Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Onion Fish und der Klapprechner

10. Februar 2011

Erstaunliches  Teil 1 – Bücher:  Kennen Sie das? Drei Bücher, die Sie gekauft haben, stehen noch immer ungelesen im Regal, während Sie einen Roman, den Sie neunmal gelesen haben, zum zehnten Mal lesen.  Mit der zehnten Lektüre noch ein wenig mehr beheimatet werden in einer erzählten Welt. Giorgio Bassanis Gärten der Finzi-Contini ist für mich so ein Buch, Pascal Merciers Perlmanns Schweigen,  Donna Tartts Geheime Geschichte. Nicht eben geringe Chancen, Mitglied in diesem Kreis zu werden, hat meine derzeitige Frühjahrslektüre Das finstere Tal von Thomas Willmann. Ein Fremder mit Namen Greider kommt in ein einsames Hochtal in den Alpen. Er ist Kunstmaler und möchte in dem kleinen abgeschiedenen Dorf den Winter über bleiben, um zu malen. Das finden die Dorfbewohner seltsam. Sie begegnen Greider mit Misstrauen. Er aber versteht es, sich das Vertrauen der Menschen zu erschleichen, und so wie Greider langsam die Bewohner immer besser kennenlernt, so begreift auch der Leser, dass in diesem finsteren Tal nicht alles mit rechten Dingen zu geht. Bald nach Greiders Ankunft wird das dörfliche Leben durch mysteriöse Todesfälle  erschüttert. Und bald wird klar – Greider weiß mehr. In filmischen Rückblenden wird von seiner Vergangenheit erzählt, von seiner Mutter, die nach schwerer Jugend ihr Glück in den Vereinigten Staaten fand.  Willmann verschränkt  Ludwig Ganghofer und Sergio Leone zu einem “Alpen-Western”.  Relativ spät im Roman erfährt der Leser, dass Greider als Rächer gekommen ist für die Ausübung des Jus primae Noctis durch den Dorf-Patriarchen Brenner.  Das “finstere Tal” ist ein Herz der Finsternis.

Besonders fasziniert hat mich Willmanns Sprache, die Gebrauch von archaischen, altertümlich anmutenden Elementen macht.  Willmanns Sätze sind nicht selten lang und syntaktisch kompliziert und wirken dennoch eigentümlich klar wie die Bergluft im Hochtal.  ”Die Sprache knarzt wie altes Gebälk und ist doch von großzügiger Leichtigkeit.” Besser als diese Beschreibung eines Rezensenten kann ich es nicht sagen.   Den Roman musste ich beim Lesen häufig beiseite legen, um Wörter, die ich für mich entdeckt hatte, zu notieren: glosendie Riese - Kraxe – das Gleißen -der Wintergast-traumverkrustet. Der Autor Thomas Willmann sagte in einem Interview: “Diese Welt hat ihre Sprache mitgebracht.”

Erstaunliches Teil 2  - rituelle Kämpfe als Fest und Volksbelustigung:  Das Ius primae Noctis spielt eine Rolle im Karneval der norditalienischen Stadt Ivrea, in der 1908 die Firma Olivetti gegründet wurde. Der Anfang dieses Volksfestes hat sehr antike Wurzeln: Ende des XII. Jahrhunderts lehnte sich die Bevölkerung Ivreas gegen Ranieri, den Grafen von Biandrate, auf, der den Anspruch auf die  Hochzeitsnacht mit den neu vermählten jungen Frauen erhob. Violetta, eine Müllerstochter, widersetzte sich, tötete den Tyrannen und präsentierte dem Volk den abgeschlagenen Kopf, wodurch sie einen gewaltigen Aufstand auslöste, der heute  in einer Art Historienspiel, der Orangenschlacht (battaglia delle arance), nachgestellt wird. Eine Schlacht, bei der man mit Orangen wirft? Da kommt einem die Tomatina in den Sinn, ein Fest,  das jedes Jahr am Mittwoch der letzten Augustwoche in der Stadt Buñol  in der spanischen Region Valencia stattfindet.Bei dem Fest werden überreife Tomaten in einer harmlosen Schlacht durch die Straßen geworfen. Wikipedia erklärt , dass zur Vermeidung von Verletzungen  es nach dem Reglement vorgeschrieben ist, die Tomaten vor dem Werfen in der Hand zu zerdrücken. Zudem seien die Lieferanten angewiesen, nur überreife Früchte bereitzustellen.

