Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Erinnerungen an Sara

16. November 2010

Diesen  Monat berichtete die FAZ über eine neue amerikanische “Dichterschule” – die Flarf-Poeten. Das sagt Ihnen trotz Ihres Amerikanistikstudiums nichts und das Wort “flarf” haben Sie auch nicht in PONS.eu gefunden? Das liegt daran, dass es so neu ist ( wir werden sehen, dass es so neu auch wieder nicht ist) und dass “flarf” als Wort der englischen Sprache gar nicht existiert.

Während in Deutschland kaum von  Flarf geredet wird, gibt es in den US of A ein Flarf-Kollektiv, das zum Dichten die Suchmaschine Google heranzieht. Flarf-Erfinder Gary Sullivan definiert: „Flarf besitzt die Eigenschaft des Flarfigen.“  Aha, aha, aha, da, da, da muss der Sinn liegen!

Flarf -Poeten googeln zum Beispiel zwei disparate Suchbegriffe wie  ,Latex’ und ,Michael Jackson’“, kopieren einige Textstücke aus der Ergebnisliste von Google in ein Word-Dokument und bearbeiten sie. Das Gedicht schicken sie andere Dichter, die es mit erneuten Google-Prozeduren weiterschreiben.

Letztes Jahr im Sommer widmete das amerikanische „Poetry Magazine“ dem Kollektiv ein „all flarf issue“. Über Flarf wird sogar promoviert.

Gewissermaßen einen Flarfisten hat auch Deutschland   – Dirk Schroeder. Ein Nichtwerk Schroeders beschäftigt sich mit der Fußball WM 2006, gesucht hatte er nach „Fußballgedicht“ und „Schlachtenmaler“:

„Jede Woche Turnstunde der großen Elf / und es sind Mädel im Spiel aus Stahl / die halten den Ruhm, den Ball im Arm / jagen die Jungs in Schlachten hinein / und Deutschlands Mannschaft stürmt / zum Sport das Wort: Tor, Tora Bora.“

All das erinnert an – vieles: Zum Beispiel an das in der anglophonen Literaturszene existierende Konzept der Found poetry ,  die  in allen möglichen Texten und Weltausschnitten Rohmaterial findet . Eine Weiterentwicklung  davon , die Slatepoets,  kennt ein berühmtes Beispiel von  Hart Seely, der in  einem News Briefing von Donald Rumsfeld vom  12. Februar 2002 – nun, Poetisches Material entdeckte:

As we know,

There are known knowns.

There are things we know we know.

We also know

There are known unknowns.

That is to say

We know there are some things

We do not know.

But there are also unknown unknowns,

The ones we don’t know

We don’t know.

Das ist nun alles so ultramodern, so avantgardistisch, das hat es noch nie gegeben. Noch gar nie? Am 18. Oktober 1922 wird in Wintherthur Ulrich Gaudenz Müller geboren. Der Schweizer Pionier der Computerlinguistik entwickelte gemeinsam mit dem Germanisten und Computerlinguisten Raimund Drewek bereits ab 1981 ein System zur Textgenerierung  genannt SARA(Satz-Random-Generator).

Müller, der auch Arzt und promovierter Ägyptologe war, und Drewek ließen SARA verstehbare Texte erzeugen auf der Basis eines Zufallsgenerators und unter Verwendung von Selektionsregeln.  Sara sollte die menschliche Textproduktion imitieren; anstelle der Phantasie des Schriftstellers tritt der Zufallsgenerator. Die Macht des Zufalls prägt diese Texte. Randomisierte Geschichten verfügen über eine erstaunlich hohe Akzeptanz. Der stochastische Textgenerator ermöglicht Stilimitationen, die kaum mehr als Artefakte erkannt werden können. Die Celan-Variationen “erstrahlen” durch die Magie des Zufalls; sie zeigen zudem die Dominanz der syntaktischen Struktur. Werden die syntaktischen Nischen eines Celangedichtes nicht mit Zufallsworten aus dem Celanlexikon, sondern mit Zufallsworten aus dem Nietzschelexikon gefüllt, so bleibt das Gedicht ein “Celan-Gedicht”; die syntaktische Struktur dominiert.

DIE ZEIT bewunderte 1997 “Sara, das Computerprogramm, das dichten kann”.  Seit 1984 programmierte Müller  die  ”Poetikmaschine”, die im Rechenzentrum der Universität Zürich auf einem IBM-Großrechner lief. 

“Sara ist hübsch”, attestierte Müller der digitalen Dichterin, sie sei poetisch, interaktiv und trage menschenähnliche Züge.

Der  ”Sprachkörper-Konstrukteur”  – diesen Ausdruck bevorzugte Müller für sein Tun -  dissertierte über das Thema “Computerlinguistische Studie an 315 altägyptischen Göttersprüchen”. Dass er die Texte, die er auf Sarkophagen fand, nicht bloß mit dem Computer entschlüsselte, sondern darüber hinaus mit dem Zufallsgenerator auf zauberhafte Weise vermehrte, gefiel seinem Professor gar nicht. “Für ihn war das schon fast Leichenschändung.”

Germanisten brach  der Schweiß aus, wenn Müller ihnen Saras literarische Kreationen vorlegte und sie aufforderte, aus einem Dutzend Gedichten frei nach Celan das Original herauszusuchen. Worin liegt bloß der Unterschied?

“Schriftsteller sind biologische Rührwerke für den Bilderschlamm des Menschen”, behauptet Müller mit Inbrunst, “und Sara ist ein synthetisches, interaktives Rührwerk. Schriftsteller produzieren biologisch-geistige Drogen. Sara produziert synthetisch-geistige Drogen. Am Schluß kommt es auf das gleiche heraus. Gegenwärtig speichert Sara die Sprachwolken und Texttopographien von 31 Autorinnen und Autoren, von Bernhard, Brecht, Celan, Goethe bis zu Jandl, Joyce, und Kafka. Insgesamt sind bloß ein paar tausend Wörter zusammengekommen, doch die Kombinationsmöglichkeiten sind fast unendlich. Denn Sara vermengt gnadenlos Goethe mit Jandl, Joyce mit Brecht – aber auch jeden mit sich selbst. ”

Die ZEIT resümierte 1997: “Wo immer Sara öffentlich auftritt, sei es bei Literaturtagen, Ausstellungen oder Kolloquien, löst sie heftige Emotionen aus. Denn was hat uns der Computer nicht schon alles geraubt? Er spielt besser Schach als die Großmeister, übersetzt Texte in alle Sprachen, und selbst die neue deutsche Rechtschreibung haben wir ihm anvertraut.”

Die deutsche Rechtschreibung? Hmmm …. ich glaube, mir gefällt SARA; die “Rechtschreibung ” war 1997  auch wirklich in gewissem Sinne “neuer” als heute, 2010. Aber vertrauen würde ich rechtschreiblich einem guten Nachchlagewerk, gerne auch per Computer präsentiert.

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FUNDSTÜCKE, GELESEN, POESIE, WISSENSWERTES


Kommentare

  • Brigitte |  17.11.2010

    Mich erinnert das ganze ‘flarfen’ irgendwie an Oulipo: http://de.wikipedia.org/wiki/Oulipo
    Auch eine sehr interessante Art, um Texte zu entwicklen.


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