Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Das Ungustiöse* des unrechten Schreibens

22. September 2010

  

Heute mache ich mich angreifbar. Mit einer Behauptung, die ich nicht beweisen kann. Das macht aber nichts, weil sie wahrscheinlich auch kein anderer beweisen  oder widerlegen könnte. Stellen wir uns ein sprachpsychologisches Experiment vor. Zum Wort “Rechtschreibung” oder eben “Rechtschreib-” sollen die Versuchspersonen spontan ein Kompositum bilden. Welches Wort würde wohl am häufigsten genannt? Klar, ein Wort lassen wir gleich mal außen vor: RechtschreibREFORM wäre wohl das meistgenannte.  Obwohl … ob das so klar ist? Das Wort mag ja irgendwie keiner so recht, die Sache ja auch nicht.  Dann vielleicht RechtschreibWÖRTERBUCH? Halte ich irgendwie für unwahrscheinlich. RechtschreibREGEL? Hm, vielleicht etwas näher an der Wahrheit. RechtschreibFEHLER: Das isses!

Über Fehler findet man viele Zitate (seltsam …) Ein hübsches stammt beispielsweise von dem immer gut zitierbaren Mark Twain, der sagte: “Seien Sie vorsichtig mit Gesundheitsbüchern – Sie könnten an einem Druckfehler sterben.” Man könnte nun meinen, Rechtschreibung sei auch so etwas wie ein Teil der sprachlichen Gesundheit. An den auf diesem Gebiet gemachten Fehlern stirbt zwar normalerweise niemand, aber ziemlich negativ auswirken können sie sich im einen oder anderen Fall schon.

Von einer tatsächlich gesundheitsrelevanten Folge von Rechtschreibfehlern war in einer Meldung zu lesen. Ein junger Mann in USA hatte sich ein Zitat von Abraham Lincoln auf den Arm tätowieren lassen. Nun sollte man vor dem Besuch eines Tattoo-Studios ja sich besser Gewissheit darüber verschaffen, dass der Betrieb seriös ist und dort einwandfreie hygienische Bedingungen herrschen, das ist bekannt. Weniger bekannt ist vielleicht, dass es vorteilhaft ist, die Rechtschreibkompetenz des Tätowierers zu kennen. Im Oberarm unseres amerikanischen Freundes fanden sich nach der Tat drei Rechtschreibfehler! Laser-Entfernung vorprogrammiert.

Rechtschreibfehler kommen nicht gut. Auch nicht auf weniger muskulösen, vielmehr pädagogischen Arealen wie etwa unser aller Wikipedia.

Eine stichprobenartige  Rechtschreibkorrektur der Wikipediaeinträge zu Begriffen aus verschiedenen Schulfächern ließ die  Prüfer aufmerken: “Keiner der von bildungsklick.de geprüften Artikel war frei von Rechtschreibfehlern. Da war gemäß der bayerisch-rheinischen Linie beliebig zwischen alter und neuer Rechtschreibung gewechselt worden, da durfte der Leser im laufenden Artikel wechselnden Tempi folgen [eine schüchterne Frage: Ist da "Tempora "gemeint gewesen; Blogredaktion] , hier hatte man kurzerhand den Genus [eine schüchterne Frage: Ist das Genus von  "Genus" nicht Neutrum, also: "das"?; Blogredaktion] zu Fall gebracht, dort mit der Interpunktion Schindluder getrieben, bisweilen musste man sich sogar auf die Suche nach fehlenden sinnhaltigen Satzteilen machen. Das Fazit: Die Häufigkeit von Rechtschreibfehlern in den untersuchten Texten der freien Enzyklopädie Wikipedia war erschreckend hoch (siehe Korrekturfahnen im Anhang). Im Beitrag etwa, der sich bezeichnenderweise dem Begriff Medienkompetenz widmet, waren weit mehr als zehn Fehler anzustreichen. Dass dagegen der Text über Antipädagogik nahezu fehlerfrei war, das mag eher seiner Kürze geschuldet sein. Rechnet man die Fehleranhäufungen in den zwölf überprüften Texten hoch auf alle ca. 250 000 Beiträge in der Wikipedia, ergeben sich schon dann eine Million Rechtschreibfehler, wenn man von durchschnittlich nur vier Fehlern pro Text ausgeht.”

Fraglich sei es, “wie im Rahmen der freien und dynamischen Autorenschaften der Wikipedia das Problem des fehlerhaften Schreibens in den Griff zu bekommen ist. ”

Also wir von PONS haben dazu selbstverständlich eine Meinung!

One man’s meat is another man’s poison – wie man so sagt. Was dem Deutschlehrer ein Dorn im Auge, ist  Wasser auf die Mühlen des forensischen Linguisten.