Erstaunliches Teil 3 - Sick of English: Bastian Sick ehrt  im aktuellen  Zwiebelfisch  Philipp von Zesen, jene eminente Erscheinung des siebzehnten Jahrhunderts, der als  genialer Wort-Erfinder der deutschen Sprache Wörter bescherte, die uns in ihrer schlichten Anmut und ihrem praktischen Nutzwert heute gar nicht mehr recht auffallen:  “Abstand”, ”Anschrift”, ”Augenblick” , “Bücherei”, “Kreislauf ”, “Entwurf” , “Verfasser”, “Leidenschaft” und – Sie ahnen es – “Rechtschreibung”; vor Philipp von Zesen standen für diese Konzepte nur die aus dem Lateinischen stammenden Wörter   ”Distanz”,  “Adresse”,   “Moment”,  “Bibliothek”,  “Zirkulation”, ”Projekt”,  “Autor”,  “Passion”  und – Sie ahnen es – “Orthographie” zur Verfügung. Den wortschöpferischen Geist Philipp von Zesens sieht Bastian Sick  ”zum Glück”  noch heute fortleben in der Arbeit des Verein Deutsche Sprache, besonders in dessen  ”Aktion lebendiges Deutsch”, die sich freilich nicht gegen lateinische, arabische oder französische Fremdwörter richtet, sondern gegen englische, von denen es  ” wie wir alle wissen inzwischen mehr als genug in unserer Sprache” gebe. Die “Aktion lebendiges Deutsch” mache sich übrigens auch für ein deutsches Wort stark, das der Funktion des tragbaren Computers  viel eher gerecht werde als das übliche “Laptop”: Klapprechner.  Da habe ich nicht schlecht gestaunt! Sick ein Anglizismenjäger! Da muss der Bastian aber auf der Hut sein, dass der Anataol Stefanowitsch ihn nicht erwischt  und ihm in seinem  Blog Sprachlog  das Netzkabel aus dem Klapprechner zieht.

Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück –  (Die Bibel, Psalm 23):  Wie kriege ich die Kurve in diesem Artikel?  Wie blogge ich haarscharf an der Themaverfehlung vorbei? Ich erkläre meinem inneren Deutschlehrer ganz einfach, dass ich kein Thema verfehlt habe, weil ich keines hatte – nur Impressionen, Fundstücke, Gleichzeitigkeiten, an den Gestaden meines Blogs angelangtes Strandgut .  Doch da stellt sich ein gar merkwürdiger Gedanke ein wie das letzte Kinobild im Alpenwestern: Wie wäre es, wenn all dem  öffentlich-medialen Streit um das reine oder das denglische Deutsch ein wenig das Element der Volksbelustigung innewohnte? Es ein Schaukampf wäre in der Arena der Blogs und Kolumnen? Wie wäre es, wenn die wahre Gefahr gar nicht von den Laptops, den Kiss-and-Ride-Zonen, den Headlines ausginge? Vor dem Werfen in der Hand der Sprachnörgler und Sprachnörglerwidersachern zerdrückte Worthülsen, die nicht viel mehr verletzen können als Eitelkeit. Weiche und saftlose Hülsen dazu – vom vielen Kauen? Sondern die von vielen befürchtete Gefahr für “das Deutsche” viel eher davon ausginge, dass allzu oft unsere Lebenswelten  nicht mehr – wie in Willmanns Roman - eine jeweils angemessene, sorgfältig bemessene  Sprache mitbringen? Dass unserer Sprache in ähnlicher Weise die Muße fehlt wie unserem Leben – das wäre ein mutmaßlicher Grund, warum englische Wörter in ihre knackigen Kürze so effizient, cool und unwiderstehlich erscheinen.  Texte wie “Das finstere Tal” wirken auf mich unwiderstehlich. Es eignet ihnen das wohlige Gefühl, das immer eintritt, wenn Verspanntes massiert, Verhärtetes gelockert wird. Eine Lockerung, die sich dem genussvollen Spiel mit der Sprache verdankt, dem Durchstreifen  ihrer unbegrenzten Wortschatzkammern, dem mäandernden Verweilen in Stilebenen und  intertextuellen Bezügen, ein Luxus im besten Sinne.  In  einer Rezension eines ganz anderen Buches von einem ganz anderen Autor  kam mir dann ein mutiger Satz entgegen und verscheuchte meine Zweifel über die Blogbarkeit dieser Überlegungen: “Wer aber mit ausufernden Nebensatzkonstruktionen, endlosen Einfügungen und mit dem langen Warten auf das Verb am Satzende kein Problem hat, wer also, anders gesagt, mit der Schönheit deutscher Prosa klarkommt, der wird dieses Buch ständig bei sich tragen wollen wie ein Punk seine Ratte.  Und es ist ein Buch wider die SMS-Verknappungssprache, wider die 140-Buchstaben-Logik, wider die zwanghafte Knackigkeit von Sprache und wieder den Irrglauben, sich selbst und seinen Leser nicht hie und da etwas zumuten zu dürfen.”

  Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FREUT UNS, GELESEN, POESIE, WISSENSWERTES


Kommentare


Seite auf