Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Rechtschreibung – brennt’s noch?

28. Februar 2013

Durch das Netz surfend  auf der Suche nach dem Deutschbloggen gewogenen Brandungen ergoogelte ich mir dieser Tage ein Wort, das mich stocken ließ: Rechtschreibflames. Das Wort ließ mich nicht nur staunen, sondern auch an mein Alter denken. Denn der englische Ursprung des zweiten Wortbestandteils, kess angeheftet an mein Trademark-Thema, ließ mich bereits vermuten, dass dies ins Reich der Jugend führen würde.  Und richtig:  Wikipedia erklärte mir, dass ein Flame aus dem Englischen kommt ( im Gegensatz zu einem Flamen, dachte ich, weil dieser aus Flandern kommt) und “ein ruppiger oder polemischer Kommentar bzw. eine Beleidigung in einer E-Mail-Nachricht, Chatsitzung, einem Forenthread oder in einem Wiki ist.”  Der Flame werde  gerne für aggressive Beiträge ohne Sachbezug verwendet. Wenn es also zum virtuellen Äußersten kommt, und der User Generated Content zum Waffengang, dann liegt gar ein Flame-War vor -  ” eine kontroverse Diskussion, bei der die Teilnehmer unsachlich und schließlich beleidigend werden. Ein Flame-War entsteht meist aus einer sachlichen Diskussion, die dann in Nebenkriegsschauplätze abrutscht. Typisch ist dabei, dass die „Argumente“ Schlag auf Schlag geliefert werden, so dass der Flame-War am Leben bleibt.” (Wikipedia)

Auch auf Gameservern werde Flaming betrieben. Ach, das ist interessant. Dann geht es beim Gamen also nicht nur um Spielen, aber bei der Rechtschreibreform ging es ja auch nicht nur ums rechte Schreiben.

Der Blogger grübelt: Wie kriegt er nun die Kurve in diesem Artikel? Flame, Flame-War? Richtig: War ist Krieg,  vielleicht Rechtschreibkrieg, sagen wir: orthography war? Ich googele, also bin ich. Richtig, es gibt eine Spur. Und die führt von der Spielkonsole direkt in ehrwürdiges Terrain, zum einem wissenschaftlichen Verlag.

Das kurze Summary des Buches sagt auf Englisch: “How does a country find itself ‘at war’ over spelling? This book focuses on a crucial juncture in the post-communist history of the Czech Republic, when an orthographic commission with a moderate reformist agenda found itself the focus of enormous public controversy.” Im Detail:

“Delving back into history, Bermel explores the Czech nation’s long tradition of intervention and its association with the purity of the language, and how in the twentieth century an ascendant linguistic school – Prague Functionalism – developed into a progressive but centralizing ideology whose power base was inextricably linked to the communist regime. Bermel looks closely at the reforms of the 1990s and the heated public reaction to them. On the part of language regulators, he examines the ideology that underlay the reforms and the tactics employed on all sides to gain linguistic authority, while in dissecting the public reaction, he looks both at conscious arguments marshaled in favor of and against reform and at the use, conscious and subconscious, of metaphors about language.”

Ich grübele: Habe ich wirklich “Czech nation” gelesen? Zumindest einige Schlüsselbegriffe erinnern mich an viele Jahre in der German nation: “reform, “heated public reaction”, “tactics employed on all sides”, “metaphors about language”.

Es scheint, dass Eingriffe in Sprache und ihre Schreibung, grundsätzlich starke Reaktionen auslösen (müssen), denn : “Jede Sprache hat ihre eigene Rechtschreibung, die mit der Geschichte der Sprache gewachsen ist. Auch die deutsche. Sie ist ein Stück ihrer Identität.” (Horst Haider Munske)

Das Allensbach-Institut konstatierte noch 2004 hinsichtlich der Akzeptanz der Rechtschreibreform: “Immer größer wird dagegen der Anteil derer, die mit den Achseln zucken und sagen: “Ist mir egal”. Er liegt inzwischen [im Jahre 2004; Redaktion] bei 38 Prozent. 1997 sagten das nur 20 Prozent.” Es wäre interessant, wie die Zahl heute – 2013 – lautet:  50 Prozent? 60 Prozent? – “Alt” schreiben, “neu” schreiben – “geflamt ” wird wohl nicht mehr so, dass es zum orthographic war reichen würde.  Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.

