Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Psychologie des Bloggens

11. November 2010

 

Jede Tätigkeit muss wohl zwangsläufig früher oder später zu einer Reflexion ihrer selbst führen, so auch die des Bloggers. Man fragt sich – bloggend  – nach der Psychologie des Bloggers. Nach der Psychologie des Bloggers fragen auch einige andere interessante Beiträge. So zitiert  die Welt im Oktober den BBC-Moderator Andrew Marr: “Viele Blogger scheinen sozial unzulängliche, verpickelte, alleinstehende, etwas schäbige, kahlköpfige, knubbelnasige junge Männer zu sein, die in Mamas Keller sitzen und herumzetern.”

Man lasse  dies auf sich  wirken. Was empfinde ich? Freude! Ich entdecke, dass sich verpickelt und knubbelnasig noch nicht in PONS Die deutsche Rechtschreibung befanden. Das wird jetzt nachgeholt. Auch als Blogger bleibt man Lexikograf.  Einen anderen interessanten Diskurs über das Bloggen als solches entdeckte ich wenig später:

 ”Um in Deutschland als Blogger erfolgreich zu sein, muss man entweder ein Trüffelschwein sein – also interessante Dinge als einer der Ersten ausgraben – oder unterhaltsam schreiben können. Das Beherrschen der Schriftsprache spielt dabei kaum eine Rolle: Es gibt erfolgreiche Blogs, die von Menschen betrieben werden, die keine drei Sätze unfallfrei formulieren können. Wichtig: Fehler dürfen gemacht und eingeräumt werden. Angesichts einer Leserschar, die sehr wahrscheinlich über mehr Wissen verfügt als man selbst, wird man schnell zu Staub und hat sich in eben diesen zu werfen, sobald man sich irrt. ”

 Gehaltvolle Sätze.  Wie fühle ich mich? Bestätigt! Als Lexikograf war ich doch schon immer Trüffelschwein. Wir Lexikografen wühlen leidenschaftlich in Sprache und quieken vor Vergnügen über ein gefundenes neues Wort. Unterhaltsam schreiben? Das muss ich Ihrem Urteil überlassen. Das Beherrschen der Schriftsprache? EINSPRUCH! Siehe dazu das Motto unseres Blogs. Und dass Sie als Leserschar uns zu Staub machen wollten, habe ich eh nie geglaubt. Dafür haben Sie uns schon zu viele schöne Wörter aus Ihrem Sprachschatz überlassen. Hierfür wieder einmal ein Dankeschön.

 Mit großer Neugier stieß ich dann schließlich hier unter der Lust auf mehr erweckenden Überschrift “Dokumentation dörflichen Bloggens”  auf eine “Analyse verschiedener Blog-Charaktere”.

 ”Viele Philosophen, besonders die Griechischen, beschrieben in verschiedenen Tugendmodellen die Charaktere der Menschen, und welche Tugenden ihnen inne wohnen [sic; schönes Wort, aber man schreibt es "innewohnen"]. (…) Anhand der verschieden Blogs lässt sich also sowohl feststellen, welchen Charakter der Autor aufweist, als auch wie er sich in dem Blog-Universum …  präsentieren will, unabhängig davon, ob er anonym oder unter seinen tatsächlichen Namen im Internet auftritt. Also wollen wir ein Charaktermodell entwerfen, welche die verschieden Blogs analysiert und anschließend einer kollektiven Kritik unterzieht.”

 So schaut’s aus, meine Herrschaften, die alten Griechen haben es mal wieder gewusst. Da haben wir zunächst mal den  “1.Charakter” und seinen” poetisch/politisch/philosophischen Blog”.

 ”Der Blogautor des poetisch/politisch/philosophischen Blogs gibt sich intellektuell, will nicht dem Blog-Mainstream entsprechen, grenzt sich meist schon in seinem ersten Einleitungstext vom Hype des allgemeinen Bloggens ab und entschuldigt sich schon mal im Voraus, dass auch er von der „Blogomanie“ befallen wurde. Er gibt vor, sein Blog würde ein bestimmtes Ziel verfolgen, und sich an bestimmte Richtlinien halten.”

