Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

In Frankreich und anderswo

26. Oktober 2010

 

Ein Lesevergnügen von hohem Niveau bietet ein kürzlich in Welt Online erschienener Artikel von Wolf Lepenies mit dem Titel “Frankreich schreibt falsch”. Ob Sie der Angemessenheit des Wortes “Lesevergnügen” zustimmen, hängt allerdings in entscheidendem Maße davon ab, ob die Begriffe “Rechtschreibung” , “Reform” und “Vergnügen” sich für Sie nicht in ähnlicher Weise ausschließen wie “Gottesfurcht” und “Atheismus” oder wie “Teufel” und “Weihwasser”.

Einerseits  wachse in Frankreich die Zahl derer, die eine Reform der Orthografie wollen, andererseits habe  ”Le Figaro” die  Leser gefragt, ob sie denn für eine Reform der Rechtschreibung votieren - mehr als 30 000 Franzosen hätten geantwortet und drei Viertel von ihnen mit einem Nein.

Die Rechtschreibleistungen  der französischen Schüler – so der Autor –  fielen  immer schlechter aus. Zwei Drittel erreichten bei einem standardisierten Test nur  ein “Zéro” (Ungenügend).

Man fühlt sich an Deutschland erinnert. Auch hinsichtlich der divergierenden Meinungen über die Ursachen (neue Kommunikationsformen wie SMS…)

Die Reaktionen auf  mangelhafte Orthografie seien unterschiedlich. Im “Bac”, dem Abitur, dürften Rechtschreibfehler nur zu einem minimalen Punktabzug führen; andererseits könnten orthografische Mängel etwa bei Bewerbungen schnell einen Kandidaten disqualifizieren.

Die Debatte um die Rechtschreibreform – führt Lepenies weiter aus – präge die Sprachinnenpolitik Frankreichs. Hinsichtlich der  Sprachaußenpolitik des Landes sei der Versuch, das Vordringen des Englischen (“Franglais”) in die Landessprache zu verhindern,  weitgehend gescheitert. Schriftsteller, die nicht aus Frankreich stammen, aber auf Französisch schreiben, stiegen im Ansehen und diese Schriftsteller würden nun reklamieren,  eine Sprache zu schreiben, die internationalen Charakter trägt und nicht länger das exklusive Idiom Frankreichs sei.

Auch dies erinnert an etwas – nicht an die Situation in Deutschland, sondern an die des Englischen.  Die internationale Verständigungssprache im strengen Sinn sei nach heutiger linguistischer Einschätzung  gar nicht Englisch, sondern eher »Globalesisch« , eine neue Lingua franca.  Die Sprachwissenschaftlerin Barbara Seidlhofer (Wien) argumentiert:

Wenn sich ein Portugiese und ein Pole in Brüssel auf Englisch unterhielten, dann sei ein etwa hinzukommender Engländer überhaupt nicht im Vorteil, weil das Hochenglische und das Lingua-franca-Englische zwei gewissermaßen verschiedene Sprachen seien.

Lepenies resümiert: “In dieser Situation sehen Verteidiger der französischen Sprache in der drohenden Rechtschreibreform eine Schwächung, die das Französische endgültig seines Anspruchs auf eine herausgehobene Rolle unter den Weltsprachen berauben wird. Wütend schrieb der Linguist Alain Bentolila, Verfasser eines Buches mit dem Titel “Verbe contre la barbarie”: “Was sich in der Orthografie spiegelt, ist die Klarheit des Denkens. Man darf die Kraft des Denkens, das sich in Worten umsetzt, nicht simplifizieren.” (Wir bleiben ein wenig  ratlos an diesem Satz hängen: Kann man Kraft “simplifizieren”? Vielleicht werden wir zu spitzfindig …) Darin spiegele sich ein Argument, das Ende des 18. Jahrhunderts der Comte de Rivarol entwickelte, als er auf die Preisfrage der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin antwortete, womit die universelle Geltung der französischen Sprache zu erklären sei. Im korrekten Französisch, so Rivarol, drücke sich, stärker als in anderen Sprachen, Klarheit des Denkens aus.

Klarheit des Denkens – wir überqueren wieder den Rhein:

Der Dichter  Reiner Kunze gehörte zu den  Kritikern der  deutschen Rechtschreibreform, sobald deren Inhalte ruchbar wurden. Unter dem Titel “Die Aura der Wörter”  etwa verwies er etwa darauf, dass die Schreibung von “daß” mit ss statt mit scharfem ß nicht zu einer Minderung der Fehler führen würde, solange die Schüler nicht zwischen einem Konsekutiv- und einem Relativsatz unterscheiden können. Ferner, dass durch die Reform eine Reihe von Volksetymologien sanktioniert worden seien, die die sprachliche Herkunft bestimmter Vokabeln verdunkelt. Der Tollpatsch beispielsweise sei keiner, der toll in den Dreck patscht ( sondern der Begriff stammt aus dem Ungarischen und bedeutet ursprünglich “Fußsoldat”). Der Mesner, der heute mit ss geschrieben werden soll, hat aber nichts mit der Messe zu tun, sondern mit dem lateinischen Wort “mansionarius”. Ebensowenig komme das “Quentchen” von Quantum oder  ”belemmert” von “Lamm”. Stimmt es also auch rechtsrheinisch, das mit der Klarheit des Denkens?

Wie auch immer – zu beiden Seiten des Rheins (und auch anderswo) ist es wohl so, dass Sprache als kulturelles Phänomen dem Einzelnen als muttersprachliches Idiom eignet und gleichzeitig ein kollektiver Besitz ist.  Reformen nehmen für sich Verbesserungen der  Kommunikationsverhältnisse in Anspruch. Ob sie diesen Anspruch einlösen – zumindest in Bezug auf die schriftliche Kommunikation – ist eine andere Diskussion. Doch dass Sprache längst  nicht nur im Dienste der Kommunikation steht, sondern als “schöne Gestalt” auch ein den ästhetischen Sinn ansprechendes Phänomen ist, sollte nicht vergessen werden. Wäre Sprache das nicht, gäbe es kaum eine Nachfrage nach Ratgebern für gutes Deutsch, kaum ein Publikum für Bastian Sick und in Zeiten von Google, das irgendwie ALLES zeigt, vielleicht irgendwann auch nicht mehr die Erkenntnis, dass Google aus genau diesem Grund ein Wörterbuch nicht ersetzen kann.

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FACHLICHES, GELESEN, WISSENSWERTES


Kommentare

  • VanGogh |  27.10.2010

    Die größte zu überwindende Kluft ist vermutlich die zwischen denen, die die Sprache als – wie Sie es so schön formulieren – “den ästhetischen Sinn ansprechendes Phänomen” sehen und jenen, die Sprache als Mittel zum Zweck sehen. Meines Erachtens haben beide Recht, denn Sprache erfüllt beide Funktionen. Und was die Rechtschreibung angeht, ist die Einhaltung der Regeln für erstere unabdingbar, für die zweite Gruppe jedoch nebensächlich. Diese Kluft zu schließen wird wohl niemals möglich, aber eine Brücke zu bauen damit beide Parteien sich in der Mitte treffen können sollte man wenigstens anstreben. Ob hierzu aber in Deutschland jeweils das richtige “Material” verwendet wurde erscheint mir sehr fraglich.


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