 





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Andreas Cyffka | Kategorie: QUERPONS, SCHEINWERFER

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Cool Runnings

08. August 2012

 

Der Film Cool Runnings aus dem Jahr 1993  erzählt die Geschichte der ersten jamaikanischen Bobmannschaft, die bei den Olympischen Winterspielen 1988 in Calgary an den Start ging. Der Film basiert lose auf einer wahren Begebenheit. Tatsächlich konnte sich eine jamaikanische Bobmannschaft zum ersten Mal bei den Olympischen Spielen 1988 in Calgary qualifizieren. Sie stellte auch ohne großen sportlichen Erfolg damit den olympischen Grundgedanken „Dabei sein ist alles“ unter Beweis. Gut, dass Regisseur Jon Turteltaub als Amerikaner Englisch als Muttersprache hat. Wäre es Deutsch gewesen, wäre das Projekt unter Umständen schon an der Frage gescheitert, ob die Bobfahrer des Inselstaates sprachlich (phonetisch) nun aus Jamaika oder aus “Dschemaeike” kommen.

Dies wäre zumindest in einer Welt problematisch gewesen, die mit den Augen des Verein Deutsche Sprache gesehen wird, der beständig gegen Anglizismen im Deutschen kämpft. Nun hat er im Rahmen der Olympischen Spiele dem ARD-Reporter Wilfried Hark den von  ihm neu geschaffenen „Dschammeeka-Preis“ verliehen.

Grund: Hark spreche nach Meinung der Sprachpfleger Namen mit einer zu englischen Aussprache aus, besonders das Wort „Jamaika“. Mit dem Preis sollen künftig  Reporter ausgezeichnet werden, “die bei sportlichen Großereignissen am konsequentesten die deutsche Aussprache von Orts-, Länder- und Personennamen vermeiden“ – so VDS-Vorsitzender Professor Walter Krämer.
Krämer weiter: “Ich habe nichts dagegen, wenn Reporter Länder in ihrer jeweiligen Landessprache aussprechen.
Dann hieße die Insel aber ,Dschömeika’“.„Dschammeeka“ würden den Namen vor allem Amerikaner aussprechen.

Nun ist bei Jamaika laut Duden ohnehin es so eine Sache mit der Aussprache: Man kann “Jamaika” oder “Dschamaika” sagen. Beim “Dscha” ist dann aber gut auf eine deutliche Qualität des “a” zu achten! Rutscht man da etwas zu sehr in Richtung “e”, ist schon Schluss mit lustig und man findet sich bei einer “sich anbiedernden” englischen Aussprache.

Mit Verlaub: Die Vermeidung “sinnloser”, weil “überflüssiger”  Anglizismen, für die es gute deutsche Entsprechungen gibt, ist ein sinnvolles Anliegen. Die Kritik an solchen ist legitim. Der Dschammeeka-Preis aber ist ein Füller für das Sommerloch. Und dazu nicht mal ein guter. Dafür gibt es nur – Pardon – ein Wort: uncool.

Andreas Cyffka

 


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Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, QUERPONS, WORTSTICHELEI

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Bebendversuch

14. Januar 2011

In den ersten Tagen des noch jungen Jahres sorgen die Wortpreisträger für die eine oder andere Überraschung. Die Preiswürdigkeit des einen als Wort des vergangenen Jahres  unter so vielen Konkurrenten dekorierten Wortes mag dabei von verschiedenen Menschen unterschiedlich bewertet werden.   Dies ist gewiss eine natürliche Folge des Umstands, dass eben viele Wörter sprachlich den Nerv der Dinge treffen, denn Nerven kostet so ein Jahr und deren Überreizungen sind nicht wenige. (In der Presseerklärung der Gesellschaft für deutsche Sprache heißt es interessanterweise mit leicht anderer Perspektive, die Liste [der Kandidaten] träfe “ den sprachlichen Nerv des sich dem Ende neigenden Jahres” .  Inzwischen wissen wir, dass ein solches Wort der Wutbürger ist. Der Wutbürger ist also kein Drachentöter, er ist ein Nervtreffer.

