Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Bebendversuch

14. Januar 2011

In den ersten Tagen des noch jungen Jahres sorgen die Wortpreisträger für die eine oder andere Überraschung. Die Preiswürdigkeit des einen als Wort des vergangenen Jahres  unter so vielen Konkurrenten dekorierten Wortes mag dabei von verschiedenen Menschen unterschiedlich bewertet werden.   Dies ist gewiss eine natürliche Folge des Umstands, dass eben viele Wörter sprachlich den Nerv der Dinge treffen, denn Nerven kostet so ein Jahr und deren Überreizungen sind nicht wenige. (In der Presseerklärung der Gesellschaft für deutsche Sprache heißt es interessanterweise mit leicht anderer Perspektive, die Liste [der Kandidaten] träfe “ den sprachlichen Nerv des sich dem Ende neigenden Jahres” .  Inzwischen wissen wir, dass ein solches Wort der Wutbürger ist. Der Wutbürger ist also kein Drachentöter, er ist ein Nervtreffer.

Die Berichterstattung hat eine Metamorphose erkannt. Der üblicherweise die Contenance wahrende Hutbürger ist in Wandlung. Er wandelt sich nicht – oder aber schon  ein bisschen – zum Glutwürger, denn Glut würgt er aus und Wasserwerfer müssen diese dann löschen.  Er wandelt sich zum Wutbürger.  Er wehrt den Anfängen, indem er anfängt sich zu wehren. Dass in seiner Wahrnehmung “politische Entscheidungen über seinen  Kopf hinweg getroffen werden”, macht den Bürger wütend und seinen Namen zum Sprachpreisträger.

Das gesamte deutsche Sprachgebiet hat also im Wutbürger eine neue Lena (lexikalischen Nationalliebling). Das gesamte deutsche Sprachgebiet? Nein, in einem kleinen – vielen Deutschen aber vertrauten – Alpenstaat haben nach aktueller Meldung andere Wörter den lexikalischen Lorbeeer errungen. In der Presseerklärung heißt es: “ Von 400 Vorschlägen hat sich die sechsköpfige Jury für das Wort «Industriezubringer» entschieden. Das liechtensteinische Parlament hatte im November 2010 den Verpflichtungskredit von 15 Mio. Franken für die Realisierung des Industriezubringers Schaan genehmigt. Gegen diesen Beschluss wurde von einem Komitee aus Vertretern der Umweltverbände und der grün-alternativen Freien Liste  das Referendum ergriffen und löste hitzige Diskussionen aus.”

Irgendwie syntaktisch seltsam, dieser letzte Satz, als würde zu “löste” das Subjekt fehlen.  Interessant, dass auch bei unseren Nachbarn ein Verkehrsprojekt  sprachlich  den Sieg erringt. In deutschen Landen  brachte es das durch bürgerliche Wut zu Medienruhm aufgestiegene Stuttgart  immerhin auf die zweite Position des linguistischen DSDS  ( with a little help der irgendwie sprachmagischen “21″ ).

Während wir auf unser Unwort des Jahres 2010 noch gespannt warten müssen, kennt man in Liechtenstein das dortige Wort schon, das die öffentliche Meinung sprachseismografisch zum Beben bringt: “ Zum Unwort des Jahres wurde der Begriff «Lebendversuch» erkoren. Einleitend in seiner Ansprache zu den MiniGames am 16. September 2010 betitelte Sportminister Hugo Quaderer die 1500 Schüler als «Lebendversuch», mit deren Hilfe ausgetestet werde, ob Liechtenstein bereit ist, die LieGames 2011 durchführen zu können. «Der Einstieg war etwas ungewöhnlich» sinnierte das «Volksblatt» am Folgetag und führt weiter aus: «Quaderer hätte seine Rede noch in die richtige Richtung lenken können. Doch stattdessen griff er weiter in der Wortwahl daneben.» Hugo Quaderer wird dann in der Zeitung wie folgt zitiert: «Für einen solchen Versuch braucht es Testpersonen und ihr seid die Testtiere». Dabei erntete er Pfiffe. Die Jury ist der Ansicht, dass der Vergleich mit den Tieren und der Begriff «Lebendversuch» im Zusammenhang mit einer Sportveranstaltung mit Schülern der Oberstufe unangebracht ist.

