Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Griechisch? Römisch? Deutsch!

26. Mai 2011

“Ich frage nun nach der Entstehung des Philologen und behaupte

1. der junge Mensch kann gar nicht wissen, wer Griechen und Römer sind,
2. er weiß nicht, ob er zu ihrer Erforschung sich eignet.”
(Friedrich Nietzsche)

Wie halten Sie es denn mit dem Latein? Was, es war in der Schule Ihr Lieblingsfach? Dann gehören Sie eindeutig zu einer Minderheit. War es Hassliebe, mal auf dem ersten, mal auf dem zweiten Wortbestandteil betont? Schon eher? Gut, denn dann ist ja wenigstens ein bisschen Liebe im Spiel. Die sollten Sie sich für die Sprache der alten Römer auch bewahren.  Sie hatte in der europäischen Bildungstradition so immensen Einfluss, dass auch unser heutiges Deutsch zumindest in seinen gepflegten oberen Stockwerken jede Menge Lateinisches enthält.

 Zoon politikon? Ein Zoobesuch als politischer Akt? (nur ein Scherz: im übrigen stammt das auch aus dem Griechischen …) Pro domo: Kennt man aus der Kaffeewerbung, aber was bedeutet das? Da ist es doch praktisch, dass Sie so manches aus diesem Bereich in PONS Die deutsche Rechtschreibung nachschlagen können. Eine kleine Auswahl interessanter Floskeln haben wir für Sie zusammengestellt. So schreiben Sie korrekt wie ein alter Römer und machen auf Deutsch und auf Lateinisch eine gute Figur. Und das  ist doch schön und auch sehr zeitgemäß; Sie machen es dann nämlich nicht wie der römisch-deutsche König und spätere Kaiser Sigismund, der  auf dem Konzil von Konstanz das griechische Wort Schisma als Femininum gebrauchte und befahl, es auch in Zukunft so zu gebrauchen, um seinen Fehler zu beschönigen. Konkret soll Sigismund gesagt haben:

Ego sum rex Romanus et supra grammaticam.
Ich bin römischer König  und stehe über der Grammatik.

Das  dürfen aber eben höchstens Könige. Und wohl selbst diese nicht, denn aus der Begebenheit entstand der Spruch:

Caesar non supra grammaticos
„Der Kaiser steht nicht über den Grammatikern.“ 

Und nun in medias res:

ab ovo: vom Ei (der Göttin Leda) her; vom allerersten Anfang an; „ab Adam und

Eva“ (nach Homer; auch bei Horaz, 65 – 8 v.Chr.)

ad lbitum: nach Belieben

ad ọculos (demonstrieren) vor Augen führen, verdeutlichen

ad usum Delphini: Für den Gebrauch/die Hände des Dauphins (Ursprung: Klassikerausgaben wurden für den jugendlichen Thronfolger Ludwigs XIV., den „Dauphin“, extra bearbeitet; heute ironische Formel für zensierte bzw. bereinigte Textausgaben)

lma Mater: (wörtlich: „nährende Mutter“) für Universitäten, an denen Studierende gleichsam mit Wissen und Bildung „genährt“ werden

Captatio Benevolntiae: Der Versuch, das Wohlwollen (der Zuhörer) zu gewinnen (aus „De inventione“ des Cicero)

ceteris paribus: unter sonst gleichen Bedingungen (im Rahmen von Experimenten: bei sonst, über genannte Einflussgrößen hinaus, konstant gehaltenen Variablen/Prämissen; abgekürzt: „c.p.“)

Cịrculus vitiosus: (wörtlich: „fehlerhafter Kreis“) Zirkelschluss (nach Aristoteles eine Schlussfolgerung, die bereits in den Prämissen enthalten ist); übertragen verwendet heute auch als „Teufelskreis“ wechselseitig sich verstärkender Missstände

Conditio sine qua non: Bedingung, ohne die etwas nicht geht/nicht eintreten kann; notwendige Voraussetzung (in der Rechtswissenschaft und in der Philosophie: bei Feststellungen zur ursächlichen Geltung einer Sache)

coram pblico: in aller Öffentlichkeit

cui bono? Wem zum Vorteil? Wer könnte daraus einen Vorteil ziehen? (Grundfrage bis heute in der Kriminalistik bei Vorliegen eines Verbrechens; nach Cicero: Verteidigungsrede für Sextus Roscius Amerinus, 80 v. Chr.)

cum grano salis: (wörtlich: mit einem Körnchen Salz) nicht ganz wörtlich zu nehmen