Die Berichterstattung hat eine Metamorphose erkannt. Der üblicherweise die Contenance wahrende Hutbürger ist in Wandlung. Er wandelt sich nicht – oder aber schon  ein bisschen – zum Glutwürger, denn Glut würgt er aus und Wasserwerfer müssen diese dann löschen.  Er wandelt sich zum Wutbürger.  Er wehrt den Anfängen, indem er anfängt sich zu wehren. Dass in seiner Wahrnehmung “politische Entscheidungen über seinen  Kopf hinweg getroffen werden”, macht den Bürger wütend und seinen Namen zum Sprachpreisträger.

Das gesamte deutsche Sprachgebiet hat also im Wutbürger eine neue Lena (lexikalischen Nationalliebling). Das gesamte deutsche Sprachgebiet? Nein, in einem kleinen – vielen Deutschen aber vertrauten – Alpenstaat haben nach aktueller Meldung andere Wörter den lexikalischen Lorbeeer errungen. In der Presseerklärung heißt es: “ Von 400 Vorschlägen hat sich die sechsköpfige Jury für das Wort «Industriezubringer» entschieden. Das liechtensteinische Parlament hatte im November 2010 den Verpflichtungskredit von 15 Mio. Franken für die Realisierung des Industriezubringers Schaan genehmigt. Gegen diesen Beschluss wurde von einem Komitee aus Vertretern der Umweltverbände und der grün-alternativen Freien Liste  das Referendum ergriffen und löste hitzige Diskussionen aus.”

Irgendwie syntaktisch seltsam, dieser letzte Satz, als würde zu “löste” das Subjekt fehlen.  Interessant, dass auch bei unseren Nachbarn ein Verkehrsprojekt  sprachlich  den Sieg erringt. In deutschen Landen  brachte es das durch bürgerliche Wut zu Medienruhm aufgestiegene Stuttgart  immerhin auf die zweite Position des linguistischen DSDS  ( with a little help der irgendwie sprachmagischen “21″ ).

Während wir auf unser Unwort des Jahres 2010 noch gespannt warten müssen, kennt man in Liechtenstein das dortige Wort schon, das die öffentliche Meinung sprachseismografisch zum Beben bringt: “ Zum Unwort des Jahres wurde der Begriff «Lebendversuch» erkoren. Einleitend in seiner Ansprache zu den MiniGames am 16. September 2010 betitelte Sportminister Hugo Quaderer die 1500 Schüler als «Lebendversuch», mit deren Hilfe ausgetestet werde, ob Liechtenstein bereit ist, die LieGames 2011 durchführen zu können. «Der Einstieg war etwas ungewöhnlich» sinnierte das «Volksblatt» am Folgetag und führt weiter aus: «Quaderer hätte seine Rede noch in die richtige Richtung lenken können. Doch stattdessen griff er weiter in der Wortwahl daneben.» Hugo Quaderer wird dann in der Zeitung wie folgt zitiert: «Für einen solchen Versuch braucht es Testpersonen und ihr seid die Testtiere». Dabei erntete er Pfiffe. Die Jury ist der Ansicht, dass der Vergleich mit den Tieren und der Begriff «Lebendversuch» im Zusammenhang mit einer Sportveranstaltung mit Schülern der Oberstufe unangebracht ist.

Nun sind Schüler Menschen und Menschen sind keine Tiere. Quaderer hat sich also beim öffentlichen Reden einer Metapher bedient. Metaphern wiederum können glücklich oder unglücklich ausgehen und es sind eher die glücklosen, die bekannt werden, ihrem Schöpfer aber nicht immer Zustimmung eintragen.  Wie aber ist das mit dem Lebendversuch? In der Kunsthalle Tübingen steht derzeit eine Ausstellung des deutschen Malers Jonas Burgert unter dem Titel “Lebendversuch”.  Im Text zur Ausstellung heißt es:  “Einen „Lebendversuch” zu unternehmen bedeutet, etwas unter den realen Bedingungen des Lebens in Betracht zu nehmen.”

