Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Die Axt im Buch bleibt nimmer, Mann!

18. Mai 2011

Wenn Sie auch so einer sind, der regelmäßig eine Idee haben sollte, weil er regelmäßig etwas schreibt, dann kennen Sie das: Man sucht die Idee, aber die Idee ist es, die den Schreiber findet.  Und mit  dem Bloggen ist das auch so. Ich denke also nach, ob es Sie interessieren könnte, ob Sie sich daran erinnern können, ob Sie es jemals gewusst haben, dass zwar nach Kurzvokalen wie in “gewusst” kein “ß”, sondern “ss” stehen muss, dass deswegen die Schreibung “heiss” noch lange nicht richtig ist (fall Sie nicht gerade in der Schweiz leben, wo sie richtig ist und richtig ist, weil es dort kein “ß” gibt), weil … nach Diphthongen wie “ei” es beim “ß” bleibt. Und während ich da so denke, verändert sich der Weltzustand  schon wieder.

Wir wissen jetzt, dass Lena den ESC nicht gewonnen hat. Wir wissen, wo Aserbaidschan ist. Die Sprache, die man dort spricht, ist nicht Englisch; sie gehört zu den oghusischen Sprachen.

Wir wissen nicht, was Monsieur DSK wirklich gemacht hat. Es ist uns aber präsent, dass “DSK” nicht für DiphthongSonderKleinschreibung steht. Wir wissen jetzt noch souveräner , dass es „Eurovision Song Contest“  und nicht „European Song Contest”  heißtDas hat die  Lena in einem recht bekannt gewordenen Interview dem Frank Elstner erklärt. Und wir wissen, dass Anstand und Sprache etwas miteinander zu tun haben. Das ist eigentlich ein ganz altes Wíssen  – super-mega-alt gewissermaßen.  

So ist es: Eine  performt – viele voten.  Das kann (Oslo), muss aber nicht (Düsseldorf) konvergieren.

Seit sich Lena ins Goldenene Buch der Stadt  Hannover mit “Verdammte Axt!“ einschrieb, bekam in Deutschland die ohnehin schon große Familie der Bindestrich-Linguistiken (Psycho-, Sozio-, Computer-, …) wieder Zuwachs. Die Lena-Linguistik finden Sie zwar in keinem Vorlesungsverzeichnis und Leerstühle fanden sich eher auf den Zuschauerrängen überdimensionierter Hallen bei Lena-Konzerten. Dennoch brachte die Lenistik sie alle auf den Plan: Die BILD-Zeitung, die die Rücktrittsrede des Bundespräsidenten ins Lena-Deutsche übersetzte, die Journalisten, die Visionäre, die bereits mit einem Lena-Deutsch/Deutsch-Lena rechneten.

Jacob Grimm hat  geschrieben: “Jeder Deutsche, der sein Deutsch schlecht und recht weiß, d. h. ungelehret, darf sich (…) eine selbsteigene, lebendige Grammatik nennen und kühnlich alle Sprachmeisterregeln fahren lassen.“  Das ist alles zuviel für so einen kleinen Blogger-Kopf. Damit wären  laufende Lachse ja gewissermaßen von höchster Stelle legitimiert. Aber ob das, was man darf, auch bleibt? Die Frage muss keinen Lenaisten belasten, denn: “In der Zeitung von heute wickelt man morgen den Fisch ein.” (L M-L). Nicht eigentlich “in DIE Zeitung von heute?” Verdammte Axt!

Fischeinwickelpapier oder Kulturgut. So hauchdünn ist ist die Grenzlinie, entlang der sich die Sprachblüten der Musikschaffenden bewegen. Einer, der sich diesbezüglich wohl gut positioniert hat, ist Udo Lindenberg.  Im Herbst letzten Jahres fuhr er gewissermaßen mit dem Sonderzug nach Kassel, wo ihm der Jacob-Grimm-Preis verliehen wurde . Tja, “Jacob Grimm”  würde sich fast schon als Logo für Sprachüberraschungseier eignen.  So in der Art: Einen “Jacob Grimm” verleihen wir den Schreibungen  ”Scharm” und “Mohär” – running scared.  Doch wie cool kommentierte der Panikrocker den ihm verliehenen Preis:«Mit der deutschen Sprache kann man jonglieren wie mit einem Kaugummi». Cool! Jacob Grimm. Udo Lindenberg: Lenaistisch gesehen fast Proto-Lenas. Vorwegnehmer der  Respektlosigkeit, die –wenn es gut geht – sich  nicht nur in Goldenen Büchern, sondern in der Umgangssprache einschreibt (wer hätte vor Udo „Keine Panik auf der Titanic“ gesagt?).  Jetzt jonglieren Sie mal mit einem Kaugummi. Eine verdammt schwere Axt, das.

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, GELESEN


Kommentare

  • Markus Wolf |  18.05.2011

    Wirklich interessant, diese Betrachtung. Und, wie ich auch in meinem Facebook-Kommentar zu diesem Artikel geschrieben, es ist auch sehr interessant festzustellen, dass Lena irgendwie in all unseren Köpfen ist.


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