Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Jupiter online – von behaltenen Fehlern und tiefen Nasen

03. November 2010

Dies ist eine kleine Auswahl von Funden aus einem populären Forum für gute Fragen :

“Viele Antworten und Fragen enthalten Unmengen von Rechtschreibfehlern, dass ich zum Teil schon kleine [sic] Lust mehr habe, jemandem zu antworten der sich offensichtlich nicht die geringste Mühe gibt. Auch scheint die Verwendung des Konjunktivs oder Genitivs für viele ein Ding der (vielleicht gewollten) Unmöglichkeit zu sein. Sind die Betroffenen dann wohl in der Lage, es in wichtigeren Lebenslagen besser zu machen ?”

“Ich könnte ja Toleranz zeigen bei Flüchtigkeitsfehlern oder Abkürzungen oder Jugendsprache… Aber es regt mich gerade sehr auf, dass noch nicht einmal die eigentliche Frage in Frageform geschrieben wird…, nein, da werden einzelne Wörter hingeworfen, die man als Frage verstehen soll (und der Support beanstandet das nicht einmal…”

“Irgendwann vermüllt … [Name des Forums]  im Buchstaben-Chaos, wenn sich niemand an die Regeln hält…”

“ Manchem fällt es eben leicht, richtig und grammatisch korrekt zu schreiben, anderen macht es Mühe. Wenn man den Sinn einer Frage erkennt und einen Rat weiß, sollte man nicht die (gebildete) Nase so hoch tragen und nur deshalb nicht antworten, weil man sich an den Fehlern stößt.”

“Ich denke doch. Du hast ja auch “kleine Lust” und einen derben Kommafehler. Wir sind hier im Netz und nicht im Deutschkurs; wenn dich fehlerhafte Fragen stören, dann antworte halt nicht darauf.”

“weil es vielen einfach zu blöd ist auf die rechtschreibung zu achten. zu mindest den jugendlichen”

“Und bei Rechtschreibung und Grammatik denken viele an die Schule oder zurück an ihre Schulzeit und die wird eher als lästig und unangenehm empfunden. Deshalb glaube ich legen viele keine Wert auf Rechtschreibung und funktionierende Grammatik. ;-)

Ich habe  diesen Originalzitaten bewusst breiten Raum gegeben. Warum? Ich meine, die Statements zeigen in schönster Weise einige … ja, nun was? Trends vielleicht? Tendenzen? Ich scheue mich ein wenig vor der Festlegung auf einen Begriff, denn wir haben ja keine quantitativen Belege, keine statistischen Fakten, haben keine Umfrage durchgeführt, haben nur unsere eigene Wahrnehmung bei der Bewegung im deutschsprachigen Netz. Ein beständiger Begleiter ist mir dabei die Wahrnehmung des Widerspruchs. Es gibt die konservativen Stimmen, die auch online  ein wenigstens halbherziges Bekenntnis zur geltenden Orthografie und Grammatik erwarten. Solche Menschen würden sehr wahrscheinlich auch ihre privaten E-Mails nicht in konsequenter Kleinschreibung abfassen und firmeninterne schon gleich gar nicht.  Eine gewisse Sympathie für diese Haltung verhehle ich nicht. In der Vermüllung eines Forums (ihres Forums) erkennen sie einen Indikator für bedrohlichen Kulturverfall. 

Diesem Lager steht ein anderes (kleineres/größeres?)  gegenüber, auf dessen Flagge das sattsam bekannte  ”Wer Rechtschreibfehler findet,  darf sie behalten”  maßvollen Witz mit rechtschreiblicher Nonchalance zur späten Rache am Deutschlehrer amalgamiert. Der Verein Traumatisierte des Deutschunterrichts e.V. rückt rechtschreibliche Korrektheit fast schon in Nähe zur Arroganz. Ganz pragmatisch wird dazu geraten,  fehlerhafte Posts allenfalls  mit Nichtbeantwortung zu strafen. Merke: Auch eine  gebildete Nase hat man tief zu tragen. Das erinnert ja fast an Adam Soboczynskis ZEIT ONLINE-Artikel (“Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird”).

Das Thema ist – bei Licht besehen – viel komplexer: Einer der obigen Kommentatoren will bei “Jugendsprache” “Toleranz zeigen” ( “Begibbe misch krade gramamatikalisch auf HIP-HOP-Niewoo!”), ein Blick in einschlägige Foren zeigt aber, dass Rechtschreibung auch für Jugendliche ein Thema ist:

“hiSauDumm16000!
Wenn du eine Umfrage machen willst weshalb benutzt du dann nicht die entsprechende Funktion dieses Boards? Übersteigt das deine Fähigkeiten oder stänkerst du nur gerne herum???
Du solltest mehr auf deine Rechtschreibung achten!
Oder soll das hier ein Ratespiel sein? ”

“Wollen hier einen auf big gansta rapper machen und kriegen nicht mal die
einfachste Rechtschreibung auf die Reihe”

Blicken wir andererseits in die Blogs. Der soziale Status der Autoren ist nicht selten  hoch, ihr Bildungsabschluss mit  Sicherheit auch, ihr Thema branchenbezogen, aber anspruchsvoll.  Im Irrtum ist, wer glaubt, hier werde übermäßig auf Rechtschreibung geachtet. Erstaunliches liefert die Soziologie:

“Das “l’état c’est moi!” des Louis XIV. oder die römische Sentenz “Quod licet Iovi, non licet bovi” (“Was Jupiter darf, ist dem Ochsen noch lange nicht erlaubt”) beschreiben genau diese Tatsache: Dem Regelverstoß folgt (a) keine Sanktion und (b) der Handelnde gewinnt an sozialem Ansehen … der Effekt der negativen Verstärkung subjektiv konsequenzenloser Regelverstöße konnte wiederholt nachgewiesen werden …  Die Wahrscheinlichkeit, gegen die Regel zu verstoßen, wird umso größer, je häufiger dies bisher straflos möglich war. Ab einer relativen Häufigkeit von etwa 80% “erfolgreicher” Regelverstöße wird die Regel überhaupt nicht mehr eingehalten; sie ist subjektiv “ungültig”, der Regelverstoß ist die neue Norm ( Musahl, H.-P. & Müller-Gethmann, H. (1994). Beinahe-Unfälle: Ein für die Theoriebildung und für die sicherheitspsychologische Anwendung “notwendiges” Konstrukt. In F. Burkardt & C. Winklmeier (Hrsg.), Psychologie der Arbeitssicherheit. 7. Workshop 1993 (431-446). Heidelberg: Asanger.)
Aber das ist ja alles auch nicht wirklich neu. E-Mails waren die erste Form elektronischer Kommunikation, die linguistisch untersucht wurde (z.B.  HOLLAND, Gabriele/WIEST, Georg (1991): Electronic Mail als neues Medium organisatorischer Kommunikation. Augsburg.) Bereits hier wird dargelegt, dass jede neue Form technisch vermittelter Kommunikation (…) zugleich eine Veränderung damit verbundener Regeln mit sich (bringt) und (…) diesbezügliche Anpassungsleistungen (fordert).  Wir lesen in der eetiquette:

Wir ergänzen gedanklich: “mit falscher Zeichensetzung und falscher Rechtschreibung”.
Wir bewundern die subtile Technik, mit der die Regel den Effekt des Gesagten selbst demonstriert.
Wir fragen uns nach der Zahl der  Schreiber (einige? sehr viele? immer mehr?),  die hinter “faul” “cool” ergänzen würden.
 
 Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FACHLICHES, GELESEN, KONTROVERSES, LEXI


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