Wie nun, wenn der Minister gar nicht mehr als das gemeint hat? Eine Generalprobe. Das wäre ein Test von etwas unter realen Bedingungen.  Da das Agens eines Versuchs natürlich zwangsläufig das Merkmal “belebt” haben muss (es sei denn, es ginge um ein Horrorfilmszenario mit untoten Wissenschaftlern), möchte man meinen, das “Lebend-” in “Lebendversuch” akzentuiere als Besonderheit den Umstand, es werde ein Experiment an etwas Lebendem ausgeführt, das man daran aus ethischen Gründen nicht ausführen darf oder sollte. Doch gäbe es dafür nicht die klareren Ausdrücke “Tierversuch” und “Menschenversuch”? Schon ein komisches Wort, das, ein ungelenkes. Ungelenkes in der Rhetorik zieht bekanntlich Pfiffe an (Philipp Jenninger 1988,  Martin Walser 1998 … who’ s next?)

Professor Dr. Wolfgang Wahlster vom  Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz sieht in einem Interview mit  Technoloy Review unsere Gesellschaft langfristig wieder auf dem Weg  zu einer oralen Gesellschaft.

“ Schon jetzt können wir gesprochene Sprache durchsuchen. Nicht nur nachdem wir die sprachlichen Äußerungen in Text übertragen habe, sondern direkt in den digitalen Sprachsignalen. Ich kann das System also zum Beispiel fragen: „Was hat Angela Merkel in den vergangenen zwei Jahren zum Thema Steuersenkung gesagt?“, und der Computer spielt mir die gefundenen Redeausschnitte vor. Die neuesten Forschungssysteme können optisch-akustische Aufzeichnungen von Besprechungen automatisch analysieren und zusammenfassen: Wer hat wann gesprochen? Wer hatte mit wem Blickkontakt? Was wurden diskutiert? Um die Datenhalden noch weiter wachsen zu lassen? Sehen wir es mal so: Durch diese technische Entwicklung gehen wir einen Schritt zurück und zugleich nach vorn: Weg von der überwiegend textbasierten Kommunikation und hin zu dem, was schon in den letzten 10000 Jahren in der menschlichen Verständigung entscheidend war: der oralen Kommunikation. Text als digitale Speicherform wird in vielen Fällen überflüssig werden.” Interviewer: Warum halten Sie das für so bedeutsam? ” Weil im geschriebenen Text so vieles von dem, was für die direkte Mensch-Mensch-Kommunikation typisch ist, durch die bislang technisch erzwungene Verschriftlichung verloren geht – die Emotionalität zum Beispiel oder der Kontext einer Äußerung. Viele Missverständnisse basieren darauf. Sie bekommen einen guten Eindruck davon, wenn Sie beispielsweise die Protokolle des Bundestages lesen.”

That’s it. Vielleicht hat Hugo Quaderer das mit den Testtieren in einem ganz netten Tonfall lächelnd gesagt. Vielleicht ging das unter den Pfiffen unter. Ich persönlich unterstelle, dass er es nett gemeint. Hat. Vielleicht bin ich einfach zu nett.

Befragt nach dem flächendeckenden Bereitstehen von Techniken zur  Durchsuchung gesprochener Texte meint Professor  Wahlster:  ”In 20 Jahren vielleicht? Vielleicht auch erst in 50.”  Metaphern bleiben also Feuerwerkskörper; explodieren sie nicht am Himmel, wird es gefährlich.  Jetzt und in fünfzig Jahren auch.

Andreas Cyffka


Kommentare

  • Brigitte |  20.01.2011

    Tja, wenn ich richtig gelesen habe ist es “alternativlos” geworden. Vielleicht hatte die Jury einfach keine Alternative für ein Unwort des Jahres? Quasi ein Meta-Unwort?

Über Fehler: Mit dem Bodymaßindex zum Wohlfüllgewicht

22. Oktober 2010

 

 

Kann man sich eigentlich mit Rechtschreibung beschäftigen und die Wörter “Fehler” und “Korrektur” aus dieser Beschäftigung ausschließen?  Es geht nicht – glaube ich zumindest.

“Korrektur” und “korrigieren”  gehen zurück auf das lateinische  corrigere (“gerade richten” ), von dem ich eine schöne Etymologie gefunden habe:

Bildung mit dem lateinischen Präfix con- (“zusammen”)
abgeleitet aus dem lateinischen Präfix  com-
abgeleitet vom lateinischen Wort  cum (“mit”)
abgeleitet von der  proto-indo-europäischen Wurzel  *kom (“nahe, mit, zusammen”)
PLUS Ableitung vom lateinischen Verb regere (“herrschen, führen, lenken, leiten”)
aus dem proto-indo-europäischen Präfix reg- (“in gerader Linie bewegen”)
Wer korrigiert, lenkt also. Er erkennt die Abweichung von einem wünschenswerten Sollzustand (die Verletzung einer Schreibregel) und nimmt eine Richtigstellung  vor, bringt den Ist- und den Sollzustand zur Deckung.
 
