Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Deutsch im Grundgesetz

19. November 2010

Es gibt sprachliche Themen, die die Gemüter ganz anders in Wallung  bringen als  der Tod des Genitivs oder das Aussterben des Konjunktivs. Das sind vergleichsweise marginale  Problemchen, wenn die echten Schwergewichte den Ring betreten. Nach einer Dekade des Diskurses um die Rechtschreibreform haben sich die Aufregungen um “Stängel” und “belämmert” gelegt – oder sagen wir: Es ist zumindest ruhiger geworden.   Für die Schwergewichtsklasse der Aufreger qualifizieren  sich weiterhin Themen, die lange schon kontrovers diskutiert werden, z.B. die immer noch beliebte Anglizismendebatte. Die spiegelt sich auch immer wieder in sprachbezogenen Blogs und die Liste der Kommentare kann es an Länge mit jedem deutschen Kompositumsungetüm locker aufnehmen. Da wird sprachwissenschaftlich mehr oder weniger fundiert argumentiert und leidenschaftlich gestritten. Der Schlagabtausch findet statt in einem Ring, dessen Ecken stichwortartig mit “Sprachpurismus” (ein in diesem Themenausschnitt der Blogosphäre bekannter Blogger spricht bevorzugt von “Sprachnörglern”)  und “Sprachentwicklung” beschrieben werden können.  Die puristische Fraktion hat sich dabei vor allem auf jene als Denglisch bezeichnete Vermischung von Deutsch und Englisch eingeschossen, die manche Ausschnitte von Gesellschaft , Wirtschaft und Arbeitswelt mehr und mehr zu beherrschen scheint. Die Steine des Anstoßes  – Wörter wie Public Viewing – generieren dabei einen erstaunlichen Vortrieb. Führen zu Kreativleistungen auf der Suche nach deutschen Alternativausdrücken (im Falle des Public Viewing zum Beispiel Rudelgucken – allen Ernstes).  Oder outen sich als Scheinanglizismen, da es etwa  ein “Handy” im Englischen nicht gibt, weil man dafür “mobile phone” sagt.         

 Bisweilen braucht es allerdings keine Puristen, bisweilen eliminieren sich in der Werbesprache Anglizismen bzw. aus englischen Wörtern gebastelte Botschaften sogar selbst, da es sich schlecht werben lässt, wenn der Kunde nur railway station versteht. Nach einer Studie der Kölner Markenberatung Endmark versteht etwa nur einer von vier Deutschen englische Werbeebotschaften richtig.  Und wer  „Come in and find out“ der Parfümeriekette Douglas seinerzeit als  „Tritt ein und finde wieder aus dem Laden“  deutete,  wird kaum den richtigen Duft gefunden haben und dies bestätigen können. Das gegnerische Lager kontert den Sprachpessimismus der Puristen mit dem Hinweis auf die sprachhistorisch gut belegte Tatsache, dass “Sprache lebt” oder mit Goethes Diktum “Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, sondern dass sie es verschlingt.” 

Nun gut, nicht alles, was man verschlingt, bekommt einem gut, vielleicht und sogar  wahrscheinlich ist alles eine Frage des rechten Maßes. 

A ls maßlos erschien vielen Kommentatoren eine vom Verein Deutsche Sprache (VDS) zusammen mit der BILD-Zeitung kürzlich durchgeführte Aktion, bei der die Leser durch Ausfüllen und Unterschreiben eines Formulars das Anliegen einer Erweiterung des Artikel 22 des Grundgesetzes unterstützen sollen.  Dessen Wortlaut: 

 ”(1) Die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland ist Berlin. Die Repräsentation des Gesamtstaates in der Hauptstadt ist Aufgabe des Bundes. Das Nähere wird durch Bundesgesetz geregelt. 

(2) Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold.” 

 soll ergänzt werden durch: 

„Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch“. 

 Mit über 40.000 Unterschriften soll der Bundestag dazu gebracht werden, über eine Verankerung der deutschen Sprache im Grundgesetz zu beraten. Vertreter des Vereins für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland (VDA) und des Vereins Deutsche Sprache (VDS) übergaben im Bundestag vier Pakete mit Unterschriften an Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU).Die CDU hatte bereits auf ihrem Bundesparteitag 2008 in Stuttgart entschieden, dass ein Bekenntnis zur deutschen Sprache ins Grundgesetz aufgenommen werden sollte. Die CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin Angela Merkel stimmte damals jedoch gegen den Vorstoß, auch führende CSU-Politiker halten eine solche Verfassungsänderung für unnötig. Für eine Änderung des Grundgesetzes ist in Deutschland eine Zwei-Drittel-Mehrheit in Bundestag und Bundesrat nötig.    

Nun sind  40.000 Unterschriften vergleichsweise wenig, wenn man bedenkt, dass das jetzt in Deutschland gestartete Google Street View 250.000 Gegner und Verpixelungsbeantrager auf den Plan gerufen hat. Allerdings kann man sprachliche Erscheinungen ja nicht verpixeln lassen. Obwohl? Wenn alle Imbissbudenapostrophe  zwischen  Leberkä’ssemmel und Kaffee Togo jetzt hinter blickdichten Scheiben verschwinden würden … 

 Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, GELESEN, KONTROVERSES, WISSENSWERTES


Kommentare

  • Markus |  21.11.2010

    Ui, diese Zahlen sind wirklich interessant. Da sieht man mal, was den Deutschen wirklich am Herzen liegt. Ihre Muttersprache scheint es ja weniger zu sein.

  • Tom |  12.12.2010

    Ich finde das ja sehr schade. Es wird viel zu wenig auf die eigene Sprache, auf die Kultur eines ganzen Volkes geachtet. Irgendwann sprechen alle die selbe Sprache, das ist dann zwar praktisch, aber hatl Einheitsbrei.

    Und wegen der Verpixelungsgeschichte: Das versteht ich nunmal gar nicht. Haben denn so viele Leute etwas zu verbergen?


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