“Sie werfen die VISA Karten aus einem pirivaten hupschurober einzeln über Nürnberger innen statt. Sie werden aus einem privaten hubschuroberEinzeln ausgeworfen VISA Karten 5000 stück. Ihr werft den 5000 Visakarten die mit 5 Million gedeckt sind aus einer pirivatenhubschrauber über den Volksfestplatz” (zitiert bei A. Busch (Göttingen)

Beim kriminalistischen Einsatz von sprachwissenschaftlichen Methoden zur Identifizierung von Tätern können charakteristische Rechtschreibfehler ein Kriterium sein – und die Kriminalisten wissen auch, dass umgekehrt Täter ihre sprachlichen Kommunikationen bisweilen in bestimmter Weise fehlerhaft gestalten, um falsche Fährten zu legen. Tatort Rechtschreibung!

Tätowierung, Schule , Verbrechen – lassen wir uns von unserem orthografischen Bewusstseinsstrom nicht davontragen, erden wir uns,  lauschen wir wieder einem Forumsdialog:

Ladyblack:

“Da hast Du natürlich recht, also diese Rechtschreibkritiker gehen mir auch mächtig auf den Senkel. Vielleicht gibt es ja auch hier eine Berufsgrüppe, die für solche Mätzchen besonders anfällig ist, hehehehe.”

Aber klar, gibt solche krasse Grüppe, Alder – als da wären die berufsbedingt zu korrektem Schreiben Verdonnerten (Redakteure, Lehrer, Schüler eigentlich auch).

Dubbl 1253 Beiträge:

1. Ja, Rechtschreibung ist durchaus ein Bildungsindikator (Legastheniker ausgenommen).

2. Trotzdem sind Schreibfehler nichts, weswegen man jemanden dumm anmachen sollte.

3. Das gilt besonders für Vertipper, die gerade im Internet im “Eifer des Gefechts” häufig passieren können. Man liest ja nicht jeden post nochmal durch vor der Versendung.

4. Aber: Bei Klugscheißern sind gehäuft vorkommende Rechtschreibfehler peinlich.

5. Und wer andere wegen ihrer Rechtschreibfehler korrigiert oder verspottet, darf selbst bitte überhaupt keine machen (sonst ist das x-fach peinlich).

Dubbl spricht mit  der ganzen Autorität seiner 1253 Beiträge viel Wahres. Rechtschreibung ist Bildungsindikator. Stimmt. Im Fall von Regelverletzung den Falschschreiber nicht dumm anmachen. Stimmt, ist kein guter Stil. Denn wer den Fehler hat, den bestraft das Leben. Nehmen wir das Beispiel einer angesehenen deutschen Business School. In einem Blog des Instituts ist mehrfach die Rede von den verschiedenen Campi. Nun, dass beim abendlichen Get-Together zum Schampus auch Scampi verzehrt werden, mag wahrscheinlich sein, aber der Plural des Universitätsgeländes “Campus” lautet mit tückischer Einfachheit auch “Campus”. Kein Lama, keine versteckte Flexionsendung.  Im Singular sind die Dinge aber einfacher: “Mich beeindruckt es jedes Mal, wenn ich den Campus betrete von neuem – sei es, einen Aston Martin einfach so rumstehen zu sehen…”

Das darf nun aber nicht als Häme gegen Business Schools missverstanden werden. Niemand, gar niemand darf sich in Rechtschreibfragen in falscher Sicherheit wiegen, nicht der Aston Martin -Fahrer und nicht der Amazon-Rezensent. So schreibt ein Leser des Romans “Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten” von Christian Kracht: “Ganze Kohorten von Feuilletonisten rätseln herum und bleiben wage [sic].” Sein Nachposter schreibt: “Kracht nimmt eine an und für sich so bizarre Fiktion auf, flechtet da Jünger Zitate rein …” Flechtet? Er/sie/es flicht.

Ach, ist schon ein Faserland, das Deutsche. Und wir alle, die wir schreiben, sind mal im Sonnenschein, mal im Schatten.

ungustiös

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES


Kommentare

  • Manni |  23.09.2010

    [quote]Tempi folgen [eine schüchterne Frage: Ist da "Tempora "gemeint gewesen; Blogredaktion] , hier hatte man kurzerhand den Genus [eine schüchterne Frage: Ist das Genus von "Genus" nicht Neutrum, also: "das"?; Blogredaktion] [/quote]
    großartig!

    Und soweit ich weiß ist Marcel Jansen, unser Fußball-Nationalspieler, auch ein Opfer der Mangelnden Rechtschreibkenntnisse seines Tätowierers: http://kick-it-like-gala.blogspot.com/2010/01/jansen-und-die-neue-rechtschreibung.html


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