Deutschblog

Weil richtig schreiben wichtig ist

Fetzengrammatik

15. Februar 2012

Auf der Rückseite einer Zeitschrift sah ich dieser Tage eine Anzeige. Sie warb nicht für  einen beliebigen Kleinbetrieb, für einen deutschen Weltkonzern immerhin. Es hatte zu tun mit (nun fast schon) historischen Automobilen. Die Überschrift lautete:

 Nach 25 Jahren treten wird er nun gestreichelt.

 Der darauf folgende Anzeigentext ist, was die Interpretation dieser Überschrift angeht, nicht sonderlich erhellend. Gemeint ist wohl, dass das sportliche Auto durch heftige Bedienung des Gaspedals besonders viel “getreten” wurde, und jetzt wohl durch einen Ehrenplatz im Werksmuseum “gestreichelt” wird. Wie auch immer. Schön all dies, stünde da nur nicht „treten“ mit einem kleinen „t“. Das müsste als substantivierter Infinitiv „nach 25 Jahren Treten“ sein.

 In einem Artikel der Zeitschrift, die von dieser Anzeige geziert wird, geht es um die Werksteststrecke der britischen Firma Landrover. Es heißt dort, die Landrover würden bei Flussdurchquerungen durch “Fuhrten” (sic) fahren … Braucht das Land den Rechtschreibrettungsschirm? Müssen wir auch bei Werbung großer Marken jederzeit mit dem Terror des Terra rechnen – wie in vorliegendem Fall?

Das Unbehagen am heutigen Deutsch: Was ist los im Land der Dichter und Denken? Der Vorsitzende des Rechtschreibrates in Deutschland Hans Zehetmair erregte jüngst mediale Aufmerksamkeit : Die “Fetzenliteratur” auf Twitter und in SMS bedrohe  die Sprachkompetenz junger Leute.

 So simpel soll es jedoch nicht. Grundsätzlich falsch sei die These deshalb, weil Twitter vor allem von Erwachsenen und nicht von Jugendlichen genutzt werde, sagt Christa Dürscheid von der Universität Zürich, die sich intensiv mit neuen Medien und deren Auswirkungen auf die deutsche Sprache beschäftigt. “Wahrscheinlich hat Zehetmair vor allem SMS gemeint und nicht genau gewusst, wovon er da spricht”, sagte sie im Gespräch mit dem österreichischen Standard. Doch auch bei SMS würden Erwachsene und nicht nur Jugendliche Abkürzungen verwenden, um sich Tippaufwand zu ersparen.

 Die Fetzen, die aber heute oft im kalten Rechtschreibwind flattern, weisen, meine ich, eher in ein fremdes Land: das der Grammatik. Um die Sache mit dem Treten (des Gaspedals) richtig hinzubekommen, müsste der Schreiber den substantivierten Infinitiv zusammen mit der Präposition nach ALS PRÄPOSITIONALPHRASE analysiert haben – nicht bewusst natürlich, sondern mittels der geheimnisvollen Fähigkeit, die seit Chomsky unter Sprachwissenschaftlern „Kompetenz“ heißt. Wer grammatisch nicht oder unzureichend „analysiert“, wird –  ja: muss – fast notwendigerweise auch die Konjunktion „dass“ und das Relativpronomen „das“ durcheinanderbringen. Das von der Rechtschreibreform ungelöste Problem beschäftigt ganze Internetseiten. Richtiges Schreiben setzt also syntaktische Kompetenz voraus. Und Syntax ist demnach nicht nur graue Theorie.

Denk dir dein Deutsch


Andreas Cyffka


Andreas Cyffka | Kategorie: ALLGEMEINES, FACHLICHES, FUNDSTÜCKE, KONTROVERSES, WISSENSWERTES


Kommentare

  • Jacques Cormay |  19.02.2012

    Eigentlich sind es ja 35 Jahre


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