Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Grünes Licht an der bedarfsgesteuerten Fußgängerfurt

21. Oktober 2010

Sie können sich denken, was ein  ”Fahrtrichtungsanzeiger” ist ? Nun gut,  das war ja auch zu einfach. Eine “Schließzange“? Sie sehen, jetzt wird es deutlich schwieriger.  Eine “Personenvereinzelungsanlage”? Also, wenn Sie das erraten bzw. wissen, dann haben Sie vermutlich selbst in irgendeiner Form mit jener Welt zu tun, in der die von Reinhard Mey berühmt gemachten Anträge auf Erteilung eines Antragsformulars gestellt, bearbeitet und  abgelegt werden. Natürlich kann hier nur die Rede von der Amtssprache sein, dem so genannten Beamtendeutsch, einer Sprachvarietät, die ja auch in Wörterbüchern beschrieben und dort meist an einem Kürzel wie amtsspr zu erkennen ist.  Doch zwischen Ablage und Anlage hat der Bürger ja bekanntlich so sein Kreuz mit  dem Beamtendeutsch (nicht sein Drehkreuz, das ist nämlich die Bedeutung von “Personenvereinzelungsanlage”).  Auf dem steinigen Weg vom bürgerfernen Deutsch  zur Bürgernähe lauert manche linguistische Gefahr.

Das hat man z.B. im Wiesbadener Rathaus erkannt, wo  künftig verständliches Deutsch gesprochen und geschrieben werden soll.  Seit anderthalb Jahren schult die in Wiesbaden ansässige Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), die Jahr für Jahr die Worte und Unworte des Jahres kürt, Abteilungsleiter sowie Sachbearbeiter der Stadtverwaltung. Zusammen mit einem Sprachwissenschaftler knöpfen sie sich Genehmigungen oder Bauanträge vor und machen deren Inhalte verständlicher.

Als Resultat haben sich daraus bereits  die ersten „Leitsätze für eine bürgerfreundliche Verwaltungssprache“  ergeben.   Eine einfache, zeitgemäße Verwaltungssprache vermeide Missverständnisse, Nachfragen, Beschwerden, Widersprüche – und damit Zeit und Geld. Zudem wirke sie auch höflicher und nicht so sehr „von oben herab“.

Die Sprachberatung ist jetzt fester Bestandteil der Aus- und Weiterbildung in der Stadtverwaltung. Eine Datenbank mit lesbaren Musterbriefen wird aufgebaut, auch Formulare, Merkblätter und Verordnungen sollen nach und nach in klares, einfaches Deutsch übersetzt werden.

Im Jahr 2000 hatte  sich auch die Stadtverwaltung von Bochum entschieden , Behördenbriefe zukünftig in einer bürgerfreundlichen Sprache zu verfassen. Eine Gruppe von Germanisten der Ruhr-Universität Bochum – IDEMA: “Internetdienst für eine moderne Amtssprache” – hilft allen Kommunen bundesweit, Amtstexte so zu gestalten, dass sie für Bürger leichter verständlich sind und stärker akzeptiert werden.

 Jeder kennt die gefühlte Unverständlichkeit des Beamtendeutsch, doch lassen sich  – von exotischen Wortkreationen abgesehen – einzelne Merkmale benennen? Sie lassen. Ganz typisch ist der Nominalstil, also gehäufte und bevorzugte Verwendung von Substantiven und substantivierten Verben. Kennzeichnend ist auch eine Vorliebe für semantisch eher “leere” Verben wie „durchführen“, „vornehmen“, „tätigen“ und  „erfolgen“. Und  wenn die dann noch substantiviert  werden („Durchführung“, „Vornahme“, „Tätigung“, aber nicht „Erfolgung“) und  vielleicht noch eine unheilige Allianz mit dem Passiv eingehen, so weiß bürger oft nicht mehr, wer im Satz  die handelnde Person ist. Dann ist die Wahrscheinlichkeit, hungrig an einer McDonalds-Filiale vorbeizukommen, also die Burger-Nähe, deutlich höher als jene, verstehenshungrig das vom Amt Mitgeteilte leicht zu verstehen, das wäre (sprachliche) Bürgernähe.

Nach der Umfrage eines deutschen Verlagshauses  verbündet sich mit  dem “Amtsdeutsch” nicht selten aber noch eine weitere, die  Verständlichkeit amtlicher Texte mindernde Kraft -  und  das sind – hätten Sie es gedacht? – Fehler bei der Rechtschreibung. Die entstehen bekanntlich, weil’ s der Schreiber nicht weiß, oder weil es ihm egal ist.  Die Haltung, es orthografisch nicht gar so genau zu nehmen,  wurde durch die Onlinebefragung klar identifiziert: Fast jeder vierte der Befragten (23,4 Prozent) im öffentlichen Dienst gab an, eine fehlerfreie Orthografie beim Schriftwechsel mit Bürgern als „unwichtig“ zu empfinden.  Interessant und wohl ganz allgemein menschlich ( Matthäus Evangelium 7,3:
Aber was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, doch den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?) ist die Tatsache, dass ungeachtet der eigenen nachlässigen Haltung  die Mitarbeiter der Ämter fehlerhafte Bürgerschreiben strenger beurteilen: Assoziiert werden mit Rechtschreibfehlern niedriges Bildungsniveau, Unzuverlässigkeit, unsaubere Arbeitsweise und Unprofessionalität der Absender.  Hilfen für die eigene Rechtschreibung nutzten 84 Prozent der Befragten am Arbeitsplatz. Die wenigsten empfanden die Programme allerdings als ausreichend: Nur 5,1 Prozent bezeichneten die Fehlererkennung als „sehr gut“.

Man sieht:  Bei der  Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars, dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt, sollte nicht mit zweierlei Maß gemessen werden: Gleiche korrekte Schreibung ist wünschenswert für amtliche und nichtamtliche Personen gleichermaßen.

PS: bedarfsgesteuerte Fußgängerfurt = Fußgängerampel

Andreas Cyffka




Kommentare

  • Michael |  25.10.2010

    Sehr zu begrüßen solche Initiativen! Leider bemerkt man aber im Bochum-fernen Augsburg noch nichts davon, wie ich hier letzte Woche im Rathaus feststellen musste. Aber vielleicht sind die Bayern auch da noch etwas sturer.

  • Jessica |  31.10.2011

    Hey!
    Was bedeutet das folgende Wort?

    - Initiativen

    ????

    :-?


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