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Weil richtig schreiben wichtig ist

Sprache: Die Import-Export-Gesellschaft

05. Oktober 2010

  

Die Unterscheidung zwischen “lebenden” und “toten” Sprachen ist eine schon  klassische, auch wenn die Wortwahl – vor allem mit Blick auf letztere – nicht unbedingt günstig erscheinen mag. Der Grund, warum man Sprachen wie Altgriechisch oder Latein das Attribut “tot” gab, ist schlicht der, dass sich an ihnen nichts mehr ändern kann, weil es eben keine Sprecher dieser Sprachen mehr gibt (unter “Sprecher” verstehen wir hier natürlich keine Altphilologen). “Nicht mehr wandlungsfähig gleich tot” ist eine interessante Gleichsetzung. Denn im Umkehrschluss muss eine Sprache, die nicht tot ist, eine “lebende” Sprache sich notwendig durch Wandel auszeichnen.

Insofern ist es bemerkenswert, dass gerade dieser Wandel nicht nur freudig als Zeichen von “Lebendigkeit” begrüßt wird, ganz im Gegenteil: Ins Deutsche eindringenden Wörtern aus “fremden” Sprachen begegnen viele mit einer mehr oder weniger gesunden Portion Skepsis und der (un)ausgesprochenen Überzeugung, die Neuankömmlinge seien Fremdkörper – verzichtbar, überflüssig, stilistisch ärgerlich und idealerweise durch “deutsche ” Wörter zu ersetzen. Während die Sprachwissenschaft dies heute differenziert sieht, war eine kritische Position in früheren Zeiten auch in der Wissenschaft anzutreffen.

Man denke zum Beispiel an den deutschen Sprach- und Literaturwissenschaftler Eduard Engel (* 12. November 1851 in Stolp; † 23. November 1938 in Bornim bei Potsdam) dessen Anliegen die  ”Reinigung der deutschen Sprache”  war.

Kennzeichnend für Engels Denken war eine Ablehnung verzichtbarer Fremdwörter, dargelegt in seiner ”Deutschen Stilkunst” (1911), in der er sich für ein fremdwortfreies Deutsch einsetzte.  Selbst das Wort “Germanist” wollte Engels durch “Deutschkundler ” ersetzen. 1943 erschien von Ludwig Reiners die “Stilkunst” , das als  Plagiat des Engelsschen Werkes gilt, aber sehr erfolgreich war. 

Aber nicht nur in wissenschaftlichen, auch in politischen Kreisen gab und gibt es immer wieder sprachkritische Impulse, die sich heute vor allem gegen den Gebrauch von Anglizismen und “Denglisch” wenden.  

Berichtet wurde etwa über eine Initiative von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer  (“Wie will man in Deutschland etwas politisch umsetzen, wenn man es nicht mal auf Deutsch sagen kann?“ ), in dessen Verkehrsministerium „Denglisch“-Verbot herrrscht und man nicht  „Travel Management“ sagt, sondern „Reisestelle“, nicht  „Task Force“, sondern  „Projektgruppe“.

Ramsauer: “ Englisch ist eine Weltsprache, die die Menschen verbindet, und das ist auch in Ordnung. Wir aber leben in Deutschland und sprechen unsere Muttersprache. Ich kenne kein Land der Erde, in dem man so respektlos mit der eigenen Sprache umgeht. Millionen Bürger fühlen sich ausgegrenzt, wenn uns Anglizismen inflationär und willkürlich überfluten. ”

Kein Land …? Stimmt das? Anatol Stefanowitsch weist auf seinem Blog auf  ein neues Projekt der Max Planck Digital Library hin, die World Loanword Database., in der sich  Stichproben aus dem Wortschatz von 41 über die ganze Welt verstreuten Sprachen, die nach Herkunft kategorisiert sind, befinden.  “So lässt sich erstmals ein repräsentatives Bild über Art und Umfang von Lehngut in den Wortschätzen ganz unterschiedlicher Sprachen erhalten.”

Das heutige Deutsch sei  in dieser Datenbank leider nicht enthalten, als  Vergleichswerte für das Deutsche seien aber  verlässliche Zahlen der Anteil von Entlehnungen am Gesamtwortschatz  (100.000 Wörter), bei einer Gesamtgröße des Wortschatzes von 400.000 Wörtern also 25 Prozent.  Damit läge das heutige Deutsch im Feld der in der World Loan Database gelisteten Sprachen gerade im Mittelfeld.

Es ist ein Geben und Nehmen. Das Deutsche rezipiert nicht nur Wörter, sondern exportiert auch Wörter in andere Sprachen: Das sind  militärische Fachbegriffe wie  philosophische Ausdrücke ( ”Weltanschauung” , “Weltschmerz”, “Zeitgeist” ,”Angst”). 

Manch ausgewandertes Wort gibt seine  Herkunft noch  zu erkennen, wie etwa das amerikanische Verb “to schlepp” oder das russische “buterbrot”.  In anderen Fällen ist die Herkunft verdunkelter:

Japanisch: “rykkusakku” (Rucksack) , “waingurasu” (Weinglas) , “arubaito” (Arbeit).

Hübsch ist auch das  französische “Vasistas” ( “Türspion”) (zu “Was ist das?”). 

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FACHLICHES, LEXI, WISSENSWERTES


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