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Weil richtig schreiben wichtig ist

Die Länge deutscher Wörter

22. Juli 2011

In meinem Notizbuch finde ich folgende Eintragung: 1. Juli. Im Krankenhaus wurde gestern einem Patienten – einem Norddeutschen aus der Nähe von Hamburg – ein dreizehnsilbiges Wort herausgenommen; aber da die Chirurgen ihn höchst unglücklicherweise an der falschen Stelle geöffnet hatten (nämlich in der Annahme, er habe ein Panorama verschluckt), starb er. Das traurige Ereignis hat einen düsteren Schatten über die ganze Stadt geworfen. Diese Eintragung liefert mir den Text zu ein paar Bemerkungen über einen der eigentümlichsten und bemerkenswertesten Züge des von mir behandelten Gegenstandes – die Länge deutscher Wörter. Manche deutschen Wörter sind so lang, dass man sie nur aus der Ferne ganz sehen kann. Man betrachte die folgenden Beispiele: „Freundschaftsbezeigungen“ „Dilettantenaufdringlichkeiten“ „Stadtverordnetenversammlungen“ Dies sind keine Wörter, es sind Umzüge sämtlicher Buchstaben des Alphabets. Und sie kommen nicht etwa selten vor. Wo man auch immer eine deutsche Zeitung aufschlägt, kann man sie majestätisch über die Seite marschieren sehen – und wer die nötige Phantasie besitzt, sieht auch die Fahnen und hört die Musik. Sie geben selbst dem sanftesten Thema etwas schauererregend Martialisches. Ich interessiere mich sehr für diese Kuriositäten. Sooft mir ein gutes Exemplar begegnet, stopfe ich es aus für mein Museum. Auf diese Weise habe ich eine recht wertvolle Sammlung zusammengebracht. Wenn ich auf Duplikate stoße, tausche ich mit anderen Sammlern und erhöhe so die Mannigfaltigkeit meines Bestandes. Hier sind einige Exemplare, die ich kürzlich auf der Versteigerung des persönlichen Besitzes eines bankrotten Raritätenjägers erstand: „Generalstaatsverordnetenversammlungen“ „Altertumswissenschaften“ „Kinderbewahrungsanstalten“ „Unabhängigkeitserklärungen“ „Wiederherstellungsbestrebungen“ „Waffenstillstandsunterhandlungen“ Natürlich schmückt und adelt solch ein großartiger Gebirgszug die literarische Landschaft, wenn er sich quer über die Druckseite erstreckt; gleichzeitig jedoch bereitet er dem Anfänger großen Verdruss, denn er versperrt ihm den Weg. Er kann nicht darunter durchkriechen oder darüber hinwegklettern oder einen Tunnel hindurchbohren. Er wendet sich also hilfesuchend ans Wörterbuch, aber dort findet er keine Hilfe. Das Wörterbuch muss irgendwo eine Grenze ziehen, daher lässt es diese Sorte von Wörtern aus, und zwar mit Recht, denn diese langen Dinger sind wohl kaum rechtmäßige Wörter, sondern vielmehr Wortkombinationen, deren Erfinder man hätte umbringen sollen. Es sind zusammengesetzte Wörter ohne Bindestrich. Die einzelnen Wörter, die zu ihrem Aufbau benutzt wurden, stehen im Wörterbuch, allerdings sehr verstreut. Man kann sich also das Material Stück um Stück zusammensuchen und auf diese Weise schließlich auf die Bedeutung stoßen, aber es ist eine mühselige Plackerei. [...]

Mark Twain: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Ausgewählt und zusammengestellt von Norbert Kohl. Band 4: Bummel durch Europa. Deutsch von Gustav Adolf Himmel. Frankfurt am Main (Insel) 1985. S. 527–545. — Die Übersetzung wurde von Michael Schneider revidiert und ergänzt.


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, GELESEN, POESIE, WISSENSWERTES, WORTSTICHELEI


Kommentare

  • Stephan |  24.07.2011

    Interessanter Artikel! Danke fürs mitteilen.

  • Gitti |  25.07.2011

    Das lässt mich immer an die Pneumonoultramicroscopicsilicovolcanoconiosis, denken. Das Wort kam in meinem Linguistikbuch vor, es ist wohl das längste englische Wort.

  • Deutschblogger |  25.07.2011

    Danke Gitti,
    in Wikipedia gibt es übrigens einen wundervollen Eintrag
    http://en.wikipedia.org/wiki/Longest_words#German
    Mein Favorit ist der griechische Kandidat:
    Lopado­temacho­selacho­galeo­kranio­leipsano­drim­hypo­trimmato­silphio­parao­melito­katakechy­meno­kichl­epi­kossypho­phatto­perister­alektryon­opte­kephallio­kigklo­peleio­lagoio­siraio­baphe­tragano­pterygon
    Neben dem Eurovision Song Contest wäre auch Ein Euro Word Contest denkbar.

  • thomas |  01.08.2011

    Sehr toller Artikel und Sehr interessant!


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