Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Tanke Bastian!

09. Dezember 2010

Manche mögen keine Zwiebeln. Manche mögen keinen Fisch.  Zwiebeln und Fisch polarisieren. Manche essen gern im Stehen und manche lieber an einem Tisch.  Es gibt immer die Freunde des A und  die Verfechter des B.  Bastian Sicks Zwiebelfisch polarisiert auch. Es gibt die Sickophilen, die kaufen seine Bücher und geben ein dankbares Publikum ab. Und es gibt die Sickophoben. Von letzteren gibt es wahrscheinlich weniger. Man findet sie in  kritischen Sprachbiotopen, in der Satire, doch mitunter klingen die Anfechtungen recht ernst, wenn da einer meint, der Zwiebelfisch stinke vom Kopf her.  Besuch und Fisch stinken nach drei Tagen, weiß der Volksmund. Doch aus dem akuellen Zwiebelfisch wehte mich bereits bei Erscheinen etwas an, das nicht die rechte Identifikation mit den Sickschen Thesen bei mir aufkommen lassen will. Am I sick of Bastian? Nein. Bin ich sickophil oder sickophob? No, fragense mich was Leichteres. Tendenziell eher -phil. Der Mann schreibt schließlich über eine meiner Leidenschaften, die deutsche Sprache.  Die aktuelle Kolumne heißt “Tanke?Nein Danke!”  Mein Blick streift über den Bildschirm, Werbeschlieren liegen auf dem Online-Spiegel, die Wörter “Sex”, “Skandal” , “Flat” und “Nowhere Boy” flackern als blinkende Schnipsel der Bannerwerbung in mein Unterbewusstsein. Im Oberbewusstsein formen sie sich zu der Frage, ob sie mein Unbehagen mit dem Text erklären können.  Beginnen wir mit “Sex”. Nein , definitiv nicht. Die Sicksche Schreibe erschien  mir in vielen anderen seiner Elaborate von mehr Sexiness behaftet. Das Vorliegende ist kein Skandal, es geht hier nicht um Sprachgebrauch, der in Deutschland Skandalpotenzial hat. Ich glaube nicht, dass Sprachschützer sich einschalten werden, die dann wiederum von neoprofessoralen Bloggern zum Duell gefordert werden. Vielmehr drücken  Bastians diesmalige Einlassungen nowhere, oh boy, bei mir auf den Like-Button, weil sie mir “flat” erscheinen.

Fisch-Essenz: Sick ergeht sich diesmal in Betrachtungen über Wörter wie “Denke” oder “Schreibe”, über die er kritisch die Stirn runzelt, weil er sie als Vereinfachungen gegenüber den standardsprachlichen Wörtern wie “Denkweise” und “Schreibstil” auffasst. Auf Facebook findet man ja so ziemlich alles, aber Sick will dort sogar – auf dem Müllberg der  Sprache! – ein UDO (Unbekanntes Deutsch Objekt) namens “Frise” landen haben sehen. Aus dem UDO stieg eine kleine grüne “Tussi” aus; aus der Mündung ihrer CASD-Waffe (Coolness durch Abweichung vom standardsprachlichen Deutsch) flammte es: “Frise” – und es kam heraus, dass mit diesem extraterrestrischen Wort lediglich das altdeutsche “Frisur” gemeint war.  Donnerkeil!  Ist diese Geschichte nun erfunden? Google, das doch alles weiß, lieferte mir nur den “Spezialclub Frisé Freunde - ein Zusammenschluß von Frisé-Kanarienrassen-Züchtern”.  Vielleicht braucht es also einen Dienst  in der Art von Google UDOS, das zeigen könnte, welche Deutschmonster wirklich real herumlaufen .

Dann wird die “Mucke” ausgegraben; so konnte man Musik nennen, welche den Eltern suspekt war. Hätten die Damen und Herren Jugendlichen lieber Tristan und Isolde gehört, hätten sie es nicht Mucke nenen müssen, obwohl Wagner ganz schön mucken kann, sondern sie hätten beim Wort “Musik” bleiben können. Nicht Vereinfachung, Abgrenzung ist das Benzin des Streetcar Named Desire, das die Jugendsprache ist.