 Der “2.Charakter” nimmt den Weblog-Gedanken wörtlich, dernn er betriebt ein “Internet-Tagebuch”:

 ”Der Blogautor des Internet-Tagebuches legt nicht viel Wert auf bestimmte Richtlinien, oder Vorgaben, an die er sich zu halten hat. Er schreibt fast ausschließlich über seine eigenen Erlebnisse, bevorzugt über jene, die er mit anderen BlogautorInnen erlebt hat. Die Einträge des Internet-Tagebuches sind oft oberflächlich, wenig politisch, und fast nie philosophisch. ”

 Der “3.Charakter” bloggt unter dem Motto  „Weil meine Freunde bloggen, blogge ich auch“.

 ”Dieser Blogcharakter, ist zumindest in der Blog-Welt, ein äußerster Mitläufertyp.”

 Und dann stieß ich in einem weiteren Blog doch noch auf eine erhellendere Frage:

 ”Wo waren eigentlich die Leute, die heute Blogs betreiben, zu einer Zeit, als es noch gar keine Blogs gab?”

 Dann wird berichtet: “In den späten 80er Jahren hatten einige Münchner Studenten die Idee, ein “Buch für alle” herauszubringen. Jeder Mensch dürfe eine DIN-A4-Seite beschreiben, vollmalen, dichttippen, was auch immer, und an ihren Verlag faxen. Diese Faxsammlung banden sie unterschiedslos in der Reihe des Eingangs zusammen und veröffentlichten sie unter großem Getöse als Buch. Unter dem Titel “speak. Akten All” erschien der 650-Seiten-Klotz dann, und auch bei mir verstaubt noch solch ein Block aus Papier in irgendeinem Winkel (Interessenten wenden sich bitte an den Verfasser). Schon beginnen die Parallelen zur heutigen Blogwelt, auch wenn alle Analogien bekanntlich hinken:

1. Das Buch war tatsächlich ein ‘Jedermann-Medium’, heute die Definition für Blogs schlechthin.

 2. Das Buch enthielt einige geniale Sachen, aber auch viel Schrott. Nach der Parallele zur Blogosphäre mag sich jeder selber bücken.

3. Kommerziell war das Ganze ein grandioser Flop, der den Jungverlegern die Haare vom Kopf fraß. In seinem taz-Blog berichtet Jörg Schröder die ‘wahre Geschichte’ des Lustprojektes, wo zum Schluss Verlagspaletten voller Remittenden die Hauptrolle spielen, die einfach in der Isar verklappt wurden. Und wieder liegt die Analogie auf der Hand: Auch in der Blogosphäre fragen sich zahllose Leute, wo beim Bloggen endlich mal irgendein Verdienst dabei sein könnte.

 Fazit also: Grammatik und Orthographie sind schön und gut. Und wer sie beherrscht, soll froh sein. Wichtiger aber ist eine andere Fähigkeit: Kann ich eine Geschichte so aufbauen, dass sie interessant ist, dass sie Witz versprüht, dass sie bildhaft ist, dass sie den Leser bei der Stange hält und auf eine möglichst unwiderstehliche Pointe zuläuft? Mit anderen Worten: Kann ich erzählen? ”

 Wir bekräftigen zunächst, dass Grammatik  UND ORTHOGRAPHIE wirklich schön und wirklich gut sind – und dass sie vor allem nur dann schön sind, wenn sie auch gut sind. Ihre Beherrschung ist ein Grund zur Freude. Der versprühte Witz dürfte allerdings – und das ist unser Bedenken – nur ein bemühter Witz bleiben und die Stange sich gegen den Leser richten, wenn  Graf Ortho die Texte nicht mit seiner Präsenz adelt.

 Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, GELESEN, KONTROVERSES, SPRACHROHR, WISSENSWERTES


Kommentare

  • Markus |  13.11.2010

    Also ich glaube, bloggen ist/war hauptsächlich ein Massenphänomen, dass sich inzwischen schon wieder auf dem absteigenden Ast befindet. Zumindest liegen die meisten Blogs meiner ehemals regelmäßig bloggenden Freund inzwischen brach. Der erst Hype ist vorbei, und so mancher hat wohl einfach keine Lust mehr.

