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Weil richtig schreiben wichtig ist

Unboxing und Balconing – ein Vergleich

27. August 2010

Schon Ende 2006 war auf der Internetplattform Heise ein Artikel über Unboxing zu lesen. Schon 2006  – da staune ich. Ich selbst bin auf das Wort erst im Sommer 2010 gestoßen, im Zusammenhang mit der Remaster-Edition von Exile on Main Street der Rolling Stones. Diese wird auch in einer Luxusvariante, die neben der CD auch eine Langspielplatte und diverse andere Materialien enthält, angeboten. Viel auszupacken also – und so stieß ich erstmalig selbst auf ein Unboxing-Video.

Es fasziniert mich immer wieder, dieses “-ing”.  Das  kleine D-ing  aus dem Englischen entwickelt in seiner deutschen Zweitheimat richtig Power. Einer tut etwas, mehrere tun etwas – und das magische “-ing” macht daraus ein “Tuing”: Ein Phänomen ist geboren, genauer: Ein Wort ist geboren und man ist geneigt, dann auch das so Bezeichnete als irgendwie definierter und eigenständiger, als gegenüber anderen Dingen eigenständiger und profilierter zu sehen – als Phänomen also. Und so eine ziemlich eigenständige Sache ist z.B. das im berauschten Zustand vollzogene Springen vom Balkon mallorquinischer Hotelburgen -das heißt dann “Balconing“.

Unboxing ist vernünftiger als Balconing: In filmischen Bildsequenzen wird dabei gezeigt, wie eine Person  ihr frisch erworbenes und  oft via Amazon speditiertes Produkt (in der Regel ein Gadget) auspackt.  Rund 100 Unboxing-Videos fand man schon Ende 2006 bei YouTube, die von Tausenden auch angeschaut werden.

Als “Geek porn” hat  das Online-Magazin The Register die Unboxing-Filme bezeichnet.  Wie müsste man das übersetzen? Pornographie für Außenseiter (Geeks)?

Bei Heise war zu lesen: “Netzseiten wie Unboxing.com, die sich nur mit der Zurschaustellung von Auspackvorgängen beschäftigen. Und die, wie der Betreiber der genannten Seite schreibt, den Leuten helfen soll, ihre neusten “Toys” zu zeigen. Eine neue komische Spielart des Exhibitionismus also, der zwar völlig sinnfrei ist, aber ja auch keinen wehtut. Wesentlich erstaunlicher ist jedoch die hohe Zahl der Elektronik-Voyeure, die Gefallen an den Unboxing-Videos finden.”

Aber da muss doch in einigen Punkten widersprochen werden: Das gezeigte Tun ist doch nicht sinnfrei. Fast jeder bekommt doch gern etwas geliefert, gestehen wir es uns ein. Warum würde sonst der Versandhandel so blühen? Und wenn man gerade selbst nicht auf eine Bestellung wartet (“Wo ist meine Bestellung?”), kann man die Zeit bis zur nächsten Bestellung überbrücken und sich am Unboxing eines Gleichgesinnten delektieren. Dieser Exhibitionismus macht also durchaus Sinn. Und dass es keinem wehtut, das Unboxing, stimmt auch nur, wenn die unboxende Person geschickt und umsichtig vorgeht -wer hätte sich bei der Gelegenheit (in der Aufregung!) nicht schon selbst mit  Schere oder Schweizer Messer verletzt?

Eine implizite Voraussetzung allerdings muss für Unboxing gegeben sein: Die  auszupackende Sache muss ein gehöriges Maß an Sexiness haben, denn merke: Unboxing ist nicht die englische Übersetzung von “abschachteln”. Letzteres geschieht in Discountmärkten und ist relativ unsexy.

Gar nicht wie ein Geek, sondern wie ein Insider verhalten Sie sich, wenn Sie die PONS.eu -Seiten anklicken. Die brauchen Sie auch nicht auszupacken.

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, QUERPONS


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