Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

High on Emotion – die großen Gefühle des rechten Schreibens

09. September 2010

Heute wird alles gegoogelt.  Dass Rechtschreibung etwas ist,  was wundersamerweise starke Emotionen wecken kann, ist Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, sicher vertraut.  Vielleicht haben Sie in der Schule Rechtschreibung gehasst – oder geliebt? Was davon zutrifft, hängt gewiss nicht nur von Ihnen ab. So über einen besonders interessanten Aspekt unseres Themas sinnierend dachte ich mir, ich gebe mal den Satz  “Ich liebe die Rechtschreibung.” in  Google ein: 39  Ergebnisse.

 Nun gut, man muss Rechtschreibung vielleicht nicht lieben; Rechtschreibregeln wollen auch nicht geliebt, sondern beachtet und befolgt werden, wenngleich in diesem unserem Lande es Menschen gibt, die sich in mönchischer Selbstdisziplin dem Studium der Orthografie hingeben. Über  mindestens einen davon berichten immer wieder große deutsche Nachrichtenmagazine (und glauben Sie mir, damit bin nicht ich gemeint).

Ich schraubte meinen Google-Gefühlstest demzufolge auf ein niedrigeres Niveau als Liebe: Nein, nicht Freundschaft … oder können Sie sich vorstellen, mit dem Dehnungs-h befreundet zu sein?

“Rechtschreibung macht Spaß.”  Das war meine nächste Suche: 608 Ergebnisse – na also, geht doch. Das vergleicht sich noch nicht wirklich mit den 833.000.000 Ergebnissen, die Ihnen Google für den Suchbegriff “Sex” liefert”, aber wir reden hier auch von ganz verschiedenen Dingen.

Es liebt sie kaum einer so richtig, aber manche können sich ein wenig Spaß mit ihr vorstellen.  Sehr erhellend fand  ich einen Artikel von Matthias Heine, 2003 in der WELT erschienen. Der Autor bescheinigt der Rechtschreibreform, die Diskussion um sie sei “das Kostbarste, das die Reform gebracht hat, denn sie hat die Rechtschreibung wieder zum Gegenstand persönlichen Nachdenkens gemacht.”  und: “Das gilt natürlich nur für die Gebildeten. Die überwältigende Mehrheit aus Irgendwie-Schreibern trägt zur Debatte nichts bei, denn es ist völlig egal, ob sie nun die alte oder die neue Schreibung nicht beherrscht.”  Der Autor seziert messerscharf:

“Das Thema zieht Käuze an, weil die Rechtschreibung mehr Emotionen erregt als andere Aspekte des Sprachlebens. Mit vergleichbarem Furor werden höchstens noch die zyklischen Fremdwortdebatten geführt. Möglicherweise hat beides mit der Rolle dieser Themen bei der Schaffung nationaler Identität und deutscher Einheit zu tun. Das massenhafte Aussterben von Wörtern und das Plattmachen von Grammatiklandschaften regen die Leute dagegen längst nicht so sehr auf wie vergleichbare Phänomene in der Natur. Auch eine Änderung der Verkehrsregeln, bei denen es doch viel eher um Leben und Tod geht, würde kaum so wütend diskutiert werden.”

Über die  Rolle des Internets: “Die Rolle, die damals die Drucker bei der Herausbildung orthographischer Mindestnormen spielten, hat heute das Internet inne. Ausgerechnet dieses von Sprachwächtern viel geschmähte Medium erweist sich als der große Vereinheitlicher. Wer etwas bei Ebay verkaufen will, muss es richtig schreiben. Wer will, dass seine Schlüsselbegriffe von Suchmaschinen erkannt werden, muss sich für eine geläufige Schreibweise entscheiden.”

Das sind allesamt kluge Einsichten, natürlich die die eines Gebildeten.  Aber gehen wir ins Internet und beobachten wir in situ, wie Rechtschreibung ganz offensichtlich als Kompetenzausweis und Bildungsindikator begriffen wird – und das in Ökosystemen, die fern des intellektuellen  Diskurses von Linguistikprofessoren und eloquenten Journalisten zu liegen scheinen. In einem deutschen Rap-Forum  sagt Forumsteilnehmer Pan Tau “Rächer der Genervten:”  “Du solltest mehr auf deine Rechtschreibung achten!
Oder soll das hier ein Ratespiel sein?” Er spielt damit klar auf die Tatsache an, dass Rechtschreibung einen wichtigen Beitrag zur Verständnissicherung beim Dekodieren geschriebener Texte leistet. In einem Portal äußert Forumsteilnehmer “franxinatra” (god bless him für den Namen):

“Was als Rechtschreibereform verkauft wurde ist eine Bankrotterklärung für die Phonetik: da werden Laute eliminiert, die zur sprachlichen Vielaflt gehören.” Vielaftl, klingt irgendwie wie die kulinarische Vielfalt von  Falafel.

Ein Rap-Freund namens Pimpone tritt auf (das hat man sicher nicht als italienischen Namen pimPOne auszusprechen, das ist coolerweise PIMP WAN):

pimpone :
“Einstein und Herr Supertoll. Euer kleines Battle ist zwar lustig, aber in Gegenwart des Kingpints peinlich. Der würde Euch beide zusammen in der Pfeiffe rauchen. Er ist einer der besten Rapper und hat von solchen Dingen 1000 mal mehr Ahnung als Ihr. Nebenbei: Einstein Deine Rechtschreibung ist erbährmlich [sic], wie willst Du einen IQ haben? ”

Pimpone, Du irrst hier: Zwischen Rechtschreibung und IQ besteht keine so direkte Verbindung. Aber Pimpone stützt wieder die These vom Bildungsindikator Orthografie.

Rap-Freund Herr Supertoll steht über  den Dingen:

Herr Supertoll   19.12.2005
” Aufgrund deiner mangelhaften Orthografie fällt es mir schwer zu entziffern, was du mir sagen willst, aber ich würde nicht Herr Supertoll sein, wenn ich nicht auch das könnte.”

Tränen des Glücks aber hat mir ein österreichischer Rap-Fan namens Cuntmaster Dookie mit seinem Forumsbeitrag in die Augen getrieben:

Cuntmaster Dookie:
“UND die Rechtschreibung tangiert Rap nicht, es is völlig egal ob Du rapst, oder Dir nur wie a Summafrischla irgendwo im Goatn die Nosn putzt. Wennst ned a Mittelmaß rechtschreim kaunnst, oder ein Mittelmaß an Rechtschreibfähigkeit besitzt.. wirst es irgendwie schwerer haben im Leben.. egal ob ois Nosnputzer oder Redakteur. Oder Sofa-Fischer. Und das is mal ein Argument!!!!”

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FREUT UNS, FUNDSTÜCKE, GELESEN, LEXI, POESIE, QUERPONS


Kommentare

  • Andreas |  10.09.2010

    “…Er spielt damit klar auf die Ttatsache an…”
    ;) Natürlich provoziert das Eingabemedium Tastatur schon auch eine Gratwanderung zwischen falscher Rächtschraipung und ätzenden Tippefhlern. Oder?


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