Und noch etwas: eine “Dissetation (sick!) machen” scheint mir ein seltsam hybrides Spaßgebilde aus “seinen Doktor machen” und “seine Dissertation schreiben”.

Bastians Freund Henry hat wenig sprachliche Nachsicht. Doch wenn schon das Loch im Spracheimer ist, dann stopf es, oh Henry. 

Bastians zweiter Audi TT-Besitzer- Freund musste dann “ noch schnell zur Tanke!” Der bekommt von Bastian zu seinem 45. Geburtstag und zur Strafe einen  “Zur Tanke? Nein danke!” – Aufkleber. Hoffentlich verschandelt der damit nicht das schöne Auto, denn auch in sprachlichen Fragen sollte gelten: AUDIatur et altera pars!.

Das Wort “Tanke” wird nämlich auch von angesehenen Künstlern wie Thomas Schütte verwendet. Jawohl. Im Titel eines Werkes. Er hat nicht “Tankstelle” gesagt. Hätte er sagen können. Sondern “Tanke”. Das wird einen Grund gehabt haben. Der Grund ist die Differenz –  vive la différence.

Die Webseite serviert das Foto von “Tanke Deutschland” an einer Tunke von KritikerSPRECH: “ Schütte greift mit seinen Modellen die Diskussionen um die architektonische Bewältigung des “Ground Zero” als “symbolischer gesellschaftlicher und urbaner Heilungsversuch” (Dieter Schwarz) auf. Thomas Schüttes Ausgangspunkt ist der nüchterne Blick auf das Vorhandene. Neben Funktionsbauten wie der “Tanke Deutschland” (2002) schließt diese Werkreihe auch Bauten für prekäre Randfiguren (vgl. “Ferienhaus für Terroristen”, 2002) ein.

Mein Blick streift über den Bildschirm, Kulturschlieren …  die Wörter “nüchterner Blick” und “Funktion”  verfangen sich in meinem Unterbewusstsein. Im Oberbewusstsein formen sie sich zu der Frage, ob sie es nicht sind, die  in Sprache am besten Klarheit bringen  können. 

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FUNDSTÜCKE, GELESEN


Kommentare

  • Adi |  09.12.2010

    Nur eine kurze Bemerkung zur “Frise”. Im Schweizerdeutschen ist das ein durchaus gängiger Ausdruck, in sozialen Netzwerken wie Facebook also ab und zu anzutreffen.

  • Deutschblogger |  09.12.2010

    Ganz herzlichen Dank, Adi, für diesen Hinweis!
    Ich habe mal gegoogelt und der Beleg aus dem “BLICK” zeigt es:
    “Die TV-Zuschauer staunten gestern, als sie den SF-Experten Alain Sutter vor dem Länderspiel Schweiz – Bulgarien (1:1) sahen. Die Mähne der Nation ist verschwunden!
    Lieber Alain, war es die späte Einsicht, dass du als Glätteisen-Blondie nie ein Trendsetter wirst oder zwang dich der natürliche Haarverlust zu diesem Schnitt? Oder waren es die SF-Frisöre? So oder so: BLICK gratuliert zur neuen Frise – kurzes Haar mit Gel!”
    Das Wort kommt nun in PONS Die deutsche Rechtschreibung. Und vielleicht war die Dame, deren Facebooknachricht im Zwiebelfisch zitiert wird, ja Schweizerin.

  • molilo |  13.12.2010

    Hallo ich lerne Deutsch in der schule und bin übersetze ein Buch. Es ist difficult

  • Molitor |  13.12.2010

    Tja, wenn Herr Sick wirklich ein richtiger Sprachwissenschaftler wäre sollte er wissen, dass vieles von dem, was ihn empört, einfach zum Sprachwandel dazugehört. Sprache lebt nun mal. Und die Sprecher produzieren neue Wörter, verformen die alten, setzen Sie in Sätzen neu zusammen so dass neue Grammatik entsteht und besetzen Wörter mit neuen Bedeutungen. So war es immer und wird es immer sein, und auch ein Bastian Sick wird es nicht aufhalten können, so sehr es ihn stören mag.


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