 Wie könnte es sein, dass die antike Welt, die so viele “moderne” Phänomene schon kannte und bedachte, nichts über das Irren, das Machen von Fehlern zu sagen gehabt hätte?  Natürlich hat sie – und “Errare humanum est” (“Irren ist menschlich.”) ist eine sehr bekannte Sentenz, wobei weniger bekannt ist (warum?), dass der Spruch eine Art Anhängsel hat: “in errore perseverare stultum” (“Im Irrtum zu verharren ist dumm.”)
Ganz ausgezeichnet aber passt gerade Teil 2 des Spruches zu einem Aufsatz von  Hajo Diekmannshenke, der mir neulich untergekommen ist.  Hier geht es um das Machen von Fehlern und insbesondere das Machen von Fehlern auf orthografischem Gebiet.

Noch immer herrsche, argumentiert der Autor, weitgehend die Meinung, daß Fehler etwas Negatives seien.  Das (unerklärte) Ziel des Deutsch- und besonders des Rechtschreibunterrichts sei die (tendenziell absolute) Fehlervermeidung. Im Vergleich zum Prozess des primären Spracherwerbs mute dies in seiner  Absolutheit außerordentlich seltsam an. Allein wissenschaftsgeschichtlich betrachtet spielten Fehler im Rahmen dieses Prozesses eine bedeutende Rolle.  “Als Noam Chomsky (1959) Ende der 50er Jahre das Erklärungsparadigma des Behaviorismus zum Spracherwerb so nachhaltig erschütterte, dass dieser sich davon bis heute kaum erholen konnte, spielten auch Fehler, die Kinder quasi systematisch im Verlauf des Spracherwerbs begehen, eine wichtige Rolle. So verwenden Kinder in einer bestimmten Phase z.B. die Flexionsmorpheme des Präteritums der schwachen Konjugation zeitweise auch für die Flexion der starken Verben. Dass solche Fehler nicht auf Nachahmung oder einem simplen Reiz-Reaktions-Schema als Grundlage des Lernprozesses beruhen können, ist offensichtlich. Die moderne Spracherwerbsforschung  erkennt seit langem einerseits den diagnostischen Wert solcher Fehler und erklärt sie andererseits als notwendiges Stadium …” Wir halten fest: Fehler als Erkenntnisinstrument.

Mit dem Gebiet der Literatur lenkt Diekmannshenke den Blick dann auf literarisches Gebiet: In der Literatur  können orthographische Normen in nicht unerheblichem Umfang kreativ aufgehoben werden. Der Autor zitiert aus  Arno Schmidts KAFF auch MARE CRISIUM:

Sie faßte inzwischen – d. h. während ich weenich=nutzich <dachte> – die Torfschtücke an; mit 1 Papier; (Tempo=Taschen=Tuch ? – Schon mööklich). Warf sie ungeschickt in den prottestierenden Ofen. Und schloß das Eiserne Thor. (Woraufhin das Feuer natürlich, und reeletief prommt, ausgink. Sie zuckte nur die Axeln.) /”

Wir halten fest: Fehler als benutzte Normverletzung werden zu einer impliziten Auseinandersetzung mit der Norm.

Diekmannshenke kontrastiert den eigenwilligen Schriftsteller dann effektreich mit dem Elaborat eines Schülers  mit Rechtschreibschwäche:

… und bemerkt: “Würde es sich um den Text einer Schülerin oder eines Schülers handeln, so würde das allgemeine (und auch das spezielle DeutschlehrerIn-) Urteil hinsichtlich der Rechtschreibkenntnisse sicher vernichtend ausfallen.”

