Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Die Zukunft des Deutschen?

07. Juli 2010

In einem Interview mit der ZEIT äußerte der  Medienwissenschaftler Geert Lovink:

 „Das Entscheidende im Netz von heute sind nicht Nachrichten und Meinungen, sondern Selbstdarstellung und Selbstreflexion: Wer bin ich? Was mache ich? Wer befindet sich in meiner Gegend?“

 Nun, als Deutschblogger würde ich sagen: Bloggo ergo sum. Ich bin Deutschblogger. Was mache ich: Ich bemühe mich, verehrter Leser, um Ihre Aufmerksamkeit. Und in meiner Gegend befinden sich hoffentlich: Sie!

Weiter Geert Lovink:

„Nachdem man gesurft ist und geshoppt hat, stellt sich die Frage: Was ist eigentlich mit mir? Lebe ich oder werde ich bloß gelebt?“

Beim Deutschbloggen verspüre ich in diesen Tagen ein Gefühl  intensiven Erlebens.  Die WM, die Tour de France, das sind  schon Generatoren großer Emotion, die  unseren Blog umgetrieben und angetrieben haben.

Weiter Geert Lovink:

„Es gibt sachliches, heroisches und desperates Bloggen. Auch haben Blogs zweifellos Aspekte von Reklame in eigener Sache. Man kann das Profil seiner selbst nach Belieben erstellen und wieder verändern, beispielsweise, indem man idealisierte Fotos von sich anfertigen lässt. Doch geschönte Bilder funktionieren im Netz letztlich nicht. Die Leserschaft merkt auf Anhieb, ob jemand von sich selbst spricht oder nicht.“

 Eben. Das Foto in ABOUT zeigt wirklich mich, ich versuche sachlich zu bleiben und im Zweifelsfall eher heroisch als desperat zu bloggen. Und ich stehe dazu, Reklame für PONS Die deutsche Rechtschreibung zu machen. Musste mal gesagt werden. Die Leserschaft, das sind Sie – und Sie, ja, Sie auch! Sie alle haben es gemerkt.

 Heroisches findet derzeit nicht nur in den Stadien Südafrikas statt. Wieder ist es die ZEIT, die sich heroisch einem wirklichen  Großthema und heute die Frage stellt:

 Ist Deutsch noch zu retten?

 „Der Wind of Change bläst durch die deutsche Sprache. Von allen Seiten verschaffen sich die seltsamsten Wörter, die absurdesten Redewendungen unerwünschten Zutritt, und die Sprachschützer, die einst zu den Sonderlingen und Querulanten gerechnet wurden, erhalten wachsenden Zulauf.“

Gar nicht so sehr mangelndes Sprachwissen oder Denglisch sei die Gefahr für die deutsche Sprache, sondern „die Tatsache, dass Deutsch auf den wichtigsten Gebieten des öffentlichen Lebens, in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, eine schwindende Rolle spielt. Englisch tritt an seine Stelle.“

Der „leise, aber dramatische“ Wandel mache sich fest  am Rückgang der Bedeutung des Deutschen als Wissenschaftssprache.

Es sei überdeutlich erkennbar an der beherrschenden Rolle des Englischen in der Wirtschaft  und der Politik.

Und schließlich an dem Fakt, dass

„ alle Bereiche unserer Lebenswelt, die als modern oder zukunftsträchtig gelten, anglofon geprägt sind: das Internet, die Computertechnik, die Welt des Konsums, die Pop- und Jugendkultur.“

 Freilich gelte „English is the easiest language to speak badly.“  Will heißen, dass man eine Art Basisenglisch schnell erlernt, welches zu perfektionieren aber sehr schwer ist .

 Die internationale Verständigungssprache im strengen Sinn sei daher gar nicht Englisch, sondern eher »Globalesisch« , eine neue Lingua franca. Das ist auch nicht völlig neu: Der geschätzte Blogger Anatol Stefanowitsch hat diesen Punkt auf seinem Blog bereits eindrucksvoll erhellt. Die Linguistin Barbara Seidlhofer (Wien) argumentuiert:

Wenn sich ein Portugiese und ein Pole in Brüssel auf Englisch unterhielten, dann sei ein etwa hinzukommender Engländer überhaupt nicht im Vorteil, weil das Hochenglische und das Lingua-franca-Englische zwei gewissermaßen verschiedene Sprachen seien.

Barbara Seidlhofers Forschungsgebiet ist das gesprochene Lingua-franca-Englisch, und sie hat mit Kollegen eine Datenbank eingerichtet, den Vienna-Oxford International Corpus of English, kurz Voice.

Der Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant gar  glaubt „Anzeichen dafür zu erkennen, dass die deutsche Hochsprache insgesamt bedroht sei, weil sie von unten her durch das Vordringen von Dialekten und Rudimentärsprachen zurückgedrängt werde, von oben her durch das Englische.“

Gefallen  hat uns die kritische Feststellung am Ende des Artikels, dass nicht “das Englische” , sondern wichtigtuerischer und gedankenloser Gebrauch von vermeidbaren Anglizismen und Pseudoanglizismen uns sauer aufstößt und dem Deutschen “schadet” . 

Die große Zahl von Kommentaren zur  Online-Version des Artikels überrascht uns nicht.  Sprachfragen um Anglizismen-Sinn und –Unsinn sind emotionale  Fragen. Wir als Wörterbuchmacher legen uns in dieser Frage professionelle Emotionslosigkeit auf  und vertreten  bewusst eine deskriptive Position; wir zeichnen auf, was sprachlich der Fall ist- Eyecatcher oder Eiertomate. Sehr demokratisch sind da doch die Schweizer: Die haben das Eigengoal.

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FACHLICHES, GELESEN, KONTROVERSES, LEXI, WICHTIGES


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