachdenken – bundesweit nur eine einzige Person bekannt, auf die das zutrifft.

Sätze wie

“Die leider immer noch weit verbreitete Meinung, dass ein Text, der den formalen Kriterien nicht genügt, auch inhaltlich nicht relevant sein kann, gründet sich in der Ignoranz gegenüber diskursiver Praxis.”

schwurbeln dahin und meinen “allzu oft ist der Verweis auf Rechtschreibung billige Camouflage für fehlende Diskursfähigkeit.” Das hätte man einfacher sagen können, wenn das bekannte Internetforenphänomen des Rechtschreibbashings gemeint ist (“@rüdiger121: Bei deiner Rechtschreibung solltest du hier nicht so große Töne spucken!”)

Zum Finale konstruiert der Artikel eine Gegenüberstellung zwischen dem einfachen Rechtschreibfehler ( [führt] “in den meisten Fällen nicht einmal zu Verständnisproblemen”) und den als die eigentlichen Missetäter identifizierten “ Wortungetümen” vom Schlage  ”Der Rettungsschirm braucht noch mehr Feuerkraft” oder “Griechen-Krise schickt Euro auf Sinkflug”.  Sie würden ”Leser ins Schlingern bringen”.

Um ins Schlingern zu kommen, finde ich, muss man diese Bilder erst mal als verunglückt wahrnehmen können. Dieses ist als Problem ein weit luxuriöseres als schlicht falsches Deutsch zu schreiben.  Wäre es nicht besser, würden sich Lesende und Schreibende respektvoll  in einer versöhnlichen Mitte begegnen: Als Schreibender kann man seine Wertschätzung des Lesers durch jene Sorgfalt ausdrücken, die es braucht, um regelkonform zu schreiben. Als Leser könnte man seine Wertschätzung  des Schreibers durch jene Nachsicht ausdrücken, die auf der Einsicht fußt, dass angesichts der schwierigen Orthografie unserer Sprache praktisch niemand gegen Fehler gefeit ist.

 

 


WE SHARE – SELIGER DENN NEHMEN
a.cyffka@pons.de

DEUTSCH.

Google


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, GELESEN, KONTROVERSES, WISSENSWERTES


Kommentare


Seite auf
Feedback