Deus ex Mchina: Der Gott aus der (Bühnen-)Maschine (Eingreifen eines Gottes, insbesondere am Ende einer griechischen Tragödie); unerwartete Lösung eines unlösbaren Problems; lat. Übersetzung aus dem Griech.; bei Euripides am Ende der Tragödien oft vorkommend)

exprẹssis vẹrbis: ausdrücklich

Genius Loci: (wörtlich: „der Geist des Ortes“) typische Atmosphäre eines Ortes; Symbolträchtigkeit eines Ortes; Nimbus, der einer Örtlichkeit, einer Landschaft etc. eignet (Schutzgeist bzw. Schutzgottheit eines Tempels/eines heiligen Ortes in der römischen Mythologie)

hic et nnc: hier und jetzt

Họrror Vacui: Angst/Abscheu vor der Leere (heute nur in Psychologie und Kunst verwendet, z.B. als Motiv, leere Räume zu bemalen/besprühen; vor Erforschung der Rolle des Luftdrucks in der Mitte des 17. Jhs. durch Pascal und Périer galt seit Aristoteles die Annahme, es gebe einen „Horror Vacui“ in der Natur, weshalb Gase und Flüssigkeiten von leeren Räumen angesaugt würden.)

bidem: ebenda; abgekürzt „ib.“

in natura: leibhaftig; in der natürlichen Gestalt; so, wie etwas ist

in nuce: (wörtlich: in einer Nuss) im Keim; im Ansatz

in statu nascndi: im Stadium des Entstehens; im Werden begriffen

lege rtis: nach (allen) Regeln der Kunst; kunstgerecht, vorschriftsmäßig

Modus Operndi: Art und Weise des Vorgehens/der Verfahrensweise

Modus Procedndi: Vorgehensweise; Art und Weise der Weiterbehandlung einer Angelegenheit

Modus Vivndi: Übereinkunft für ein erträgliches Zusammenleben; erträgliche Übereinkunft trotz unterschiedlicher Positionen (Beispiel: „Wir werden schon einen Modus Vivendi finden.“)

mutatis mutndis: mit entsprechenden Änderungen; (bei Vergleichen) auf den neuen Sachverhalt gemünzt (Beispiel: „Die Regeln sind hier nur mutatis mutandis anzuwenden.“)

notabene: (wörtlich: merke gut/wohl) wohlgemerkt; übrigens; abgekürzt „NB“

pr pedes: zu Fuß (Formulierungsbestandteil aus „per pedes apostolorum“: „zu Fuß wie die Apostel“)

post fstum: (wörtlich: wenn das Fest vorbei ist) nachträglich; zu spät

post mrtem: nach dem Tode (eintretend/sich ereignend)

Primus inter Pares: der Erste unter lauter Gleichgestellten; Gruppenmitglied mit gleichen Rechten wie die anderen, aber mit erhöhter Ehrenstellung (eingeführt von Kaiser Augustus, 63 v. Chr. – 14 n. Chr.; heute insbesondere auf kirchliche und politische Würdenträger bezogen)

pro domo: (wörtlich: für das Haus) für sich selbst; im eigenen Interesse; zum eigenen Vorteil (nach einer Rede des Cicero, 106 – 43 v. Chr.)

Sptem rtes liberales: die sieben freien Künste (Kanon der Antike von sieben Studienfächern, die für einen „freien“ Mann die zutreffende Bildung darstellen: Grammatik, Rhetorik, Arithmetik, Dialektik, Musik, Geometrie, Astronomie; auch im Mittelalter als Vorbereitung auf wissenschaftliche Studienfächer)

 Spiritus Rctor: (wörtlich: „Geist als Leiter/Anführer“) Person als treibende Kraft; Initiator(in); führender Geist (Person in einer Führungsrolle aufgrund der Anerkennung seiner intellektuellen Fähigkeiten)

stnte pede: stehenden Fußes; sogleich

sui gneris: (wörtlich: von seiner eigenen Art) von besonderer/spezifischer Art; eine Klasse für sich darstellend; einzigartig; ohne übliche Formtypik (aus der Philosophie der Scholastik; vor allem fachsprachlich verwendet in Philosophie sowie Rechts- und Politikwissenschaft)

sụmmum bonum das höchste Gut; das Wichtigste (bildungssprachlich häufig verwendet für etwas höchst Wichtiges; in der römischen Philosophie, insbesondere in der Ethik, oft belegt, so bei Platon und Aristoteles; entspricht im Griechischen dem „Agathon“;  bei Thomas von Aquin, ca. 1225 – 1274, steht es für Gott.)

Ụltima Ratio: (wörtlich: „die letzte Vernunft/die an letzter Stelle kommende vernünftige Überlegung“) das letzte/äußerste Mittel; der letzte Ausweg (in Konfliktsituationen)

Zoon politikn: (der Mensch als) auf die Gemeinschaft hin angelegtes Wesen; aus „Ho anthropos physei politikon zoon estin“: „Der Mensch ist von Natur aus ein soziales/auf Gemeinschaft angelegtes bzw. Gemeinschaft bildendes Lebewesen“ (im 4. Jh. v. Chr. von Aristoteles entwickelte, später oft aufgegriffene, Charakterisierung des menschlichen Wesens).

Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, LEXI, WISSENSWERTES


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