Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Praktikas beim Plural: Da kommt man ins Sphingen

09. März 2011

Kennen Sie das Wort Trichotillomanie?  Ich habe es lange nicht gekannt. Es bezeichnet den zwanghaften Impuls, sich Haare auszureißen. Ich stieß auf das Wort bei Recherchearbeiten für PONS Die deutsche Rechtschreibung. Nicht gering war mein Erstaunen, als es bei einer Google-Suche auftauchte. Mich hatte interessiert, welche Belegzahl die Suchmaschine für die Schreibung “Info’s” anzeigt: 4.790000 Treffer – und deren erster war eben eine Seite, auf der es um Trichotillomanie geht. Es zeigt sich: Zwanghaftes Handeln gibt es nicht nur in der außersprachlichen Realität. Weit verbreitet - und viel kritisiert -ist im heutigen Deutsch ganz offenbar der zwanghafte Gebrauch des Apostrophs.  Sie denken, “Paul’s Pilskneipe”  und  “Paula’s Wollstube” sei schon in gefühlten 180 anderen Sprachblogs diskutiert worden? Das mag  stimmen, doch das ” ‘s ” hinter Paul oder Paula oder anderen Gastronomen und Einzelhändlern (als “sächsischer Genitiv” bezeichnet) ist noch etwas anderes – ein Genitiv eben. Wir sprechen in diesem Beitrag von der Bildung des Plurals mit “s”, von all den “CD’s” und “Link’s” und “Steak’s” , die uns heute on- und  offline anlachen.  

“Auf Grund der lautgesetzlichen Auslautverhärtung führt bei Simplizia, die auf einen Obstruenten auslauten, die native Pluralbildung zur Sonorisierung des Konsonanten”, schreibt die Linguistin Heide Wegener. Falls Ihnen das nicht unmittelbar einleuchtet, können wir einfach sagen: Die Pluralbildung im Deutschen ist nicht einfach, denn es heißt  ja FrauEN, aber KindER: es heißt MÄnnER, aber Atlanten, aber auch Atlasse, aber auch … Woher kommt dann die Freude daran, mit Falschpluralen die ohnehin  komplexe Grammatiklage noch zu verkomplizieren? Vielleicht ist es ja etwas Psychologisches. Der Apostroph mag falsch sein, aber er ist SCHÖN. Für die  nahezu erotisierende Wirkung von Diakritika gibt es ja auch in anderen Sprachgemeinschaften schöne Beispiel. So kennt Wikipedia einen Heavy-Metal-Umlaut ( englisch: röck döts): Die Umlaute im Namen von Heavy Metal-Bands wie Motörhead. Umlaute und andere diakritische Zeichen geben dem (meist englischsprachigen) Bandnamen ein fremdartiges Erscheinungsbild, man spreche sogar von „germanischer Härte“. Nun, sprachlich viel härter als “Info’s” kann’s in Germanien fürwahr nicht mehr werden. Oder doch?

Ein Plural ist ein Plural ist ein Plural? So einfach ist das nicht. Da gibt es etwa die Wörter, die keinen Plural bilden können, das Wort “Vernunft” etwa. Ein solches Wort heißt Singularetantum. Und im Plural sind das dann Singularetanten? Aber nein doch, es sind Singulariatantum oder Singularetantum. Sie haben richtig gelesen: “Singularetantum” und nicht “Singularetantums”.

“Im  Urduden von 1880 und in allen späteren Auflagen (1954 West, 1991, 1996, 2000, 2004, 2006) war neben Pluraliatantum auch Pluraletantums zugelassen ist. Das 1880 inkonsequenterweise fehlende Singularetantum ist mitsamt den Pluralformen Singularetantums und Singulariatantum spätestens seit 1954 ergänzt. In allen reformierten Auflagen büßen die Singularetantums ihr -s ein; da es aber weiterhin Pluraletantums heißen soll, handelt es sich wohl um ein Versehen (das also seit elf Jahren nicht bemerkt wurde). ”

Das habe ich jetzt aber mit philologischer Akribie recherchiert? Gutten Plag, meine Damen und Herren, das habe ich einem sehr fundierten Kommentar hier entnommen.

Dabei kann man dann doch noch Pluralformen von Singulariatantum wie “Schönheit” entdecken. Aber was “Schönheiten” sind, das wissen Sie selbst.

Gut, wenn wir deutsche Plurale nicht als fremdsprachliche Klippen zu umschiffen brauchen, denn  auch das muttersprachliche Schiff kann prächtig zerschellen an den Gestaden, die Grammatik heißen. DaF gibt es doch gar nicht: ”Sphingen“ ist ein deutsches Wort! Das ist nichts Unanständiges. Das hat auch nichts mit Trichotillomanie zu tun. Nein, “Sphingen” ist die in der archäologischen Fachsprache übliche Pluralform von “Sphinx”.  

Andere Fachsprachen, andere Plurale. Ein Museumsbesuch bei den Sphingen macht hungrig. Wir gehen also zum Italiener, einem guten Italiener. Das sehen wir daran, dass es auf der Speisekarte “Scampi” heißt und nicht etwa “Scampis”. „Scampi“ ist nämlich bereits ein Plural (Nur am Tellerrand erwähnt: Der Singular lautet  ”Scampo”.) Man sieht: Doppelt hält zwar meistens besser, in Fragen der Mehrzahl sind doppelte Plurale allerdings nicht schön. Das gilt z.B. auch für die oft gehörten “Praktikas”. Das angehängte „s” bei „Praktika”, das  den Plural anzeigen soll, ist überflüssig, um nicht zu sagen falsch. Denn das „a” in „Praktika” kennzeichnet bereits den (lateinischen) Plural, der Singular lautet „Praktikum”. Entsprechende Klippen gilt es auch bei Fremdwörtern, die im Plural auf „-i” ausgehen, zu umschiffen – wie z. B. „Graffiti” (Singular: „Graffito”), also keine “Graffitis”! Fern halte man sich auch von “Antibiotikas” und “Lexikas”! Ohne das “-s” genügt es und  “Antibiotika” und “Lexika” sind auch sprachlich korrekt – und Anabolika zumindest  sprachlich korrekt. Der Plural sollte also häufiger mal zur Dopingkontrolle. Und verbotene Mittel wie Apostroph und “-s” machen sich da nicht gut.

Aber was wollen wir den Fremdwörtern Vorwürfe machen, den fiesen Pluralfallen! Manche unserer einheimischen Wörter sind kaum besser, ihre  Plurale irgendwie suspekt: Wie oft liest man von “Spielräumen”  – und gemeint sind keine  Kinderzimmer. 

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES


Kommentare

  • Jens |  14.03.2011

    Klasse Artikel, mal wieder was dazu gelernt, weiter ;-)


Seite auf