Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Sick of Bastian?

25. November 2010

 

Denn nur dem Reinen offenbart sich das Reine.
(Friedrich Wilhelm Schelling, Über die Natur der Philosophie als Wissenschaft)

Der  Verein deutsche Sprache e.V. (VDS)  und der Verein für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland e.V. (VDA)  haben über 46.000 Unterschriften an den Präsidenten des Bundestags, Norbert Lammert übergeben. Die Unterzeichner fordern eine Ergänzung in Artikel 22a des Grundgesetzes „Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch.“ (der Deutschblog berichtete am 19. November).

Diese Zahl ist gemessen an z.B.  250.000  Google-Street-View- Gegnern (und Verpixelungsbeantragern) nicht gerade riesig, klein ist sie aber auch nicht und sie gibt Grund zum Nachdenken über das Phänomen des Sprachpurismus.

Sprachpuristische  Bestrebungen haben neben der linguistischen immer auch eine andere Seite. Auch wenn man diese nicht “ ideologisch” nennt, so ist es auf jeden Fall eine hochemotionale  Seite.  Das ist sichtbar an den Orten, an denen Bestrebungen wie die des VDS diskutiert werden, in den Blogs  etwa, an der Heftigkeit, mit der die Diskutanten ihre jeweilige Position verteidigen.

Der Verein deutsche Sprache e.V. wurde 1997 von dem Düsseldorfer Wirtschaftsmathematiker Walter Krämer gegründet. Nach eigenen Angaben über 18 000 Mitglieder stark, finden sich in seinen Reihen auch prominente Mitglieder wie Liedermacher Reinhard Mey oder Kabarettist Dieter Hallervorden. Jährlich publiziert  er eine Anglizismenliste, die aktuell mehr als  5000 Wörter umfasst. Diese Listen enthalten Übersetzungsvorschläge für englische Wörter im deutschen Sprachgebrauch, die Krone der Unrühmlichkeit setzt der Verein alljährlich dem “Sprachpanscher des Jahres” auf, das heißt einer des verschärften Denglisch überführten Person oder Institution.

Sprachpuristische Aktivität in Deutschland ist keine Erfindung der Neuzeit. Seit der Gründung  der “Fruchtbringenden Gesellschaft” 1617  erregte  die  “einmischung frembder außländischer wort”  bei manchen Anstoß und  Justus Georg Schottel vertrat die Ansicht, dass “der Enderung der Sprache [...] die Enderung der Sitten” folge. Anders ausgedrückt: Sprachwandel ist Kulturverfall, so ließe sich diese Sicht auf den Punkt bringen.

Als probates Mittel gegen den selbigen erschien den Sprachschützern auch damals die erst  später so genannte “Verdeutschung”.  Ein anderes Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft, Phillip von Zesen,  kreierte als erster Übersetzungen  für damals vorrangig gebrauchte lateinische und französische Wörter.  Das Wort “Rechtschreibung”  (statt Orthographie) ist sinnfälliges Beispiel für eine erfolgreich durchgesetzte Schöpfung dieser Art. Der  ”Gesichtserker ” (statt Nase) erscheint uns dagegen heute nur lustig.

Gewissermaßen oberster “Verdeutscher” aber  war Joachim Heinrich Campe,  der der breiten Masse im deutschen Sprachraum das Verständnis von Texten erschließen wollte, die  zu dieser Zeit noch weitgehend lateinische und französische Vokabeln bemühten

Während sprachpuristische Verdeutschungsbestrebungen auch heute den tatsächlichen gegenwärtigen Status der betreffenden Wörter im Sprachgebrauch vernachlässigen, scheinen mir ihre Gegner nicht selten etwas anderes zu vernachlässigen. Die von ihnen vorgebrachten logisch-rationalen, linguistischen Argumente verfangen nicht, weil sie auf die Aufgeregtheitsebene der Puristen und der den Puristen applaudierenden Sprachlaien von oben herabblicken, doch der coole Verweis auf das vorgeblich “Wissenschaftliche”  dockt nicht an bei jenen, die mit  dem Ersatz deutscher durch englischer Wörter am Verlust von Gefühlen und Konnotationen leiden, auch wenn sie dafür keine Termini haben, nur eine aus Beunruhigung erwachsende Aufgebrachtheit.

Die Sprachkritik und ihr Bestreben um “Reinhaltung” scheint selbst kaum “rein” bleiben zu können, sie neigt dazu sich zu verbinden – mit dem Hochmütigen, den Dumpf-Ideologischen oder dem Kommerziellen. Kein Wunder, dass sie daher bei manchen Kommentatoren erstaunlich heftige Reaktionen hervorruft, denn nicht unheftig ist es ja , wenn etwa die FAZ  konstatierte  “Der Zwiebelfisch stinkt vom Kopf her” und in einem Artikel erklärte, “warum der Sprachkritiker Bastian Sick so unglaublich nervt”.