  • Rolf Lübbers |  14.11.2010

    Ein wunderbarer Artikel, spricht er mir doch aus der Seele. Insbesondere der Satz:”Grammatik und Orthographie sind schön und gut. Und wer sie beherrscht, soll froh sein”. Trifft ganz und gar auf mich zu; Rechtschreibung war für mich immer ein Problem, doch ein Trost bleibt, da bei der nächsten Rechtschreibreform eventuell das dann wieder richtig ist, was ich heute falsch schreibe. Bloggen ist für mich eine Art Zwiegespräch. Die Möglichkeit über das zu sprechen über was ich in meinem Blog schreibe habe ich hier (z.Zt. lebe ich in einem Dritte Weltl Land).
    Dabei ist für mich der Erfolg Zweitrangig. Die (große) Leeserschaft haben diejenigen, den es vergönnt ist, ihren Blog auf einer NET.-Zeitung veröffentlichen zu können. Doch solange es mir spass macht und die Zeit es mir erlaubt und ich meine Faulheit dabei überwinden kann, schreibe ich weiter, und meine Grammatik ist mein Schreibstil.
    Gruß
    Rolf Lübbers

  • Sonja Nemeth Hagn |  21.11.2010

    Hallo, alle Grammatiker- und auch Nichtgrammatikerfrunde. Wo ist denn unsere schöne Sprache geblieben? Wir sind doch als gute Denker und Perfektionisten bekannt gewesen. Sind wir schon so denkfaul und passen wir uns immer mehr den Trends de Amis an oder könnten wir unsere Personalität beibehalten, was meint ihr???
    “Oder gefellt euch, das lesen oder sage, wen ander gleuben? Nach meine Meinud is das schlimm, dass mann so ein Text lesen soll.”
    Dass Englisch mal die Weltsprache ist, zeigt uns, dass das eine sehr einfache Sprache ist, mit der man sich schnell weiterfindet. Aber soll das unseren auf der ganzen Welt bekannten Qualitätssinn beeinflussen? Seit 21 Jahren lebe ich in spanischsprechenden Ländern und gebe seit 13 Jahren Nachhilfeunterricht in einer deutsch-spanischen Schule, wo sie so jemanden wie ich brauchen und wo ich stolz darauf bin, den Schülern das “richtige und perfekte” Deutsch beibringen kann. Stellt euch mal vor, so ein Schüler lernt unsere Sprache nur in der Schule, geht dann nach Deutschland und sucht einen höheren Posten. Würde er einen finden, wenn sein Deutsch sosolala gelernt ist? Man sagt, dass die deutsche Sprache 250000 Verben besitzt. Wäre das nicht genug, ohne neue dazuzusetzen. Wäre es nicht besser, diejenigen richtig ausdrücken zu können, anstatt neue zu erfinden.
    Also, kämpft gegen die Denkfaulheit an; diejenigen, die selbst wahrscheinlich kein gutes Deutsch können.
    PS: Ich gab sogar ein Gramm-Buch heraus, mit dem die anscheinend “schwere” deutsche Sprache relativ vereinfacht wird und mit dem man auch mit viel weniger als den 250000 Verben alles grammatikalisch und ortografisch richtig ausdrücken kann, ohne die Qualität zu verlieren. Aber da es ja anscheinend keine zweisprachigen, einfach beschriebenen Gramm-Bücher gibt, fand ich bis jetzt keinen Verlag dafür und verkaufe es nur hier an meine Schüler. Es ist schade, denn die deutsche Sprache “einfach aber richtig” zu lernen, wäre meiner Meinung nach der beste Ausweg aus dem Dilema der “schweren” deutschen Sprache.
    Denkt darüber nach und bleibt eurer Nationalität und eurer so reichen Sprache treu.
    Falls irgendwer Interesse hat, mein Buch kennenzulernen, um es herauszubringen, kontaktiert mich.
    Liebe Grüße
    Sonja Nemeth

  • Sabine Pointner |  03.09.2012

    Bloggen ist im Prinzip ein öffentliches Tagebuch und Kommentare zum Leben anderer. Kann durch Mobbing natürlich schlechte Auswirklungen haben, jedoch auch sehr positive, wenn man bedenkt, dass fremde Menschen mit deren Kommentaren einem wirklich helfen wollen.


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