Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Cumali – Rechtschreibung ist nicht mein Ding

24. September 2010

  

Rechtschreibung und Dichtung. Auf den ersten Blick scheint es wenig  zu geben, was diese beiden Aspekte von Sprache miteinander zu tun haben oder haben könnten. Rechtschreibung formuliert Regeln für die Verschriftlichung von Sprache. Gedichte können diese Regeln einhalten (die meisten tun es ja);  oder etwa in der experimentellen Lyrik diese Regeln auch bewusst verletzen. Das betrifft eher die formalen Aspekte von Sprache, wohingegen es wohl ziemlich selten ist, dass Rechtschreibung zum Gegenstand des Gedichts selbst wird. Helfen Sie mir auf die Sprünge, liebe Leser, falls ich  etwas übersehe, aber zumindest in der “großen” Literatur will mir da nichts einfallen. Blicken wir ins Netz, da findet sich zum Beispiel ein Gedicht wie das folgende, wobei betont sei, dass ich dieses jetzt nicht mit der Großkunst kontrastiere, also seinen literarischen Rang herabwürdigen oder auch nur beurteilen will, nichts stünde mir ferner.

Rechtschreibung

 
Rechtschreibung ist das Maß der Dinge,
doch wem sie heute noch irgendwie gelinge,
der wird dastehen wie ein Experte,
denn der ♥♥♥♥♥ [Name von der Redaktion geändert] bietet als Offerte
viele schreiberische Möglichkeiten an.
Er ist mittlerweile ein Rätselheft für jedermann.
 
Wird es groß oder klein geschrieben?
Welches Satzzeichen kommt hier nach Belieben?
Schreib ich  hier Doppel S oder Eszett?
Kommt hier ein F oder ein PH komplett?
Schreib ich ein Wort groß oder nur klein?
Was ist die Rechtschreibung doch so gemein!
 
Doch kein Wunder wenn sie sich wehrt,
vieles was richtig war ist nun auf einmal verkehrt.
Den ganzen hochgradigen Superhirnen ist es gelungen,
denn sie haben die Deutsche Sprache so bezwungen.
So wie man die Deutsche Sprache noch verehrt,
ist ihre Rechtschreibung in jedem Fall verkehrt.
 
(Geschrieben nach einem Zeitungsartikel vom heutigen Tage.
28.07.2006        Norbert Wittke)
 
Hübsch, nicht? Geschrieben 2006, als Rechtschreibung und ihre Reform auf dem Barometer der Emotionen noch ganz andere Werte erreichten!
 
Bemerkenswert finde ich “Orthogravieh” von Anne Sommer, dsa von Hanns Kronenberg  gestaltet wurde:

Ein Gedicht von Anne Sommer – Gestaltung Hanns Kronenberg

Und dann findet sich manchmal ein Bezug, der eigentlich kein Bezug ist. Wo die Rechtschreibung quasi negativ ins Themenfeld der Dichtung kommt – dann nämlich, wenn einer dichtet, der mit Sprachlichem seine Schwierigkeiten hat.

Der achtzehnjährige Cumali Zengin ist so einer. Der türkischstämmige Schüler der Herrenberger Hilde-Domin-Schule hatte eher andere Interessen als Sprache – bis  er ein Liebesgedicht schrieb  und einen Dichterpreis errang.

Er, der  ”oft zu spät kommt und auch mal seine Hausaufgaben nicht macht”, fand zu folgenden Zeilen:

Was – außer der Liebe natürlich – steckt dahinter? Seine Lehrerin, die Schulsozialarbeiterin  und der Dichter  Walle Sayer, der mit den Schülern einen Workshop machte. Beim Workshop entstanden zahlreiche Gedichte, die an die  Mörike-Gesellschaft eingesendet wurden, welche einen Lyrikwettbewerb für Schüler ausgerufen hatte,  Thema: “Enttäuschte Liebe”. Einer der  zwölf Sieger war  Cumali Zengin. Die Preisverleihung im Stuttgarter Literaturhaus war ein großer Moment für Cumali,  dessen Gedicht in der Literaturzeitschrift  ”Matrix” abgedruckt wurde.

 Das war im Herbst 2008.  Cumali wollte nach dem Berufseinstiegsjahr seinen Realschulabschluss nachholen, doch sein Zeugnis –  vor allem: die Deutschnote – war nicht gut genug.  Ausgerechnet. “Rechtschreibung ist nicht mein Ding, Groß- und Kleinschreibung und so.”

Andreas Cyffka




Kommentare

  • Mrs. K. |  01.11.2010

    Wow, das mit der Kuh ist echt witzig :-)

  • Mr. Phil |  18.01.2011

    Oh ja, das mit der Kuh ist witzig, hatte ich vorher aber bereits mal wo gesehen ;-) .


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