Sick sei ein  Pedant und Besserwisser, der “ über die Deutschen gekommen sei wie ein Wahlkampf oder eine Werbekampagne. ” Er sei der Tröster, der “dringend gebraucht werde, wenn Menschen ”wo einst das Postamt war, staunend stehenbleiben vor dem Schild, auf welchem „Ihre Center Filiale“ steht, und irgendwie spüren, daß das weder deutsch noch englisch, sondern bloß gefährlicher Blödsinn ist.” Es seien ”Feiern der Irrelevanz, wenn Sick kolumnenlang Fragen beantwortet, die niemand gestellt hat; wenn er längst verblasste Floskeln und in Vergessenheit geratene Manierismen noch einmal mit der vollen Strenge der Grammatik konfrontiert. Und wenn er tatsächlich ein paar Seiten lang die Frage diskutiert, ob es „im Mai diesen Jahres“ oder doch „dieses Jahres“ heißen müsse, dann möchte man, absolut umgangssprachlich, nur noch stöhnen: „Oh Mann, hey, echt, dem seine Probleme möcht ich auch nicht haben!“

Sicks Publikum scheine “weniger aus jenen Leuten zu bestehen, die vor ihren Reisen die „Visas“ beantragen und „leckere Pizza’s“ auf die Tafeln ihrer Imbissbuden schreiben. Vielmehr scheinen es die zu sein, denen der Unterschied zwischen dem Dativ und dem Genitiv bekannt ist, normal gebildete Mittelschichtsbewohner, denen Sicks dumme Späße die angenehme Gewißheit verschaffen, daß es zu denen da unten noch ein ganzes Stück Wegs weit ist.”

Wenn das wirklich so ist, so könnte uns ein fiktiver Freund aus dem englischen Sprachraum nun  doch fragen: ” Aren’t you Sick of Bastian?” Doch gemach: Ist der Unmut am als sprachlich falsch Empfundenen wirklich auf uns Deutsche beschränkt? Nein, wenden Sie nun nicht ein, dass Sie die Geschichte von  “ordinateur” und “balladeur” schon kennen;  nicht vom Französischen ist hier die Rede, sondern vom Englischen. Auch die Sprache, die nach Meinung mancher aus dem Deutschen bereits das Denglische gemacht hat, kannte in ihrer wechselvollen Geschichte sprachpuristische Bestrebungen. In der Herausbildung des Frühneuenglischen gibt es da z.B. im 16. und 17. Jahrhundert den Streit um als unnötig wahrgenommene Lehnwörter, die so genannten ” inkhorn terms”. Mehr und mehr komplizierte Wörter lateinischen und griechischen Ursprungs kamen in das Englische und etwa der Gelehrte  John Cheke  schrieb: “I am of this opinion that our own tung should be written cleane and pure, unmixt and unmangeled with borowing of other tunges; wherein if we take not heed by tiim, ever borowing and never paying, she shall be fain to keep her house as bankrupt.”

Einen anderen, nur auf den ersten Blick komischen Aspekt des Themas zeigt 1989  der Science-Fiction-Autor Poul Anderson mit einem Text, in dem es über die Lehre von den Atomen geht: Uncleftish Beholding.  Der Text verwendet nur Wörter germanischen Ursprungs und sollte zeigen, wie die Englische Sprache ohne ”foreign borrowings” aussehen würde: 

“firststuffs have their being as motes called *unclefts*.
These are mightly small; one seedweight of waterstuff holds a
tale of them like unto two followed by twenty-two naughts. Most
unclefts link together to make what are called *bulkbits*. Thus,
the waterstuff bulkbit bestands of two waterstuff unclefts, the
sourstuff bulkbit of two sourstuff unclefts …”

Ein eindrucksvolles Beispiel, das zu denken gibt und die verdiensthafte Seite dessen zeigt, was in eine Sprache von außen Zugang findet. Goethe meinte schließlich: “Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, sondern dass sie es verschlingt.” Doch nicht alles Verschlungene bekommt einem bekanntlich gut; sprachliche Bauchschmerzen bekommt man vielleicht gar bei einer Meldung der Nürnberger  Zeitung über die geplante Benennung des Nürnberger Fußballstadions als “easyCredit-Stadion.” Goethes Gewalt der Sprache scheint hier von einer anderen Gewalt abgelöst, der des ökonomischen Zwangs: “Für die 2005 gegründete Betreibergesellschaft ist die Vergabe des Namensrechts wichtig. Mit dem Geld kann die Pacht an die Stadt bezahlt werden. Sie begleicht damit Zinsen, die durch den Umbau des Stadions entstanden sind.”

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FACHLICHES, KONTROVERSES, SCHEINWERFER, WISSENSWERTES


Kommentare

  • Markus |  26.11.2010

    Tja, ich denke man kann diskutieren und vorschreiben und sich beschweren wie man will: die Sprache (bzw. ihre Sprecher) entwickelt sich halt doch wie sie will.


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