Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Die Nanosprache

22. November 2010

 

Es gibt viele Dinge, die Menschen Freude machen, wenn sie kleiner werden: Die Steuerbelastung, der Bauchumfang, die Inflationsrate, die Heizkosten. Das sind alles Dinge, die jener Sphäre angehören, die wir abgehobenen Linguisten als “außersprachliche Wirklichkeit” ansehen. Wir finden kleine Kinder und Tierjunge niedlich und “süß” . Es war Konrad Lorenz, der bestimmte Merkmale erkannt haben wollte, die es braucht, um diese Gefühle in uns zu erwecken. Er prägte für sie das Wort vom “Kindchenschema“.

Man könnte meinen, dass auch die Sprache ein solches hat. Sprachlich haben wir auch die Möglichkeit, von Wörtern eine “kleinere Ausgabe” herzustellen. Diese Verkleinerungsform heißt Diminutiv (auch “Deminutiv” ist gängig). Dahinter steckt natürlich mal wieder das Lateinische ( deminuere = verringern).Diminutive haben die Eigenschaft des “Verniedlichens”.  Im Deutschen schafft man diesen Schritt zum Niedlichen mit der Endsilbe ”-chen” und (seltener)  “-lein”. Das “-lein” geht zurück auf das mittelhochdeutsche “-lîn”.

Süddeutsch und österreichisch ist die Bildung des Diminutivs mit dem Suffix „-erl“ wie etwa in „Dacherl“. Schon erstaunlich was so ein Suffixerl bewirken kann.

Manche Suffixerl treiben die Niedlichkeit gewissermaßen auf die Spitze; und was ist- wenigstens phonetisch – schon spitzer als der Buchstabe “i”. Dieses wird in seiner diminutiven Mission bekanntlich ganz besonders von den Medien geliebt und sehr besonders von einer bekannten deutschen Tageszeitung. Irgendwie scheinen vor allem Prominente aus der Welt des Sports mit dem “i” verbandelt, das war schon bei “Klinsi” so und  natürlich bei “Schumi”.  Das  ist doch supi. Gäbe es ein Messgerät für die diminutive Wirkung von Suffixen, wie könnte es heißen? Ich schlage vor: das Nanometer. Nur ein Scherz, nur ein Scherz …

Und dann gibt es Wörter, an die kann man kein Diminutivsuffix anhängen, weil sie selbst bereits Diminutive sind. Etwas  „Kaninchen“, das etymologisch auf das mittelniederdeutsche „Kanin“ zurückgeht.

Irgendwie scheint es auch ein Süd-Nord-Gefälle zu geben. Besonderer Beliebtheit erfreut sich der Diminutiv  in den alemannischen Dialekten, im Schwäbischen, Badischen und  den schweizerischen Dialekten, während er im im Hamburger Platt kaum verwendet wird. Denn dort ist ein ein kleines Mädchen eine ” lütte Deern” und nicht ein: Ja, da haben wir’s, ein “Mädchenchen” gibt es nicht, weil das Wort “Mädchen” eigentlich auch schon wieder ein Diminutiv ist , was viele wohl nicht mehr wissen. Auch nicht, dass es die Verkleinerungsform von “Maid” ist, jenem Wort, das – 1971 von Tony Marshall mit dem Wort “schön” gekoppelt – von vielen nur noch in dieser Form memoriert werden dürfte. Aber außer Schlager- dürfte es auch Heavy-Metal-Fans etwas sagen, denn das englische Wort “maiden” (genau: Die von “Iron…”) ist damit verwandt.

Die Diminutive sind aber nun nicht so einfältig, dass sie immer nur verniedlichen würden; nein, sie können richtig fies werden, die Diminutive, und unmissverständlich klarstellen, was man von jemands Kompetenz hält – nämlich nichts. Diese Funktion wird sichtbar in der Redewendung, man solle gleich “zum Schmidt und und nicht zum Schmidtchen gehen”, sich also gleich an den richtigen Fachmann oder den tatsächlichen Zuständigen wenden. Und nicht an einen Halbwissenden oder Subalternen, nach dessen erfolglosen Bemühungen man eben doch einen echten Könner aufsuchen muss.

Schon ein Teufelskerl, dieser Diminutiv, aber bei aller Vielseitigkeit ungeheuer gefühlvoll.  So sehr, dass es bisweilen auch zu einer gewissen Verharmlosung kommt. Ein “Bierchen” enthält zumindest sprachlich schon weniger als ein “Bier” und das “Gläschen” Wein würde es auch objektiv tun, wenn man es wörtlich interpretiert als kleines Glas und  damit vielleicht ein “Achtele” meint.  Ob Sie nun Bier oder Wein bevorzugen: Beim Anstoßen können Sie “Stößchen!” sagen: Das ist nämlich erstens ein Diminutiv und zweitens so cool, dass man es öfters im Fernsehen hört. Das Stößchen ist auch ein Dortmunder Bierglas, zu dessen Geschichte man in Wikipedia erfährt:

“Die Dortmunder Innenstadt war durch die Eisenbahnlinie der Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft von der Dortmunder Nordstadt getrennt und zunächst gab es am Burgtor in Richtung Münsterstraße keine Unterführung. Menschen, welche die Eisenbahnlinie in Richtung Nordstadt queren wollten, mussten hier häufig vor geschlossenen Schranken warten. Aufgrund der stark frequentierten Eisenbahnlinie wurden die Schranken teilweise nur sehr kurz und unregelmäßig geöffnet. Ein Wirt einer anliegenden Kneipe erkannte das Potential und servierte fortan den wartenden Bürgern das Bier im schnell zu konsumierenden Stößchen.Das Stößchen, als kleine, schnell zu konsumierende Menge Bier, wurde sehr schnell beliebt und auch dann von vielen anderen Kneipen Dortmunds angeboten.”

Aber auch nach zig Stößchen, schreiben Sie bitte nie:

Nein, auch dann nicht, wenn Sie mit Ketchup auf die Kneipenwand schreiben, denn auch nach der Rechtschreibreform gilt: Nach Langvokal steht “ß”.

Hallöchen, dieser Artikel ist nun schon ganz schön lang, daher für heute: Tschüssi!

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FACHLICHES


Kommentare

  • Markus |  29.11.2010

    Zitat: “Das ist nämlich erstens ein Diminutiv und zweitens so cool, dass man es öfters im Fernsehen hört.”
    Naja, sag ich jetzt mal nichts zu…


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