“Warum aber werden an Schriftlichkeit im Alltag soviel strengere Maßstäbe als an Mündlichkeit (und als an literarische Produkte) gelegt? Und ist diese Strenge gerechtfertigt? Ginge es allein um das Gelingen des kommunikativen Austausches, dann wäre dieses Insistieren auf einer absoluten Norm wohl kaum zu rechtfertigen. Schließlich existierten in der Geschichte der deutschen Sprache bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts immer unterschiedliche Schreibweisen (im Sinne unterschiedlich empfundener Orthographien) nebeneinander, ohne daß der kommunikative Austausch verhindert oder nachhaltig gestört worden wäre. So finden sich selbst in (originalen) Goethe-Texten unterschiedliche Schreibweisen eines Wortes in ein und demselben Text. Erst das 19. Jahrhundert forderte nicht nur das schöne, flüssige und lesbare, sondern auch erstmals das ‚richtige‘ Schreiben. Und selbst nach der Normierung der deutschen Orthographie durch die 2. Orthographiekonferenz 1901 und deren gelegentlichen Reformierungen existieren heute verschiedene Schreibweisen nebeneinander (Friseur, Frisör; Delphin, Delfin), bei denen sich der Status der korrekten Schreibung im Laufe der Jahre verändert hat, in den genannten Beispielen zur Toleranz gegenüber der 2. Schreibweise, die im Falle von Frisör nur die Akzeptanz eines bereits erfolgten Usus darstellt, im Falle von Delfin dagegen sogar die Einführung einer im allgemeinen nicht existierenden Schreibweise, die bislang als eindeutig fehlerhaft eingestuft worden wäre, beinhaltet.”

Wir halten fest: Fehler sind Verletzungen von Regeln, die nicht wie Gesetzestafeln vom Himmel gefallen sind, sondern sich historisch entwickelt haben.

Er ist schon irgendwie faszinierend, der sprachliche Fehler. Es wurden Bücher über ihn geschrieben, etwa Reden ist Schweigen, Silber ist Gold. Gesammelte Versprecher der Frankfurter Linguistin Helen Leuninger. Er ist namensgebender Bestandteil der Fehlerlinguistik. Er verleiht den Äußerungen von Politikern bisweilen Kultstatus, etwa im Falle von Edmund Stoibers syntaktischem Schiffbruch  in der berühmt gewordenen Transrapid-Rede.

Wir halten fest: Da Irren menschlich ist, machen Fehler bisweilen ihre Macher menschlicher, vor allem wenn diese exponiert (berühmt, prominent) sind.

So viele Aspekte haben Fehler, doch: Was aber macht ein Blogger mit Fehlern: (a) Er macht welche. Bleiben Sie ihm bitte dennoch gewogen – und lesen Sie trotzdem weiter. (b) Er sammelt Fehler. Glauben Sie nun bitte nicht, dies geschehe in anderer als verständnisvoller und freundlicher, also in gänzlich unhämischer Absicht.  Ein Blogger beißt doch nicht – wie unsere englischen Freunde sagen – die Hand, die ihn füttert , würde also nie um eines vordergründigen Spaßeffektes willen sich auf Kosten anderer lustig machen, da er um die inspirierende Kraft der “Fehler” weiß: Zwischen dem Sollzustand und der Abweichung blitzt oft genug der Funke, die Idee.  In dieser – und nur dieser  -  Absicht laden wir Sie gelegentlich zur wohlwollenden Freude an schönen Funden ein. Unsere neuesten:

“Der Kampf um sein Image, das Mark Zuckerberg nun mit Verspätung aufnimmt, verspricht interessant zu werden.”

“Zwitscherer und Blocker sind (sozial) arme Geschöpfe.”

“der einfache Weg zum Wohlfüllgewicht”

Der Hauptpreis aber geht an den Bodymaßindex” und die Deutschblog-Jury begründet: Im “Bodymaßindex” gelingt es in nahezu poetischer Verdichtung, die kausale Verbindung zwischen der regelmäßig genossenen Mass und dem Maß des Bodys in einem einzigen ikonischen Wort sichtbar werden zu lassen.”

 Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, GELESEN, KONTROVERSES, LEXI, QUERPONS

Kommentare

  • Georg |  25.10.2010

    “Wer korrigiert, lenkt also.” – Vielleicht sollte ich versuchen das meinen Kindern so zu verkaufen …

  • luli |  26.10.2010

    wenn du das deinem kind verkaufen willst bist du echt gestört denn kinder interessieren sich daföür keinen gfunken es gibt leider auch keine hoffnung für soeinen wie dich….

  • Georg |  28.10.2010

    @luli: schon schade wenn man keine Ironie versteht…

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