Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Ausweitung der Blogzone

21. September 2010

Alles ist mit allem verbunden!  Das Bloggen ist eine hervorragende Schule, um sich dies stets zu verinnerlichen. Vielleicht hätte der Dichter Clemens Brentano seine Zeilen heute in einen Blog gestellt:

Alles ist freundlich wohlwollend verbunden
bietet sich tröstend und trauernd die Hand,
sind durch die Nächte die Lichter gewunden,
alles, ist ewig im Innern verwandt.

Den  schlaflosen Nächten der Themensuche stehen sie dann doch gegenüber – die atemlosen Momente, in denen der Goldstaub des  zu unserem Blog Passenden aus den Tonnen durchgesiebten Mediensandes funkelt, so heute geschehen. Eine Studie hat herausgefunden, welchen Berufen die Deutschen am meisten Vertrauen entgegenbringen. Na, was würden Sie glauben? Politiker? Falsch. Banker? Auch falsch. Radprofi? Ebenfalls falsch. Am meisten vertrauen die Menschen den Ärzten und Juristen.  Wir stellen damit fest, dass wir Lexikografen in diesem Ranking auch nicht vorkommen. Sind wir damit mit Investmentbankern vergleichbar? JEIN. Also … dezidiert und ganz entschieden NEIN, wenn Sie unsere Boni als Kriterium heranziehen. Ein bisschen aber auch JA in Sachen Vertrauensverlust, denn manche Lexikografen, die das Deutsche aufzeichnen, gerieten ja schon in die Schusslinien der Presse, wenn das eine Wörterbuch diese Schreibweise präsentierte und das andere jene – beim gleichen Wort wohlgemerkt. Aber so einfach ist das ja bekanntlich heute im Deutschen nicht.

Das Lexikografieren ist nicht einfach. Da wird der Lexikograf bisweilen zum Gegenstand ganz erheblicher Vorwürfe, nicht wenige wurden in der Wörterbuchgeschichte etwas des Plagiats geziehen. Allerdings heißt es  ja für jeden Autoren, den Rat zu beherzigen: “ Hege Dein Buch, Mann!” und im Falle des Plagiatsvorwurfs kann man immer noch nach dem Motto “Hit well back“” verfahren.

Lexikografieren ist nicht einfach. Auch wenn der Lexikograf  nicht die Hegemann macht (gibt es solche Idiome eigentlich erst seit der Erfindung des Bloggens?), ist er doch immer schon vom negativen Urteil der Zeitgenossen, ja selbst der Intellektuellen nicht verschont geblieben. Sehen wir uns etwa ein Zitat des amerikanischen Schriftstellers Ambrose Bierce an. Dieser schlaue Bursche hatte eine Menge recht zynischer Definitionen in ein Büchlein namens The Devil’s Dictionary gepackt und darin den Lexikografen selbst definiert:

“LEXICOGRAPHER, n. A pestilent fellow who, under the pretense of recording some particular stage in the development of a language, does what he can to arrest its growth, stiffen its flexibility and mechanize its methods. For your lexicographer, having written his dictionary, comes to be considered “as one having authority,” whereas his function is only to make a record, not to give a law. The natural servility of the human understanding having invested him with judicial power, surrenders its right of reason and submits itself to a chronicle as if it were a statue. Let the dictionary (for example) mark a good word as “obsolete” or “obsolescent” and few men thereafter venture to use it, whatever their need of it and however desirable its restoration to favor — whereby the process of impoverishment is accelerated and speech decays. ”

Der scharfzüngige Bierce hätte das, lebte er im Internetzeitalter, sicher auch in seinen Blog gestellt. Von dem aus hätte er aber bestimmt auch auf PONS.eu verlinkt, da wir ja deskriptiv vorgehen und das “right of reason” unserer Benutzer nicht nur nicht unterdrücken, sondern sogar unserem Ziel der Sprachbeschreibung nutzbar machen.

Das Lexikografieren ist nicht einfach. Es kann sogar schwerer sein als das Überwinden des Türstehers eines Technoclubs, wobei es für letzteres handfeste Empfehlungen gibt wie etwa

“nicht unsexy aussehen, weil man z.B. Akne mit ungeschnittenen Haaren, einer Zahnspange, Fettsucht und Klamotten von Kik (siehe oben) kombiniert.”

 Unsexy allerdings darf auch ein Wörterbuch nicht sein, womit wir wieder beim Thema der ubiquitären Querverbindungen und der geheimnisvollen Verwobenheit der Dinge wären.

