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Weil richtig schreiben wichtig ist

Im Exil – Briefe aus dem Offline

28. Oktober 2010

 

Diesen  Monat berichtete das jetzt-magazin   über die Brüder Wilsson und Sebastian Kohnert. Sie  haben den 20. Oktober 2010 zum “Offline-Day” deklariert. 

“Wir haben nichts gegen das Netz, aber wir wollen einen Tag Pause machen, damit man sich seiner Gewohnheiten bewusster wird. Es ist ja so, dass wir uns immer abhängiger machen von E-Mails checken, Statusmeldungen checken und alles mögliche erledigen im Internet. Deshalb wollen wir sagen: „Wir machen einen Stopp. Das Internet ist für mich da und nicht ich fürs Internet.“

Obschon auch  nicht die ganze Welt mitgemacht haben dürfte beim Offline-Day, erhielt die Idee erstaunliche Resonanz. So filmte ein Team des WDR, wie die Kohnert-Brüder den Tag verbrachten.  Das will mal bedacht  sein: Ein Tag ohne Internet als Filmthema. Dabei sind die  Brüder keine Internethasser, sondern auch Blogbetreiber.

Das Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die Medienlandschaft . Der Journalist und Blogger Christoph Koch hat darüber ein Buch geschrieben:  “Ich bin dann mal offline” . Verehrungswürdig geradezu fand ich den Werbetext:  “Christoph Koch ist dahin gegangen, wo es richtig weh tut: offline. Und hat getestet, was vom Leben übrig bleibt. Ein bekennender Online-Junkie zieht den Stecker. Und entdeckt das wahre Leben 1.0. Die etwas andere Nulldiät: informativ, inspirierend, unterhaltsam!”

Während sich Kochs Buchtitel rein sprachlich als Hapeismus und somit als eine Art Neoidiom betrachten lässt, ersannen Autor und Verlag eines ziemlich themenverwandten Buches einen Titel, der auf die Doppelbedeutung des Wortes “Netz” anspielt: Das Buch von Axel Rühe heißt “Ohne Netz”. Auch dieser Autor ist “im Normalleben” ein ständig das Internet nutzender Journalist, auch er hat  sechs  Monate lang für sein Buch ohne Internet agiert und Autor und der Verlag Klett Cotta mussten in dieser Zeit ohne Netz und doppelten Boden alle Schwierigkeiten meistern, die das Offline-Schaffen so mit sich bringt,  was auf dem Blog Netzstille nachzulesen ist.

Der Stern berichtet gar  über existenzielle Verzweiflung von Menschen, die gewissermaßen ins Offlineexil geschickt werden – von Facebook. “Wer bei Facebook zu viele Nachrichten schreibt oder zu viele Pinnwandeinträge macht, wird von der Plattform entfernt. (…) “Ich kann nicht ohne Facebook leben”, sagt Nitin und hat auch schon eine Beschwerde an Facebook gemailt. Nun wartet er auf eine Antwort. In der Zwischenzeit heißt das für Nitin: keine Nachrichten, keine Pinnwandeinträge, keine Freunde poken oder “lovability-Anfragen” starten. Das ist für ihn eine regelrechte Qual. Nitin ist ein Facebook-Junkie und würde einiges dafür tun, damit sein Account wieder freigegeben wird. “Mein ganzes Leben funktioniert nur mit Facebook. Ich habe viele Freunde im Ausland und brauche das Netzwerk, um mit ihnen in Verbindung zu bleiben”, erzählt der Mauritier aus Riviere des Anguilles. Er ist im Netzwerk normalerweise rund um die Uhr online.” Rund um die Uhr online – und dann das:

AQUAE ET IGNIS INTERDICTIO. Mit der Versagung der essentiellen Lebenselemente (bei den Römern: Wasser und Feuer) verbannte man in der Antike ins Exil, heute sagen wir: AQUAE ET IGNIS ET LIBRI FACIERUM INTERDICTIO.

 Das alles ist nicht Spaß, es ist ernst, sogar sehr ernst. Oder ist es keine ernste Sache, was uns eine Studie von retrevo über den modernen Menschen mitteilt?

  ”Just to round out the picture, the Gadgetology study asked consumers how they felt about being interrupted at various times and occasions for an electronic message. With everyone texting away on their phones these days, we weren’t surprised to see over 40% of respondents saying they didn’t mind being interrupted for a message. In fact, 32% said a meal was not off limits while 7% said they’d even check out a message during an intimate moment.”

Allerdings: Sie, liebe Leserinnen und Leser, sind nicht in  Gefahr: Wissend um die Tatsache, dass Rechtschreibung sexy macht, haben sie online alle Zweifelsfälle bei PONS.eu nachgeschlagen. Sollte es denn zu ihm kommen, dem  intimate moment,  können Sie dann beruhigt offline bleiben. Aber vergessen Sie nicht, wieder online zu gehen!

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FUNDSTÜCKE, GELESEN, WISSENSWERTES


Kommentare

  • Grobi |  28.10.2010

    Bei facebook/unnützes Wissen gelernt: Bei der Nutzung von Facebook, Twitter oder SMS steigt der Pegel des Hormons Oxytocin, was uns ein gutes Gefühl wie beim Kuscheln gibt.
    Wenn man das weiß versteht man schon etwas mehr, warum einige Leute nicht mehr ohne können, wobei es meines Erachtens immer noch verrückt ist, wenn man das so exzessiv nutzt.


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