Nun sind Schüler Menschen und Menschen sind keine Tiere. Quaderer hat sich also beim öffentlichen Reden einer Metapher bedient. Metaphern wiederum können glücklich oder unglücklich ausgehen und es sind eher die glücklosen, die bekannt werden, ihrem Schöpfer aber nicht immer Zustimmung eintragen.  Wie aber ist das mit dem Lebendversuch? In der Kunsthalle Tübingen steht derzeit eine Ausstellung des deutschen Malers Jonas Burgert unter dem Titel “Lebendversuch”.  Im Text zur Ausstellung heißt es:  “Einen „Lebendversuch” zu unternehmen bedeutet, etwas unter den realen Bedingungen des Lebens in Betracht zu nehmen.”

Wie nun, wenn der Minister gar nicht mehr als das gemeint hat? Eine Generalprobe. Das wäre ein Test von etwas unter realen Bedingungen.  Da das Agens eines Versuchs natürlich zwangsläufig das Merkmal “belebt” haben muss (es sei denn, es ginge um ein Horrorfilmszenario mit untoten Wissenschaftlern), möchte man meinen, das “Lebend-” in “Lebendversuch” akzentuiere als Besonderheit den Umstand, es werde ein Experiment an etwas Lebendem ausgeführt, das man daran aus ethischen Gründen nicht ausführen darf oder sollte. Doch gäbe es dafür nicht die klareren Ausdrücke “Tierversuch” und “Menschenversuch”? Schon ein komisches Wort, das, ein ungelenkes. Ungelenkes in der Rhetorik zieht bekanntlich Pfiffe an (Philipp Jenninger 1988,  Martin Walser 1998 … who’ s next?)

Professor Dr. Wolfgang Wahlster vom  Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz sieht in einem Interview mit  Technoloy Review unsere Gesellschaft langfristig wieder auf dem Weg  zu einer oralen Gesellschaft.

“ Schon jetzt können wir gesprochene Sprache durchsuchen. Nicht nur nachdem wir die sprachlichen Äußerungen in Text übertragen habe, sondern direkt in den digitalen Sprachsignalen. Ich kann das System also zum Beispiel fragen: „Was hat Angela Merkel in den vergangenen zwei Jahren zum Thema Steuersenkung gesagt?“, und der Computer spielt mir die gefundenen Redeausschnitte vor. Die neuesten Forschungssysteme können optisch-akustische Aufzeichnungen von Besprechungen automatisch analysieren und zusammenfassen: Wer hat wann gesprochen? Wer hatte mit wem Blickkontakt? Was wurden diskutiert? Um die Datenhalden noch weiter wachsen zu lassen? Sehen wir es mal so: Durch diese technische Entwicklung gehen wir einen Schritt zurück und zugleich nach vorn: Weg von der überwiegend textbasierten Kommunikation und hin zu dem, was schon in den letzten 10000 Jahren in der menschlichen Verständigung entscheidend war: der oralen Kommunikation. Text als digitale Speicherform wird in vielen Fällen überflüssig werden.” Interviewer: Warum halten Sie das für so bedeutsam? ” Weil im geschriebenen Text so vieles von dem, was für die direkte Mensch-Mensch-Kommunikation typisch ist, durch die bislang technisch erzwungene Verschriftlichung verloren geht – die Emotionalität zum Beispiel oder der Kontext einer Äußerung. Viele Missverständnisse basieren darauf. Sie bekommen einen guten Eindruck davon, wenn Sie beispielsweise die Protokolle des Bundestages lesen.”

That’s it. Vielleicht hat Hugo Quaderer das mit den Testtieren in einem ganz netten Tonfall lächelnd gesagt. Vielleicht ging das unter den Pfiffen unter. Ich persönlich unterstelle, dass er es nett gemeint. Hat. Vielleicht bin ich einfach zu nett.

Befragt nach dem flächendeckenden Bereitstehen von Techniken zur  Durchsuchung gesprochener Texte meint Professor  Wahlster:  ”In 20 Jahren vielleicht? Vielleicht auch erst in 50.”  Metaphern bleiben also Feuerwerkskörper; explodieren sie nicht am Himmel, wird es gefährlich.  Jetzt und in fünfzig Jahren auch.

Andreas Cyffka




Kommentare

  • Brigitte |  20.01.2011

    Tja, wenn ich richtig gelesen habe ist es “alternativlos” geworden. Vielleicht hatte die Jury einfach keine Alternative für ein Unwort des Jahres? Quasi ein Meta-Unwort?


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