Da nehme ich heute in den frühen Morgenstunden das Wort “Preisvorstellung” in PONS Die deutsche Rechtschreibung auf. Was denken Sie, was wenige Stunden später geschieht: In einem Spanisch- Forum stoße ich auf folgenden Beitrag:

“Preisvorstellung … wieder so ein schönes deutsches Wort, das nicht im Wörterbuch steht. Auch super, was PONS für ähnlich klingende Wörter kennt:
Los resultados a continuación se escriben de forma parecida: Gratisvorstellung, Preisstellung, Idealvorstellung, Wertvorstellung, Abendvorstellung, Zielvorstellung, Benefizvorstellung, Zwangsvorstellung, Moralvorstellung, Galavorstellung, Kinovorstellung, Nachtvorstellung, Spätvorstellung, Filmvorstellung, Gegenvorstellung, Wahnvorstellung, Gehaltsvorstellung, Theatervorstellung, Wunschvorstellung, Klischeevorstellung, Preisvorteil.”

Ja – und jetzt “kennt PONS ” eben auch die Preisvorstellung.  Das ist doch erhebend.  Da bleibt ein Lächeln, auch wenn beim Blick auf das Forum die prollige Reaktion eines Nachposters  (“Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten “)  doch ernüchternd ist. Die Rede war hier aber nicht von einem PONS-Forum, denn da tut man so etwas nicht.

Das Bloggen… Nein, ich werde diesen Satz nicht mit einem selbstmitleidigen “ist nicht einfach” beenden. Damit hätte ich es mir um eines billigen rhetorischen Effekts willen zu einfach gemacht. Und als Blogger darf man es sich nicht einfach machen. Sascha Lobo macht es sich ja auch nicht einfach. Zur Erhellung seines Beitrags zur Vodafone-Kampagne  “Es ist Deine Zeit”  und der sich daraus möglicherweise ergebenden Fragen entschied er sich “diese Fragen nicht nur zu beantworten – sondern sie mir dazu auch noch selbst zu stellen.”

Der Mann, der nach Eigenwahrnehmung wahrscheinlich noch einen Aufschrei hervorrufen würde , ” wenn ich mit bloßen Händen Landminen vor angolanischen Kinderheimen ausgraben würde” zieht nach Eigenbekunden  ”sozusagen Energie aus dem Gegenwind, ungefähr wie ein Windrad.”

Lobo mag keinen öffentlichen Nahverkehr: “ Von meinen wirklich allerletzten 20 Euro würde ich ein Taxi zum Amtsgericht nehmen, um dort Privatinsolvenz anzumelden. Zurück würde ich laufen. ”

“ Wichtig war für mich, dass die Frisur perfekt sitzt. Denn ausschliesslich [sic!] die Frisur des Menschen entscheidet letztlich über Erfolg und Misserfolg.”  Wir merken an, dass nach “ie” immer noch “ß” steht: “ausschließlich”.

Auf die vom ZEIT -Mazin gestellte Frage, ob er sich  in TWITTER schon einmal selbst beschrieben habe:

“Ja, aber ich habe den Text nicht veröffentlicht. Die Hälfte meiner Twitter-Beiträge dreht sich sowieso um mich selbst.”

ZEIT-Magazin: W140 Zeichen lange Texte werden zu einer künstlerischen Gattung?”

Sascha Lobo: “Das Kurze ist eine unterschätzte literarische Form und in anderen Kulturen stärker verankert: Hemingways Sechs-Wörter-Geschichte, das Haiku – Texte wie Koffeintabletten! Twitter ermöglicht eine Überprüfung der eigenen Kommunikate in Echtzeit. Im Internet herrscht ein Interessanz-Diktat. Der Treibstoff des Bloggers ist Begeisterung. Er lässt vielleicht nicht locker, doch seine Mittel sind beschränkt.”

Hier enden wir, denn ein übermächtigeres Zeugnis der Verbundenheit von allem mit allem werden wir kaum noch finden: Eine quasi komparatistische Annäherung  an ein Stück Literatur, das zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht existierte.

Lassen wir Sascha Lobo das Schlusswort zum Schlusswort sprechen: “Es ist ein erhebendes Gefühl, wenn man sich der Peinlichkeit aussetzt. Ich bin angreifbar, aber auf meine Weise kann ich etwas kommunizieren, das mir wichtig ist.”

Das gilt für Blogger. Und für Wörterbücher. Kein versteckter Laubpuster.  Das ist die Wahrheit.

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, KONTROVERSES, SPRACHROHR, WORTSTICHELEI


Kommentare

  • S. Fichte |  21.09.2010

    Also ist nichts mehr vor dem Deutschblogger sicher? Ab sofort ist Pons Deutschblog nämlich auch nicht mehr vor mir sicher … ich werde wieder reinschauen – bin gespannt, auf Euren nächsten Beitrag! Viele Grüße aus Ebersbach, S. Fichte

  • Deutschblogger |  23.09.2010

    Danke, liebe(r) S.Fichte,

    natürlich ist nichts Sprachliches vor uns sicher, freuen Sie sich auf viele weitere Artikel auf dem Deutschblog. Herzliche Grüße nach Ebersbach!


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